Wirtschaft
10.01.2012

Chinesen werden immer dicker

Die urbanen Mittelschichten nehmen zu. Jeder fünfte Grundschüler ist zu dick. Und viele Eltern verbieten ihren Kindern Sport.

Sie dick zu nennen, ist eigentlich noch untertrieben. Die gut 50 Chinesen, die sich hier im Fitnessraum einer Pekinger Abnehmklinik unter Anleitung bewegen, sind massiv übergewichtig. Sie sind fett. Die 21 Jahre alte Wang etwa bringt 135 Kilo auf die Waage. Immer wieder steigt sie auf einen 15, 20 Zentimeter hohen Plastikstepper und dann wieder herunter. Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn. „Ich bin oft müde, wegen des vielen Sports, den wir hier machen, aber gleichzeitig fühle ich mich gut“, sagt die junge Frau. Für ihre Kur hat sie sich einiges vorgenommen. 35 Kilo will sie loswerden, in sechs Wochen.

Abspecken de luxe für die Kinder aus Chinas Mittel- und Oberschicht. Die Pekinger Privatklinik bietet in schönem Ambiente ein Rundum-Sorglos-Paket an, mit Sport, psychologischer Betreuung und einem persönlichen Ernährungsberater. Der sechswöchige Aufenthalt kostet knapp 2000 Euro – in etwa das Jahreseinkommen eines einfachen chinesischen Arbeiters.

Noch vor dreißig Jahren waren lediglich sieben Prozent der Chinesen übergewichtig. Heute ist fast jeder vierte Chinese zu schwer.

Vor allem die urbane Mittelschicht legt an Körperumfang zu. Denn während Chinesen bis vor zwanzig Jahren hauptsächlich Reis und Gemüse aßen, landen heutzutage allzu oft Kalorienbomben auf den Tellern. „Chinesen essen mittlerweile viel Fleisch, mit gezuckerten, fetten Saucen“, sagt der Sinologe Matthew Crabbe, der sich in seinem Buch „Fat China“ ausführlich mit Chinas Übergewicht beschäftigt hat. „Und dazu wird gesnackt. Snacks sind traditionell Teil der chinesischen Esskultur.“

Aber während man früher zwischen zwei Mahlzeiten Sonnenblumenkerne oder Nüsse knabberte, essen viele zwischendurch einen Big Mac oder Kartoffelchips und Ähnliches.

Leistungsdruck

Vor allem die Kinder und Jugendlichen werden immer pummeliger. Jeder fünfte Grundschüler ist bereits zu dick. Experte Matthew Crabbe macht dafür auch die Ein-Kind-Politik verantwortlich: Denn weil chinesische Eltern und Großeltern nur ein Kind haben, dem sie Zuwendung und Liebe schenken können, wird es allzu sehr verwöhnt. Hinzu kommt der irrwitzige Leistungsdruck in der Schule: „Der Konkurrenzkampf ist so hoch, dass die Kinder nach dem Unterricht keinen Sport machen. Die Eltern wollen nicht, dass sie außerhalb klassischer Bildung noch etwas anderes tun“, erzählt Buchautor Matthew Crabbe. In Schanghai haben Eltern an einigen Schulen sogar durchgesetzt, dass man den Sportunterricht vom Stundenplan strich. „Die Eltern fanden, Sport sei Zeitverschwendung, sie wollten lieber, dass die Kinder die Sportstunden mit Lernen verbringen.“