Knapp-Ingenieur Thomas Schneider führt das Assistenzsystem vor

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Effizienz-Experte
09/27/2016

"Das sind Gesetze aus der Steinzeit"

Warum Österreich trotzdem funktioniert: Knapp-Chef Gerald Hofer mit Lob und Tadel für den Standort.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Aus der Garage zum Weltkonzern, das gibt es nicht nur bei Apple. Die österreichische Variante beginnt 1952 im Keller eines Privathauses in Graz: Dort experimentierte der Firmengründer und Erfinder Günter Knapp mit der maschinellen Befüllung von Krapfen und anderem Gebäck. Mit Erfolg. Über den Einstieg in die Pharmalogistik begann für die Knapp-Gruppe in den 1970er-Jahren eine rasante Expansion im Bereich innerbetriebliche Logistik.

Aktuell kommt die Knapp-Gruppe mit gut 3000 Mitarbeitern weltweit (davon 2000 in Österreich) auf 582 Mio. Euro Nettoumsatz - ein Umsatzplus im Vergleich zum Vorjahr von 25 Prozent. Die Exportquote beträgt aktuell 97 Prozent. Der KURIER sprach mit CEO Gerald Hofer, seit 1994 bei Knapp und seit 2012 Vorstandschef, über Industrie 4.0 und den Standort Österreich.

KURIER: Ist Österreich innovationsfreundlich oder -feindlich?

Gerald Hofer: Innovationsfreundlich ist der Standort allemal, es gibt gute Förderungen für Forschung und Entwicklung. Auch die Zusammenarbeit mit Universitäten, Fachhochschulen und Unternehmen klappt sehr gut. Die Probleme liegen woanders.

Wo zum Beispiel?

Bei der starren Arbeitszeit. Das sind Gesetze aus der Steinzeit. Da wird nicht berücksichtigt, dass sich die Welt heute anders dreht. Nach zehn Stunden den Stift fallen lassen, das geht im Sozialministerium, aber nicht in der wahren Welt. Vielleicht wäre es manchmal nötig, drei Mal in der Woche zwölf Stunden zu arbeiten. Wäre man da flexibler, könnte man den Zuwachs an Produktivität und Wohlstand auf alle verteilen.

Wie meinen Sie das?

Dann könnte man schrittweise die Arbeitszeit nach unten bringen, etwa durch eine sechste Urlaubswoche. Bei einem Dachdecker haben die Mitarbeiter im Herbst früher gearbeitet, solange es Tageslicht gab – dafür waren sie zwei Monate in Zeitausgleich und mussten im Winter nicht beim Arbeitsamt vorstellig werden. Die Deutschen arbeiten nicht mehr als wir, aber wesentlich flexibler. Bei uns sind die Gesetzesauflagen hingegen kaum noch zu erfüllen.

Welche Auflagen konkret?

Wir zahlen jeden Mitarbeiter über Kollektivvertrag. Trotzdem können wir beispielsweise wegen des Lohn- und Sozialdumping-Gesetzes Verkehrsstrafen nicht mehr einfach vorstrecken und später vom Gehalt abziehen. Wir müssen prüfen, dass wir nicht unter den KV fallen.

Tut diese Bürokratie dem Effizienz-Experten besonders weh?

Wir kennen die internationale Situation gut und sehen, wie stark wir am Standort Österreich Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Wobei: Wir halten alle Gesetze ein, darum geht es nicht. Aber was hat sich bei den osteuropäischen Firmen am Bau, die man treffen wollte, geändert? Nichts. Geprüft werden gläserne Unternehmen wie Knapp. Und wehe, ein Mitarbeiter war fünf Minuten zu lange da.

Von einer Verwaltung 4.0 hört man hingegen noch eher wenig.

Auch da sollte Automatisierung ein Thema sein. Ein Beispiel: Wir nehmen am "Horizontal-Monitoring" des Finanzamtes teil. Wir liefern die Daten, werden laufend geprüft und zugleich beraten – ein Superprogramm! Aber solange Politiker glauben, dass Verwaltungsmaßnahmen zur Arbeitsbeschaffung dienen, werden weitere Arbeitsplätze verloren gehen.

Wir haben unser Produktionsgebäude extra so gebaut, dass es nur in Hart bei Graz liegt. Hätten wir nur einen Meter nach Raaba hinübergebaut, bräuchten wir alle Genehmigungen doppelt. Das ist Schwachsinn.

Sollten Gesetze überhaupt ein Ablaufdatum haben?

Absolut. Man kann sie nicht automatisch außer Kraft setzen, sollte die Politik aber zur Überprüfung zwingen. Wir führen inzwischen eigene Datenbanken, die Änderungen der Umwelt- und Verwaltungsgesetze tracken, weil es nicht mehr möglich ist, diese zu überblicken.

Knapp startete 1952 im Keller eines Wohnhauses, ist heute ein Weltmarktführer. Wie sind solche Erfolgsstorys möglich?

Der Hauptgrund sind Menschen mit Forscherdrang, die ihr Herzblut investieren, um Unmögliches möglich zu machen. Es ist ein Hammer, wie sich unsere Mitarbeiter in jedes neue Ding hineinbeißen. Und unsere HTL-Ingenieure, die Fachhochschulen oder Handelsakademien sind richtig gut. Diesen Vorteil muss Österreich ausbauen.

Der zweite Faktor ist: Wir hatten immer Stabilität. Deshalb macht mir die Polarisierung der Gesellschaft in Links und Rechts und das Wegbrechen der Mitte Sorge. Eine Krise, bei der man fünf Jahre den Atem anhält, ist kaum mehr aufzuholen – das werden auch die Briten mit dem Brexit merken.

Spüren Sie die Brexit-Folgen ?

