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Bonus-Kürzung
03/09/2017

Deutscher Industrieboss kritisiert Manager-Gagen

Abstand zu übrigen Beschäftigten sei zu groß: BDI-Chef Dieter Kempf will Top-Gehälter bei Misserfolg kürzen.

Diese Kritik kommt von unerwarteter Seite. Üblicherweise sind es die Vertreter der Arbeitnehmerseite, die Gewerkschaften, die die überzogenen Managergagen beanstanden. Jetzt äußerte sich aber der höchstrangige Industriesprecher in Deutschland ganz ähnlich: In vielen Fällen sei die Schere zwischen den Topgagen und den Durchschnittsgehältern zu groß geworden, sagte Dieter Kempf, der neue Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

"Richtig wehtun"

Er will die Manager-Gehälter bei Misserfolgen vom Unternehmen kürzen lassen. Gesetzliche Schritte lehnt er dazu aber ab. Wenn Manager ihre gesetzten Ziele verfehlten, sollten ihre Vorstandsbezüge mit Abzügen versehen werden, „die dann richtig wehtun“, sagte Kempf der „Wirtschaftswoche“ laut Vorabbericht vom Donnerstag. „Entscheidend bleibt, dass jedes Unternehmen selber festlegen können muss, wie streng es in diesen Fällen durchgreifen will“, betonte Kempf.

Hintergrund der Debatte ist, dass die SPD kürzlich einen Gesetzesentwurf vorgelegt hat, um Auswüchsen bei den Managergehältern einen Riegel vorzuschieben. Demnach soll von Firmeneigentümern bei der Hauptversammlung künftig ein maximales Verhältnis der Vorstandsbezüge zum Durchschnittsverdienst im Unternehmen fixiert werden. Zudem soll die steuerliche Abzugsfähigkeit von Vorstandsgehältern auf 500.000 Euro begrenzt werden.

Neues Wettrennen droht

Kempf ist dafür, das betriebsintern zu regeln. Denn wenn die Begrenzung der Managergehälter gesetzlich fixiert würde, drohe „eine neue Art von Wettrennen“. Jede Führungskraft würde dann versuchen, so nah wie möglich an diese Grenze zu kommen. „Also würden viele Gehälter vermutlich eher steigen als fallen“, sagte er.

Allerdings räumte Kempf ein, dass die Relation zwischen den Einkommen der Unternehmensspitzen und denen der übrigen Beschäftigten in vielen Fällen nicht mehr stimme. „Deshalb kenne ich es aus meiner Vorstandstätigkeit, die Gehälter des Vorstandes in ein bestimmtes Verhältnis zu den Gesamtlöhnen im Unternehmen zu setzen und deren Anstieg transparent zu handhaben.“

Schweizer stimmten gegen "1:12"

Die Debatte ist nicht neu. In der Schweiz gab es zu dem Thema im November 2013 sogar schon eine Volksabstimmung. Eine Initiative wollt die Topeinkommen auf das Zwölffache eines einfachen Arbeitergehaltes begrenzen. Der Vorstoß der Jungsozialisten fiel allerdings klar durch. Die „1:12-Initiative für gerechte Löhne“ wurde mit 65,3 Prozent der Referendumsteilnehmer abgelehnt.

Anlassfall VW-Abfertigung

Verschärft wurde die Debatte über hohe Managergehälter in Deutschland durch die - vertragskonforme - Zwölf-Millionen-Euro-Zahlung für das Ex-VW-Vorstandsmitglied Christine Hohman-Dennhardt, die nur 13 Monate in ihrer Funktion war. Kanzlerin Angela Merkel und Unionsfraktionschef Volker Kauder bekannten sich dazu, zumindest die Möglichkeit des Steuerabzugs zu deckeln. Bereits im Koalitionsvertrag verabredet ist, dass künftig die Aktionäre das Vorstands-Vergütungssystem beschließen sollen.

Der SPD geht das noch nicht weit genug. Sie will, dass die Hauptversammlung auch über einen Vorschlag des Aufsichtsrates über ein Maximalverhältnis zwischen der Vergütung der Vorstände und der Beschäftigten entscheidet. Noch bis in die 1980er-Jahre hätten Vorstände nur das Fünfzehn- bis Zwanzigfache verdient. Heute liege das Verhältnis bei 1:50 oder in manchen Fällen sogar über 1:100.

Vom Burgerbrater zum Industrieboss

Andere würden das vielleicht schamhaft im Lebenslauf verschweigen. Der neue deutsche Industrieboss Dieter Kempf - seit Jänner 2017 Präsident des Lobbyverbandes BDI - ist hingegen stolz darauf: Er hat als 18-jähriger Student bei McDonald's gejobbt und Hamburger gebraten.

Und nicht nur das. Er arbeitete in der ersten deutschen Filiale der Fast-Food-Kette. "Ich war wahrscheinlich der dritte Mitarbeiter überhaupt, den McDonald's in Deutschland angeworben hatte", sagte Kempf in Interviews.

Als BDI-Chef soll der IT-Experte nun die deutsche Wirtschaft fit für die Digitalisierung machen. Er machte die eher biedere Steuerberater-Genossenschaft Datev in Nürnberg zu einem der größten IT-Dienstleister in Europa und führte lange Zeit den Telekom-Verband Bitkom an.

Neuer Lobbyismus

In Deutschland wird der 63-Jährige als bodenständiger und gewiefter Stratege beschrieben. Er habe verstanden, dass die klassische Form des Lobbyismus - man kennt sich, man hilft sich - unter Druck geraten ist. Die Wut auf das Establishment zwinge auch die Wirtschaftsbosse, die Hinterzimmer zu verlassen. „Die Zivilgesellschaft hat einen höheren Anspruch, Dinge besser erklärt zu bekommen“, sagte er.

Den Firmen - der BDI vertritt mehr als 100 000 mit über acht Millionen Beschäftigten - rät er, mutig neue Wege zu gehen. Früher sei im Mittelstand der Inhaber, getrieben vom Erfindergeist, der Motor gewesen. Nun fehle vielerorts das Internetwissen. Firmen müssten sich nun mit Leuten aus der Internetwelt zusammentun („Open Innovations“), um die digitale Revolution zu überleben. Industrie 4.0 - das steht für die Digitalisierung und Vernetzung der Produktion (Internet der Dinge): Hier gehöre Deutschland noch nicht zu den Trendsettern.

Merkel hört "nicht unbedingt" auf ihn

Kempf beriet die deutsche Regierung in Fragen der Cyber-Sicherheit und des Datenschutzes. Der Steuerberater gilt als einer der Väter des Finanzamt-Portals „Elster“, über das Steuerpflichtige elektronisch ihre Einkommensteuererklärung erstellen und übermitteln können. Kanzlerin Angela Merkel kenne er von diversen IT-Gipfeln. Auf ihn gehört habe sie damals aber nicht unbedingt, erzählt Kempf.

"Bedarfsorientiert cholerisch"

Die joviale Art des Franken mit dem gemütlichen Schnauzer und der randlosen Brille täusche etwas, sagen Freunde. Er könne „bedarfsorientiert cholerisch“ werden, gibt der Steuerberater selbst zu: „Wenn immer der Klügere nachgibt, entscheidet der Dumme. Das kann's ja auch nicht sein.“

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