© EPA

Wirtschaft
05/03/2012

Dissident will mit Clinton in die USA

Cheng Guangcheng sieht sich und seine Familie in akuter Gefahr und bringt die USA mit seiner Hilfsbitte in Verlegenheit.

von Stefan Galoppi

Der aufsehenerregende Fall des blinden Bürgerrechtlers Chen G­uangcheng versetzt US-Außenministerin Hillary Clinton in eine immer schwierigere Lage: "Meine größte Hoffnung ist, dass es für mich und meine Familie möglich wäre, mit Clintons Flugzeug in die USA zu fliegen", ließ der 40-Jährige in der Nacht zum Donnerstag in zwei Telefon-Interviews wissen. Er appellierte auch an Präsident Barack Obama persönlich, seiner Familie zu helfen: "Wir sind in Gefahr." Am Morgen war Chen auf seinem Handy dann nicht mehr zu erreichen.

Clinton hält sich gemeinsam mit Finanzminister T­imothy Geithner zum alljährlichen Strategie-Dialog mit der chinesischen Führung in Peking auf. Es sollte um Wirtschaft, den Iran und Nordkorea gehen – der diplomatische Wirbel passt ihr gar nicht ins Konzept. Zudem muss sie nun dem Eindruck entgegenwirken, die USA hätten den Dissidenten im Stich gelassen.

Diese Version brachte Chen selbst in Umlauf. Nach seiner Flucht aus dem Hausarrest hatte er sich sechs Tage in der US-Botschaft in Peking versteckt gehalten. Dort hätten ihn extra angereiste US-Vertreter unter "enormen Druck" gesetzt, das Gebäude wieder zu verlassen.

Massive Drohungen

Sie hätten ihm von den Drohungen chinesischer Offizieller berichtet, seine Frau und die beiden Kinder in die Heimatprovinz Shandong zurückzubringen. Damit wäre die Möglichkeit verloren gewesen, eine Wiedervereinigung der Familie auszuhandeln. Außerdem soll es Drohungen gegeben haben, seine Frau zu Tode zu prügeln. Deshalb habe er seine Meinung geändert und wolle China nun "so schnell wie möglich" verlassen.

Chen, der sich als Anwalt gegen die rigide Ein-Kind-Politik und Zwangsabtreibungen engagiert und deshalb Gefängnis und Hausarrest erlebt hatte, fühlte sich in der Botschaft "isoliert" und von wichtigen Informationen abgeschnitten. Schließlich habe er sich entschlossen, die Botschaft zu verlassen. Im Spital, wo er seinen auf der Flucht verletzten Fuß behandeln lassen sollte, war dann von den zugesagten US-Begleitern nichts zu sehen. Er sei von der Regierung in Washington enttäuscht, sagte Chen. Der US-Botschafter in Peking, Gary Locke, widersprach seiner Darstellung. Chen sei nie unter Druck gesetzt worden. Laut Medienberichten standen Diplomaten auch gestern in Kontakt mit dem Bürgerrechtler, um eine Lösung zu finden.

Hillary Clinton sprach die Affäre in ihrer Rede in Peking nur indirekt an: "Alle Regierungen müssen dem Wunsch ihrer Bürger nach Würde und Rechtsstaatlichkeit nachkommen, und keine Nation kann oder darf solche Rechte verweigern."

Die Organisation Chinese Human Rights Defenders kritisierte, die USA hätten nicht sichergestellt, dass China seinen Teil des Tauschhandels einhält. Jetzt gebe es Anlass zur Sorge um Chen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.