© Tom Bamber

Elfenbeinküste
04/22/2014

Die starken Frauen von Abidjan

Wie eine Marktkooperative einen Millionen-Kredit bekam und ihn zurückzahlt.

von Irmgard Kischko

Jahrelang saß sie am Straßenrand im Staub der Fünf-Millionen-Stadt Abidjan in Côte d’ Ivoire (Elfenbeinküste) und bot Gemüse feil – bei brütender Hitze und im strömenden Tropenregen. Schon als sie 15 war, kannte Rosalie Botti (heute 50) nichts anderes. Eine Schule hatte sie nur kurz besucht.

Doch Rosalie hatte Träume, Träume von einem besseren Leben. Wie schwierig das für eine ungebildete, mittellose Frau werden würde, konnte sie damals nur ahnen. Männer haben in dem Land alle Rechte, Frauen fast keine. Sie dürfen kein Land besitzen, auch nicht erben. Nur arbeiten dürfen sie auf den Feldern der Männer.

Doch Rosalie ließ sich nicht beirren, fand 1997 Mitstreiterinnen, die so wie sie weg wollten von der Straße. Gemüse und Obst auf einem eigenen Markt zu verkaufen, war ihr Ziel. Die Bürokraten in der Stadtverwaltung nahmen sie lange nicht ernst, wollten ohne Schmiergeld gar nichts für die Frauen tun. Nach Jahren erst schafften sie es mit steter Hartnäckigkeit, ein Gelände für einen Markt zu bekommen. Dann kam die Finanzierungsfrage: "Ich habe alles versucht, bei Banken, Entwicklungsorganisationen und beim Staat. Niemand wollte Frauen ohne Ausbildung und ohne Sicherheiten Geld geben", erzählt Rosalie.

Ivory Coast Elfenbeinküste Cocovico

DSCN2178.jpg

Ivory Coast Elfenbeinküste Cocovico

DSCN2187.jpg

DSCN2184.jpg

Ivory Coast Elfenbeinküste Cocovico

Foto1.JPG

Ivory Coast Elfenbeinküste Cocovico

Ivory Coast Elfenbeinküste Cocovico

Ivory Coast Elfenbeinküste Cocovico

Ivory Coast Elfenbeinküste Cocovico

Ivory Coast Elfenbeinküste Cocovico

Foto3.JPG

Foto4.JPG

DSCN2185.jpg

DSCN2181.jpg

DSCN2177.jpg

DSCN2189.jpg

DSCN2179.jpg

DSCN2188.jpg

DSCN2176.jpg

Erst 2004 stießen die Frauen auf Oikocredit. "Wir haben nichts anzubieten. Aber wir wissen, dass unser Markt-Projekt ein Erfolg wird", sagten sie zu OikoCredit. Das niederländische Finanzinstitut, das auch in Österreich ein Büro betreibt, um Geld von Sparern einzusammeln, ist eigentlich auf Mikrokredite spezialisiert – Minifinanzierungen von wenigen Hundert bis zu 2000 Euro. In Einzelfällen vergibt es aber Geld in größerem Ausmaß. Die Kooperative der Marktfrauen war so ein Fall. 1,5 Mio. Euro hat OikoCredit der Kooperative, die sich Cocovico nennt und deren Geschäftsführerin Rosalie heute ist, geliehen. 600 Stände umfasst die Cocovico-Markthalle inzwischen. Sie hat fließendes Wasser und Strom.

2000 Frauen verdienen sich dort den Lebensunterhalt und die Kooperative kann aus dem Ertrag der Stand-Mieten und dem Gemüse-Großhandel den Kredit bedienen. 2017 soll er zurückgezahlt sein. OikoCredit hat den Frauen aber nicht einfach das Geld gegeben und gewartet, bis es zurückkommt. "Wir haben sie mit Schulungen, Organisation und Buchhaltung unterstützt", sagt Mariam Dao Gabala, die lokale OikoCredit-Chefin. Während des Bürgerkriegs wurden die Tilgungen unterbrochen. "Wir müssen viel flexibler sein als normale Banken."

Mehr als ein Markt

Cocovico nur als Kooperative von Marktfrauen zu bezeichnen, wäre zu kurz gegriffen. Die Frauen haben einen kleinen Raum, in dem Lehrerinnen Analphabetinnen Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen.

Was Bildung bewirkt, ist an Rosalies Familie deutlich zu sehen. Ihre fünf Kinder studieren alle. "Das ist mehr, als ich mir jemals erträumt hätte", freut sich Rosalie.

Westafrika steckt in der Teenager-Krise

Täglich flüchten Hunderte Afrikaner übers Mittelmeer nach Europa. Viele von ihnen stammen aus Westafrika. Warum die Menschen ihr Land verlassen und welche Perspektiven die Region hat, erläutert die Ökonomin und Leiterin des Westafrika-Büros von Oikocredit, Mariam Dao Gabala (56), im Gespräch mit dem KURIER.

Was treibt die jungen Menschen aus Westafrika weg?
Mariam Dao Gabala: Es ist die Aussichtslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit ist enorm, es fehlt das Geld für Investitionen. Auch gut Ausgebildete finden keine Jobs. Man kann den jungen Menschen nicht sagen: Geht aufs Land und arbeitet dort wie eure Großväter. Unsere Bauern bestellen das Land ohne jegliche Maschinen.

