Die Weichen bei der angeschlagenen Warenhauskette könnten am Donnerstag neu gestellt werden.

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Deutschland
10/23/2014

Chefsuche bei Karstadt: Schwieriger Job zu vergeben

Bei der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag könnte der Chefsessel neu besetzt werden.

Karstadt ist in der Dauerkrise: Drei Monate nach dem überraschenden Abgang der Hoffnungsträgerin Eva-Lotta Sjöstedt braucht der deutsche Karstadt-Konzern dringend eine neue Führung. Bei der für Donnerstagnachmittag angesetzten Sitzung des Aufsichtsrats könnte nach Medienberichten nun endlich eine Lösung gefunden und ein neuer Chef der angeschlagenen Essener Warenhauskette installiert werden.

Einziger Kandidat für den derzeit wohl schwierigsten Job im deutschen Einzelhandel ist den Berichten zufolge der bisherige Karstadt-Aufsichtsratschef Stephan Fanderl. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür zunächst allerdings noch nicht.

Schwierige Aufgabe

Sicher ist auf jeden Fall: Die Aufgaben, die auf den neuen Karstadt-Chef warten, sind gewaltig. Der Konzern muss tiefgreifend umgebaut, die Marke wieder aufpoliert werden. Und die Mitarbeiter müssen neue Motivation spüren. Erschwert werden all diese Aufgaben noch durch das eher unglückliche Agieren der Vorgänger.

So hatte der noch unter der Regie des mittlerweile wieder abgetretenen Karstadt-Eigners Nicolas Berggruen zum Chef berufene frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings drei Jahre lang vergeblich versucht, das Ruder bei Karstadt herumzureißen. Ihm folgte Anfang dieses Jahres die ehemalige Ikea-Managerin Sjöstedt, die schon nach wenigen Monaten im Sommer wieder das Handtuch warf.

Harte Sanierung steht bevor

Derzeitiger Interimschef ist Finanzvorstand Miguel Müllenbach. Er nutzte in dieser Woche kurz vor der Sitzung des Aufsichtsrats noch einmal die Gelegenheit, die rund 17.000 Karstadt-Beschäftigten auf eine harte Sanierung einzustimmen.

Sollte Fanderl tatsächlich vom Aufsichtsratsvorsitz auf den Chefsessel wechseln, wäre dies ein ungewöhnlicher Schritt. Ungewöhnlich, aber nicht beispiellos: Ausgerechnet beim einstigen Karstadt-Mutterkonzern Arcandor/KarstadtQuelle gab es vor knapp einem Jahrzehnt eine ähnliche Konstellation, als Thomas Middelhoff den Posten des Oberkontrolleurs räumte und in die Rolle des Vorstandsvorsitzenden schlüpfte. Gerettet hat dies den Konzern damals allerdings nicht.

Fanderl als Karstadt-Chef?

Andererseits gilt Fanderl als äußerst erfahrener Handelsexperte. Berufserfahrung sammelte er unter anderem als Vorstandsmitglied der Kölner Rewe-Gruppe und beim US-Handelsriesen Wal Mart. Sollte Fanderl Karstadt-Chef werden, gilt Wolfram Keil - Geschäftsführer der Firma Signa Retail GmbH des Karstadt-Eigentümers René Benko - derzeit als chancenreicher Kandidat für die Nachfolge an der Aufsichtsratsspitze. Keil hat sich als kompromissloser Sanierer einen Namen gemacht.

Der Druck auf den neuen Chef wird auf jeden Fall massiv sein. Bereits vor der Sitzung des Aufsichtsrats forderte die Gewerkschaft Verdi die Vorlage einer schlüssigen Strategie. "Dem Sanierungskonzept fehlt noch ein roter Faden, wie die Zukunftsfähigkeit von Karstadt gesichert werden soll. Ohne Zukunftsperspektive gibt es aber keinen Sanierungstarifvertrag", stellte Verdi-Aufsichtsratsmitglied Arno Peukes fest.

"Benko ist sicher kein weißer Ritter, der Karstadt retten will"

Damit hänge auch die Auswahl eines passenden Geschäftsführers direkt zusammen, erklärte der Gewerkschafter im Berliner Tagesspiegel (Donnerstag): "Wir wollen auch personelle Klarheit. (...) Für uns ist die Personalfrage nicht von den Sachfragen zu trennen." Handelsexperten wie Gerd Hessert von der Universität Leipzig mahnen ein Ende des Wartens an: "Benko ist sicher kein weißer Ritter, der Karstadt retten will. Er hat seine eigenen Interessen. Aber wenn dabei Karstadt doch noch gerettet werden kann, sollten wir froh sein."

