Wirtschaft 03.03.2013

Die Jagd nach dem Pferd im Fleisch

Das Wiener Marktamt nimmt flächendeckend Proben. Sechs Tests waren positiv.

Alexander Hengl, Lebensmittelkontrolleur des Wiener Marktamtes meldet sich grundsätzlich nie an. Freitagmittag steht er plötzlich vor Fleischhauer Helmut Kopp, 59. Der betreut gerade seine Stammkundschaft am Floridsdorfer Markt.

Der Verkaufsstand des Unternehmens Wild, mit eigener Schlachtung und Produktion im Weinviertel, wirkt beim KURIER-Lokalaugenschein aufgeräumt, sauber und bietet G’schmackiges von Schwein, Rind und Kalb. „Ich nehme heute einen halben Kilo Faschiertes mit“, erklärt Hengl und bedient sich aus dem Verkaufspult.

„Ich weiß, bei unserer Ware ist alles bestens. Aber ich mag’ solche Kontrollen einfach nicht“, lässt Fleischer Kopp – während er Schulter und Lungenbraten in Papier einpackt – wissen.

Das Faschierte wandert in die Kühltasche und ab geht es in die Lebensmittelversuchsanstalt der Stadt Wien (MA 38) in Wien-Landstraße. Dort warten Chemiker in einem High-Tech-Labor auf die Probe. „Wir prüfen jetzt die Ware gezielt auf Pferdefleisch-Zusatz“, erklärt Martin Hofer, Vize-Direktor der Lebensmitteluntersuchungsanstalt. 140 Proben wurden seit Mitte Februar gezogen. Darunter auch die mit Pferdefleisch versetzten Tortelloni und das Kebab-Fleisch aus Ottakring. Auch vier positive Proben aus Würsten und Verhackertem einer Kärntner Firma wurden von den Spezialisten in Wien lokalisiert.

DNA verrät den Betrug

Das Labor gleicht tatsächlich den Filmkulissen einiger US-Krimiserien. Chemiker Michael Glawischnig erklärt – extrem vereinfacht – den Ablauf der komplizierten Tests: „Durch Zerkleinerung und Reinigung der Probe werden die Zellen aufgeschlossen. Somit kann die DNA, etwa von Pferdefleisch, freigesetzt werden.“ Kollegin Sandra Reininger ergänzt: „Die Nachweisgrenze liegt bei 0,5 Prozent der Probe. Um sicher zu gehen muss das homogenisierte Fleisch etwa 40 Temperaturzyklen bis 95 Grad durchlaufen. Damit wird die Pferde-DNA vervielfacht und ist somit zweifelsfrei nach zu weisen.“ Um auf der sicheren Seite zu sein, wird die Probe ein zweites Mal getestet. Vorweg: Das Faschierte vom Floridsdorfer Markt war von bester Qualität.

Die Test-Analysen werden schließlich auf dem PC abgelesen. Bei Verunreinigung wird das Marktamt verständigt, es folgt eine Anzeige gegen das produzierende Unternehmen nach dem Lebensmittelgesetz. Marktamt-Mitarbeiter Hengl versucht die Konsumenten zu beruhigen: „Es handelt sich bei der Pferdefleisch-Misere zwar um Etikettenschwindel im großen Stil, nicht aber um einen Anschlag auf unsere Gesundheit.“

Trotz BSE-Skandal, Turbo-Schweinen oder Gammelfleisch hat sich der Pro-Kopf-Verbrauch bei Fleisch in den letzten 20 Jahren kaum geändert. Jeder Österreicher lässt sich 65 Kilogramm Fleisch pro Jahr gut schmecken.

Die Frage allerdings, ob Tester und Kontrollore immer wissen, welche Nahrung sie zu sich nehmen, wurde überraschend mit einem kollektiven „Nein“ beantwortet: „Wenn unsere Nahrungsmittel durch ganz Europa gekarrt werden, Kühlketten am seidenen Faden hängen, Gewürze aus Indien kommen, und ein aggressiver Preiskampf den Markt regiert, ist hundertprozentige Kontrolle, auch mit modernster Technik, leider unmöglich.“

( Kurier ) Erstellt am 03.03.2013