Die Brexit-Abstimmung hat uns unmittelbar viel Umsatz gekostet, weil wir mit einigen Großprojekten am Start waren, die abgesagt wurden.

Verschoben oder abgesagt?

Tatsächlich storniert. Große Konzerne wollen ihre Projekte jetzt in andere europäische Länder verlegen – das verzögert aber um ein bis zwei Jahre. Große Einbußen gab es auch in Russland und Lateinamerika, wo wir die Märkte zuvor aufgebaut hatten.

Sie haben für Spar ein Logistikzentrum in Ebergassing gebaut. Was ist das Besondere?

Dort fährt in zwei Bereichen eine Flotte von je 20 selbst navigierenden Shuttles. Diese kommunizieren untereinander und bringen jene Paletten und Rollcontainer zum Kommissionierer, die dieser gerade benötigt. Wer dabei zuschaut, kann die Wege nicht nachvollziehen, es geht kreuz und quer – aber am Ende passt alles. Das System ist so flexibel, dass es die Tage vor Weihnachten, wo die dreifache Warenmenge anfällt, bewältigt, obwohl es für Normalleistung dimensioniert ist. Schwarmintelligenz wird auch in der Industrielogistik 4.0 immer wichtiger.

Die Sorge vieler Menschen ist: Wo bleibt bei dieser Automatisierung der Mensch?

Früher musste ein Arbeiter viele Kilometer pro Tag abspulen und bis zu 30 Tonnen im Lager heben. Heute bekommt er die Artikel in der richtigen Reihenfolge und in ergonomischer Höhe angedient. Wir zeigen ihm das Packbild für den Rollcontainer, je nachdem, wie die Zielfiliale aufgebaut ist und welche Warengruppen zusammen sein dürfen. Der Arbeitsplatz kann klimatisiert sein, die Geräusche sind reduziert und die Sicherheit ist höher.

Könnten diese Packarbeit nicht auch Roboter erledigen?

Die Hände sind die beste Greifvorrichtung, so lässt sich kein Roboter programmieren. Wir bieten auch Roboterkommissionierung an, wenn es die Produkte zulassen, etwa bei Medikamenten. Bei Lebensmitteln wird aber der Salat und das Gemüse neben weichen Kartons und Bierflaschen verpackt. Da ist der Mensch dem Roboter überlegen und sehr effizient.

Besuch im „Iron ore Valley“: Wenn ein Drahtbund genau weiß, wohin er will

Wer futuristisch wirkende Industrie 4.0-Lösungen im Alltagseinsatz erleben will, muss nicht ins Silicon Valley in die USA fahren. Das quasi "Iron ore Valley" der Steiermark reicht. Beziehungsweise ein Besuch der Logistik-Fachkonferenz der Montanuniversität Leoben. Denn Mensch und Maschine arbeiten schon längst „Hand in Hand", wie einige innovative Beispiele für Industrie 4.0 aus Österreich zeigen.

Assistenzsystem 4.0

Kurz auf die Datenbrille gespechtelt: Okay, die Reparatur war korrekt. Jeden Arbeitsschritt erhält der Servicemann in die futuristische Sehhilfe eingespiegelt, direkt in sein Blickfeld. Die hilfreiche Kollegin sitzt zwar am anderen Ende der Welt, aber das spielt keine Rolle: Über Datenbrille, Headset und Videokameras schaut sie ihm jederzeit über die Schulter. Das innovative Assistenzsystem haben Halbleiterhersteller Infineon, Motorenentwickler AVL List und Knapp für ihren Fabriksalltag entwickelt.

ivii Bilderkennung

Innovativ ist auch die Bilderkennung der jüngsten Knapp-Tochter ivii GmbH: Sie schafft es, aus einer Fülle von Pharmaprodukten, die in einen Behälter geschüttet werden, die Barcodes und Eigenschaften auszulesen – 16 Kameras identifizieren die Medikamente anhand der Bildfragmente automatisch.

Automatische Shuttles

Unterdessen bahnt sich Sissi den Weg durch die Menschenmenge. Der hüfthohe Roboter erinnert ein wenig an R2D2 aus „Star Wars“, nur mit Ablagefläche. Shuttles wie Sissi – im Großmaßstab – bringen in modernen Warenlagern die Produkte von A nach B; etwa bei Spar in Ebergassing, im Pankl-Racing-Werk in Kapfenberg oder ab 2018 im adidas-Verteilzentrum bei Osnabrück.

Das Zauberwort lautet dabei Schwarmintelligenz: Die Schlepp-Automaten kommunizieren untereinander und steuern von selbst genau dorthin, wo sie gerade gebraucht werden.

Intelligenter Draht

Je flexibler die Industrie produziert, umso enger klinkt sich die Logistik ein. Sogar in der Schwerindustrie: Voestalpine Wire Rod erzeugt in St. Peter-Freienstein (Obersteiermark) Walzdraht, etwa für Autos. Die riesigen Drahtbünde sind hochspeziell, sehen einander aber zum Verwechseln ähnlich. Früher waren Staplerfahrer oft stundenlang pro Schicht unterwegs, um die richtigen Rollen zum Verladen zu finden. „Jetzt weiß jeder Drahtbund, wohin er gehört und wer der Kunde ist“, erklärt Christian Hiebl von ABF Industrielle Automation in Linz.

Das System kommt ohne Barcode-Aufkleber oder RFID-Funkchips aus: Eine verfeinerte GPS-Ortung und Sensoren, die die Stapler-Bewegungen wie bei einer Computermaus registrieren, machen den Weg jeder Rolle nachverfolgbar. Der Staplerfahrer sieht auf dem Tablet, wo er das gewünschte Stück vorfindet. Video über das Projekt Voestalpine Wire Rod