Wirtschaft
22.12.2011

Das passiert, wenn der Euro zerbricht

Eine Rückkehr zu den alten Währungen würde Europa ins größte wirtschaftliche Chaos seit dem Krieg stürzen, warnt der Chefökonom des Bankkonzerns ING.

Allen, die glauben, das Auflassen des Euro wäre die Lösung der aktuellen Krise in Europa, sollte die Analyse der Ökonomen des niederländischen Finanzkonzerns ING eine Warnung sein: Ein Bruch der Eurozone würde die Wirtschaft aller Mitgliedsländer in eine tiefe Rezession stürzen, die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellen lassen und einen deflationären Schock in den USA auslösen, heißt es dort.

„Es würde in diesem Fall keine Gewinner geben. Nicht einmal Großbritannien würde gut aussteigen“, erklärt ING-Chefökonom Mark Cliffe im KURIER-Gespräch. Die Regierungen müssten Kapitalverkehrskontrollen einführen, um die Flucht von Spargeldern ins Ausland zu verhindern. Banken müssten gerettet werden. „Das Risiko von zumindest vorübergehenden Zusammenbrüchen des Zahlungsverkehrs ist enorm“, stellen die ING-Ökonomen fest.

Kein einziges Land der Eurozone, nicht einmal Deutschland, würde von einem Zerfall der Währungsunion profitieren. Die Wirtschaftsleistung der Mitgliedsländer würde im ersten Jahr nach Einführung der nationalen Währung um sieben bis 13 Prozent einbrechen. Für Österreich hat Cliffe einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 7,7 Prozent errechnet. Am ärgsten würde die Euro-Apokalypse Griechenland treffen, das mit einem wirtschaftlichen Einbruch von 13 Prozent rechnen muss. Im Durchschnitt würde die Wirtschaftsleistung der Eurozone um fast neun Prozent schrumpfen.

„Diese wirtschaftlichen Schocks sind derart gravierend, dass alle, die mit einem Euro-Zerfall als politische Lösung liebäugeln, nochmals nachdenken sollten“, warnt der Ökonom.

Ärmer

Besonders deutlich werden die negativen Folgen eines Bruchs der Eurozone an den Wechselkursen, die für die neuen nationalen Währungen prognostiziert werden. Der Wert der griechischen Drachme würde um 80 Prozent unter der künftigen Deutschen Mark liegen, die portugiesische und die spanische Währung wären um fast 50 Prozent unter der DM. Für die Bürger dieser Länder heißt das ganz einfach: Sie wären mit einem Schlag viel ärmer als jetzt, Importe oder Auslandsreisen wären enorm teuer. Den österreichischen Schilling sieht Cliffe etwa acht Prozent unter der DM.

Die Arbeitslosenrate würde im Euroland-Schnitt auf 13,2 Prozent klettern. Die Teuerung würde in den südeuropäischen Schuldnerländern auf zweistellige Prozentsätze hochschnellen. Deutschland sowie auch die USA aber würden in Deflation (Preisverfall) stürzen. Das Chaos in Euroland würde auch Osteuropa mit nach unten ziehen und sogar Chinas Wachstum deutlich bremsen.

Nachgefragt: „Europa befindet sich in einem Währungskrieg“

Das Ende des Euro ist keine Lösung. Aber: Welche Alternativen gibt es dazu? Der KURIER fragten den Briten Mark Cliffe, Chefökonom der niederländischen ING-Bank über...

... Auslöser der Krise Der grundlegende Denkfehler ist, dass man glaubt, fiskalische Indisziplin sei die Ursache der Krise. Tatsächlich aber liegt diese in der enormen Verschuldung des privaten Sektors in Südeuropa. Und wer hat ihnen das Geld gegeben? Die Euro-Kernländer Deutschland, Österreich und andere. Sie haben das Wachstum im Süden finanziert.

... Sparprogramme Sie sind ein Rezept für niedriges Wirtschaftswachstum. Am dramatischsten sieht man das in Griechenland: Die Konsumenten geben kein Geld mehr aus. Sparen ist grundsätzlich nicht falsch. Es ist nur ein unvollständiges Rezept. Die Austeritätsprogramme müssen in den Euro-Kernländern mit Wachstumsprogrammen verbunden werden.

... Fiskalunion Hätte Europa eine Fiskalunion wie die USA, hätte es auf die Krise zwei Antworten gehabt: Zinsen runter, Ausgaben rauf – so wie nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 – und eine Abwertung des Euro. Sowohl Dollar als auch das britische Pfund sind über die vergangene drei Jahre gefallen. Europa hat dabei verloren. Es ist also ein Währungskrieg, bei dem Europa als Verlierer hervorgeht.

... Deutsche Strenge Die Deutschen hängen am Gedanken: „Wir ertragen eine kurze schmerzvolle Periode, wenn es langfristig wieder aufwärts geht.“ Das ist im Grunde nichts Schlechtes. Die Gefahr ist aber, dass das strenge Sparen zu einer langen Depression führt. Die Essenz des Problems ist: Wir riskieren diese Depression, wenn wir nicht mehr Geld ausgeben.

... Transferunion Die Politiker in den Eurokernländern Deutschland, Österreich, Niederlande etc. müssten ihren Bürgern endlich erklären, dass sie für die Peripherie zahlen müssen.

... Lösungen Ich sehe vier Ansatzpunkte: Erstens weniger Budgetdefizit; zweitens Zinssenkungen und lockere Geldpolitik; drittens Anreize, damit Unternehmen und Bürger investieren und konsumieren; viertens Abwertung des Euro zum Dollar.