Woran mangelt es am meisten?
An Finanzierungen. Für arme Menschen gibt es von den Banken kein Geld. Und Menschen, die Sicherheiten haben, können sich Kredite gar nicht leisten. Die Zinsen liegen bei 14 bis 15 Prozent. Ich selbst habe mein Leben lang keinen Kredit bekommen. Deswegen sind Mikrokredite so wichtig.

Ist nicht die politische Unsicherheit das größere Problem?
Côte d’ Ivoire hat 15 Jahre schwerer politischer Krisen und Jahre von Bürgerkrieg hinter sich. Europa verlangt von uns demokratische Wahlen. Doch wie soll das gehen mit fast 50 Prozent Analphabeten und 90 Prozent, die gar keine Ahnung von Demokratie haben?

Ist Demokratie die falsche Lösung für Westafrika?
Nein, aber wir brauchen Zeit. Wir müssen selbst eine demokratische Form finden, die für uns passt. Westafrika steckt in einer Teenager-Krise, in der erst eine eigene Persönlichkeit aufgebaut werden muss. Dabei brauchen wir Unterstützung.

Wie kann die Region wirtschaftlich auf die Beine kommen?
Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Nach Jahren der Krisen finden wir uns in einer globalisierten Welt wieder. China drängt auf unsere Märkte. Und wir haben wenig, um dagegen zu halten. Die elektrische Energie ist hier sehr teuer, es gibt keine Unterstützung für erneuerbare Energien. Es fehlt aber auch an einem funktionierenden Rechtssystem. Es gibt zwar Gesetze, aber wer kennt sie?

Ist Korruption ein Problem?
Ja, ein großes sogar. Und die hohe Analphabetenrate fördert das noch. Wer nicht lesen kann und daher nicht weiß, welches Papier er braucht, zahlt eben dafür.

Potenzial für ein neues Schwellenland

Ende 2011, als die Österreicherin Doris Hribernigg nach Abidjan kam, um in der westafrikanischen Küstenstadt für die UNIDO zu arbeiten, fand sie pure Tristesse vor. Die Straßen menschenleer, die Geschäfte geplündert, die Auslagen zerschlagen – Spuren des Bürgerkriegs, der die Elfenbeinküste nach den Wahlen 2010 erschütterte. Auch das Büro der UNIDO wurde nicht verschont. Alles wurde geplündert: Computer, Büromöbel, nichts funktionierte.

Drei Jahre später erinnert fast nichts mehr an die desolate Lage von damals. „Es ist faszinierend, was die Menschen in so kurzer Zeit zustande gebracht haben“, sagt Hribernigg. Dennoch sind die Probleme im Land enorm. Eine Arbeit in unserem Sinn – angestellt und sozial abgesichert – haben nur die wenigsten. 90 Prozent der Menschen im arbeitsfähigen Alter werken im informellen Sektor. „Die größte Sorge aber bereitet die Jugendarbeitslosigkeit. 70 Prozent der Menschen hier sind jünger als 30 und die Aussichten auf Jobs sind sehr gering“, fasst Hribernigg die Problematik in Zahlen.

Innerhalb der UNIDO leitet sie mit Geld aus Österreich das Projekt Business-Start-ups. Dabei werden junge Menschen mit Mikrokrediten – zwischen 2000 und 4000 Euro – bei der Gründung eines Unternehmens unterstützt. Binnen kürzester Zeit hatten sich 1500 junge Menschen dafür gemeldet. 150 Projekte wurden ausgewählt, 30 bisher umgesetzt. „Es ist alles viel schwieriger als gedacht. Der größte Engpass sind die Finanzierungen“, erklärt die UNIDO-Expertin.

Lokale Mikrokredit-Institutionen sind im Bürgerkrieg an den Rand der Pleite getrieben worden. Viele Kreditnehmer konnten nicht mehr zahlen, ihre Mini-Unternehmen wurden zerstört. Unter dem Mangel an Bank-Finanzierungen leidet nicht nur das potenzielle Jungunternehmertum, sondern die gesamte Wirtschaft.

Die Chinesen kommen

Die Einzigen, die im Land bauen, sind chinesische Unternehmen. Sie bringen die Finanzierung gleich mit, aber auch das gesamte Personal. Sie bauen Straßen, Brücken, Hotels und öffentliche Gebäude zu Preisen, bei denen die frühere Kolonialmacht Frankreich längst nicht mehr mit kann. Und über die Straßen eröffnen sich die Chinesen auch den Zugang zum Rohstoffreichtum des Landes, der von Bauxit bis zu Gold reicht.

UNIDO-Expertin Hribernigg sieht die Zukunft des Landes dennoch nicht völlig düster. „Côte d’ Ivoire ist reich: Öl vor der Küste, Kautschuk-, Kakao- und Kaffeeplantagen. Die Bevölkerung ist bildungshungrig und zum Teil sehr gut ausgebildet“, betont sie. Das könnte das Land zu einem neuen Schwellenland machen. Die Voraussetzung dafür: Côte d’ Ivoire muss den Frieden erhalten, sonst wird niemand investieren. Die nächsten Wahlen 2015 werden zeigen, ob das möglich ist.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.