Wirtschaft
26.07.2017

Deutsche Autobauer fallen ins Turboloch

Erst Schummelsoftware, jetzt Kartell-Verdacht - es drohen eine Klagsflut und zweistellige Milliardenstrafen.

Den deutschen Autobauern droht die Schubkraft verloren zu gehen. Der Volkswagen-Konzern fährt seit Ausbruch des Dieselskandals im Herbst 2015 ohnehin schon im Krisenmodus. Und kaum schien er mit einem neuen Chef, mit Software-Updates und Fahrzeugrücknahmen langsam aus dem Gröbsten raus, steckt er mitten im nächsten Skandal, der noch viel größer sein dürfte.

Das mutmaßliche Kartell von VW, seinen Töchtern Audi und Porsche sowie Daimler und BMW umfasst nicht nur die Abgasreinigung, sondern auch die Einkaufspolitik und Preisgestaltung. "Es bleibt der Eindruck, dass mancher Verantwortlicher noch immer zu viel Benzin im Blut statt Sauerstoff hat", sagt Frank Schwope, Autoexperte der deutschen Nord LB.

Sollte sich der Verdacht jahrelanger Absprachen bestätigen, dürfte es für die Konzerne teuer werden. EU-Strafen können bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes betragen. Die fünf verdächtigen Konzerne verbuchten 2016 Erlöse von rund 546 Mrd. Euro. Allerdings gibt es eine Kronzeugenregelung. Unternehmen, die Teil eines Kartells sind und sich selber anzeigen, profitieren von einem reduzierten oder vollständigen Straferlass. Darauf darf laut Süddeutscher Zeitung Daimler hoffen. Die Firma hat demnach das Kartell bei den Wettbewerbsbehörden gemeldet und kam damit VW zuvor.

Die Wolfsburger könnten bestenfalls nur mit dem halben Strafmaß rechnen. Und das auch nur dann, falls VW zusätzlich zu den von Daimler eingereichten Unterlagen weitere "Beweismittel mit erheblichem Mehrwert" vorgelegt hätte.

Schadenersatz

Das wäre aber noch nicht alles. Neben den Strafen könnte es Schadenersatzklagen geben. Und zwar von Zulieferern, die preislich unter Druck gesetzt wurden oder deren Technologie nicht zum Einsatz kam. Oder von Mitbewerbern, die durch das Kartell ins Hintertreffen gerieten; oder von Aktionären, die nun Kursverluste ausbaden müssen bzw. wegen der Strafen geringere Dividenden zu erwarten haben. Und nicht zuletzt könnten auch Autokäufer vor Gericht ziehen, falls sich herausstellen sollte, dass die Fahrzeuge infolge von Preisabsprachen zu überhöhten Preisen verkauft wurden. Die EU-Kommission hat bereits angekündigt, infolge des Skandals EU-weite Sammelklagen zu ermöglichen.

Um den Skandal und seine Auswirkungen zu erörtern, kommen heute, Mittwoch, die Aufsichtsräte von Daimler und Volkswagen zusammen. Sie waren bis dato ebenso ahnungslos. Welche (personelle) Konsequenzen gezogen werden, war im Vorfeld noch nicht absehbar.

Abgas-Ermittlungen

Bei VW ist man, wie erwähnt, Kummer gewöhnt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 47 Beschuldigte, darunter Ex-Konzernchef Martin Winterkorn, wegen der Manipulation von Dieselabgasen. In den USA sitzen zwei VW-Manager in Haft – beide bekannten sich schuldig. Es gab Straf- und Schadenersatzzahlungen von 25 Mrd. Euro und Zehntausende Rücknahmen. Weltweit läuft ein Rückruf für elf Millionen Autos, Klagen von Autobesitzern sind im Laufen.

Bei Daimler könnten bei mehr als einer Million Fahrzeugen Motoren mit manipulierten Abgaswerten eingebaut sein. Das geht aus einem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Stuttgart hervor. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit März wegen Betrugs, in den USA laufen die Ermittlungen bereits länger. Im Vorjahr wurden 247.000 Mercedes wegen zu hohen Schadstoffausstoßes zurückgerufen.

Bei BMW hingegen konnten bis dato keine Verfehlungen festgestellt werden.Bei Opel hatte die Staatsanwaltschaft im April das Verfahren eingestellt, weil sie keinen Verdacht auf strafbare Manipulation der Abgastechnik gefunden hatte.

Auch ausländische Hersteller sind in den Skandal involviert. Die französische Justiz ermittelt gegen Renault und PSA Peugeot Citroën. Renault soll sogar schon seit 1990 manipuliert haben. Beide Hersteller weisen die Vorwürfe zurück.

In den USA wiederum steht Fiat Chrysler unter Verdacht. 104.000 Geländewagen müssen umgerüstet werden, es kann aber laut Justizministerium noch Wochen oder Monate dauern, bis die Software genehmigt wird.

In den Niederlanden ist die Chrysler-Tochter Jeep im Visier der Behörden. Das Modell Grand Cherokee weise erhöhte Stickstoffemissionen im Straßenbetrieb auf. Ähnliche Ungereimtheiten gebe es beim Vitara von Suzuki.