Endlich "abschalten".

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Frankreich
01/02/2017

Nach Dienstschluss dürfen Franzosen "abschalten"

Seit dem 1. Januar müssen französische Mitarbeiter in ihrer Freizeit keine beruflichen Mails mehr bearbeiten. So soll unter anderem das Risiko von Burnouts reduziert werden.

von Jürgen Klatzer

Um 18 Uhr verlassen Sie das Büro und freuen sich auf einen erholsamen Feierabend. Sie denken an ihre Couch, auf der Sie nach der harten Arbeit liegen wollen, oder an ein Buch, das seit Wochen darauf wartet, gelesen zu werden. Doch plötzlich vibriert das Smartphone in Ihrer Hosentasche. Sie haben eine E-Mail bekommen – vom Chef. Aber anstatt bis morgen zu warten, setzen Sie sich sofort vor dem Laptop und machen da weiter, wo Sie um 18 Uhr aufgehört haben: Arbeit.

In Frankreich gehört das nun der Vergangenheit hat. Ein neues Arbeitsgesetz, das pünktlich zu Neujahr in Kraft getreten ist, gibt den Arbeitnehmern das "Recht auf Abschalten", bedeutet: Nach Dienstschluss müssen Angestellte in Frankreich in ihrer Freizeit keine beruflichen Mails mehr bearbeiten.

Gezwungen, nach Dienstschluss zu arbeiten

"Diese Maßnahme wurde aus Respekt vor der Freizeit gesetzt. Die Balance zwischen Arbeits- und Freizeit – Familie und Persönliches – muss gewährleistet werden", heißt es in einem Statement des französischen Arbeitsministeriums. Das Prinzip des "Always on", also ständig online, wird ausgehebelt, um das Risiko von Burnouts und anderen stressbedingten Erkrankungen zu reduzieren.

Allerdings gilt das Gesetz nicht für alle Unternehmen: Erst ab einer Größe von 50 Angestellten müssen Unternehmen genaue Regelungen treffen, wie Mitarbeiter in dienstlichen Einsätze Mobilgeräte verwenden sollen. Ist eine einvernehmliche Regelung jedoch nicht möglich, sind Unternehmen verpflichtet, die Rechte und Pflichten der Mitarbeiter während ihrer Freizeit genau aufzulisten.

Seit 2000 gilt in Frankreich eine 35-Stunden-Arbeitswoche. Aber Kritiker warnen immer wieder, dass Arbeitnehmer gezwungen werden, auch außerhalb ihrer typischen Dienstzeiten zu arbeiten, E-Mails abzuarbeiten oder Anrufe entgegenzunehmen. Bezahlt werden sie dafür aber nicht. Deshalb haben französische Gewerkschafter seit Jahren das neue Arbeitsgesetz gefordert (mehr dazu hier). Die zunehmende Digitalisierung und Entwicklung neuer Technologien habe zu einer "Explosion nichtdeklarierter Arbeit" geführt.

Kein generelles Verbot

Viele Unternehmen in Frankreich haben bereits Regeln geschaffen. Denn für sie entstehen durch stressbedingte Krankheiten wie Burnout oder anderen psychischen Problemen erhebliche Kosten. Verschiedene Studien belegen, dass die Flut an Mails eine wichtige Stressquelle für Mitarbeiter sein kann. Zwar könne kurzfristig betrachtet "Always on" eine gute Idee zu sein, weil es die Produktivität steigert, jedoch kann es auf lange Sicht sehr gefährlich für die Gesundheit sein, belegt eine Studie aus dem Sommer 2016 der Lehigh University in Pennsylvania. Klare Regelungen für Mitarbeiter können die negativen Folgen der ständigen Erreichbarkeit deutlich minimieren.

Das "Recht auf Abschalten" stellt kein generelles Verbot dar. Vielmehr erlaubt die Regelung den Beschäftigten, berufliche E-Mails und Telefonate außerhalb der Arbeitszeiten zu ignorieren. Wer will, kann arbeiten, wer will, kann auch ein Buch lesen oder sich auf der Couch bequem machen.

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