Hat Karstadt eine Zukunft?

Wie schlecht geht es Karstadt?

Ziemlich schlecht. Die Karstadt Warenhäuser schreiben seit Jahren rote Zahlen. Allein in den Geschäftsjahren 2011/2012 und 2012/2013 summierten sich die Verluste der Karstadt Warenhaus GmbH unter dem Strich auf fast 300 Mio. Euro. Und auch in dem Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2013/2014 verbrannte das Unternehmen Geld, wie Interimschef Miguel Müllenbach in einem dem Branchenfachblatt "Der Handel" vorliegenden Brief an die Karstadt-Mitarbeiter berichtete. "Das hinter uns liegende Geschäftsjahr gehört mit zu den schwierigsten in der Geschichte von Karstadt", schreibt Müllenbach.

Was bedeutet das für die Arbeitnehmer?

Die 17.000 Karstadt-Beschäftigten müssen sich wohl auf harte Einschnitte einstellen. Nach Angaben von Verdi-Verhandlungsführer Arno Peukes plant die Karstadt-Spitze den Abbau von rund 2.000 Arbeitsplätzen - in der Zentrale und in den 83 Warenhäusern. Mögliche Filialschließungen seien dabei noch gar nicht berücksichtigt. Verdi zufolge will die Unternehmensleitung außerdem längere Arbeitszeiten und Einschnitte beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld durchsetzen. Die Gewerkschaft hat bereits ihren Widerstand gegen das "Horrorpaket" angekündigt. Der Handelsexperte Gerd Hessert von der Universität Leipzig glaubt jedoch, dass die Arbeitnehmer am Ende Zugeständnisse machen müssen: "Es geht ums Ganze bei Karstadt. Da ist es besser, 65 Prozent der Arbeitsplätze zu erhalten, als Karstadt ganz zu verlieren."

Was sind die Ursachen für den Niedergang von Karstadt?

Das Modell Warenhaus hat in den vergangenen Jahren immer mehr an Glanz verloren. Einkaufszentren wie die "Mall of Berlin" oder das "Centro" in Oberhausen erscheinen vielen Verbrauchern attraktiver. Außerdem haben sich Konkurrenten wie H&M, Zara und zuletzt Primark mit preiswerten, schnell wechselnden Kollektionen einen immer größeren Teil des Einkaufsbudgets der Verbraucher gesichert. Und auch auf den boomenden Online-Handel hat das Unternehmen bisher keine Antwort gefunden. Zusätzlich setzten Managementfehler dem Unternehmen zu.

Was ist schief gelaufen an der Unternehmensspitze?

Vier Jahre lang gehörte Karstadt dem deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen. Im Rückblick erscheinen sie als verlorene Jahre für Karstadt. Die meisten Handelsexperten sind sich einig, dass bei dem Traditionsunternehmen in dieser Zeit viel zu wenig investiert wurde. Doch auch bei der Personalpolitik hatte Berggruen eine unglückliche Hand. Der von ihm berufene, bis Ende 2013 amtierende Karstadt-Chef Andrew Jennings versuchte, Karstadt mit der Brechstange ein jugendlicheres Image zu verpassen. Er setzte auf neue trendige Marken und gab ganze Sortimentsbereiche wie etwa Elektronik auf. Das verschreckte die ältere Stammkundschaft. Neue Zielgruppen wurden dennoch nicht im erhofften Umfang erreicht.

Wie könnte Karstadts Zukunft aussehen?

Eine schwierige Frage. Der neue Eigentümer René Benko schweigt bis jetzt zu seinen Plänen. Nach der ersten Aufsichtsratssitzung nach dem Eigentümerwechsel stand lediglich fest, dass Filialschließungen für die Konzernspitze kein Tabu mehr sind. Konkrete Beschlüsse wurden aber zunächst nicht gefasst. Dabei hatte Karstadt-Aufsichtsratschef Stephan Fanderl bereits vor einigen Monaten signalisiert, das Unternehmen mache sich "berechtigte Sorgen um die Profitabilität von mehr als 20 Häusern".

Ist also bald mit einer Schließungswelle zu rechnen?

Nicht unbedingt. Handelsexperte Hessert etwa glaubt nicht, "dass die Karstadt-Führung kurz vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft eine große Zahl von Filialschließungen ankündigt". Wenn überhaupt werde es einige wenige große Verlustbringer treffen. "Alles andere würde die Marke beschädigen", meint er. Auch Peukes erwartet bei der Sitzung des Kontrollgremiums keine Schließungsbeschlüsse.

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