Wirtschaft
23.12.2016

Brisantes Gutachten: Baukonzern stellte Konkursantrag um 2,5 Jahre zu spät

Gutachter fährt schwere Geschütze gegen Ex-Vorstände und den Bilanzprüfer des Baukonzerns Alpine auf. Der Verdacht: Ab der Bilanz 2009 soll getrickst worden sein.

Die früheren Vorstände, der Wirtschaftsprüfer und die spanische Mutterfirma des bankrotten Milliarden-Baukonzerns Alpine müssen sich jetzt ganz warm anziehen. Denn im Ermittlungsakt der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) liegt ein brisantes Gutachten des renommierten Sachverständigen Josef Schima. Dieses 624 Seiten starke Werk ist vom Konkursgericht Wien in Auftrag gegeben worden und ist eine harte Abrechnung mit den mutmaßlich fragwürdigen Bilanzierungsgepflogenheiten im Alpine-Konzern.

Klarer Auftrag

Der Top-Experte Schima hatte zu klären, wann die Zahlungsunfähigkeit der Alpine-Bau tatsächlich eingetreten ist, und wann die drohende Pleite für die Geschäftsführung zu erkennen war. Außerdem musste er den Schaden beziffern, der durch die verspätete Einleitung des Konkursverfahrens entstanden ist.

Erst Anfang Juli 2013 ist nämlich über den Baukonzern ein Konkursverfahren eröffnet worden. Schon kurz danach stand der schwere Verdacht im Raum, dass womöglich jahrelang bei der Bilanzierung getrickst wurde. Diese Vorwürfe werden nach wie vor bestritten.

Starker Tobak

Nun kommt Gutachter Schima aber in seiner Expertise zum Schluss, dass die "buchmäßige Überschuldung der Alpine Bau jedenfalls ab dem Jahr 2009 bestand". Allein im Jahresabschluss 2009 wurden angeblich zumindest 20 Bauprojekte falsch dargestellt. Folglich soll auch das Eigenkapital um 140 Millionen Euro zu hoch ausgewiesen worden sein.

Falschdarstellung?

Der Grund für die angebliche "Schönung" liegt für Schima auf der Hand: Hätte die Alpine die Karten auf den Tisch gelegt, hätten die Banken alle Kredite fällig gestellt.

"Bei einem negativen Eigenkapital in Höhe von 20 Millionen Euro wäre es undenkbar gewesen, dass die Alpine Holding im Jahr 2010 eine Anleihe begibt", heißt es im Gutachten. "Es kann nicht angenommen werden, dass es der Alpine bei dieser negativen Geschäftsentwicklung gelungen wäre, eine Finanzierung zu erhalten." Nachsatz: "Aufgrund der Falschdarstellung in den Jahresabschlüssen konnten jedoch zusätzliche Mittel beschafft werden."

Loch-auf-Loch-zu-Praktiken?

Laut Schima soll die Geschäftsführung keine Schritte unternommen haben, die Alpine Bau nachhaltig zu sanieren. Im Gegenteil: Verlustträchtige Projekte sollen fortgeführt worden sein. Zugleich wurden dem Baukonzern angeblich durch Loch-auf-Loch-zu-Praktiken weitere Liquidität entzogen. "Spätestens zum 30. November 2010 lag die Überschuldung und die Insolvenz vor", meint der Sachverständige.

Detail am Rande: Damit wird auch ein Privatgutachten des renommierten Sachverständigen Manfred Biegler voll bestätigt, der in einem Zivilprozess in Sachen Kredithaftungen für die Republik Österreich tätig ist.

Rund 7300 Anleger geschädigt

Zurück zum Schima-Gutachten. Den Schaden durch den um zweieinhalb Jahre verspäteten Insolvenzantrag beziffert er mit 138,2 Millionen Euro. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass die Alpine Holding, die Mutter des Baukonzerns, in den Jahren 2010, 2011 und 2012 drei Anleihen in Höhe von insgesamt 290 Millionen Euro an Anleger ausgegeben hat. Durch die Pleite des Alpine-Konzerns wurden dabei rund 7300 Sparer geschädigt.

Massiver Verdacht

"Das Gutachten erhärtet den Verdacht massiv, dass bei den Bilanzen getrickst wurde", sagt Anwalt Eric Breiteneder zum KURIER. "Für die betroffenen Anleger steigen damit die Chance, dass sie die spanischen Alpine-Mutter FCC, das frühere Alpine-Management und den Bilanzprüfer zur Verantwortung ziehen können." Breiteneder, der mit seiner Anzeige erst die Alpine-Ermittlungen ausgelöst hat, bastelt derzeit an einer Sammelklage für geschädigte Anleger. Nicht nur in Österreich, sondern auch in Spanien soll geklagt werden. Der Grund: Ehemalige Verantwortliche der Alpine Bau sollen ihre Zelte in Österreich abgebrochen haben.

"Auf Testat verlassen"

Indes weist die spanische Alpine-Mutter alle Vorwürfe zurück. "FCC hat sich stets auf die testierten Bilanzen der Alpine verlassen", kontern die FCC-Anwälte. "Das Gutachten Schimas weist erhebliche Mängel auf, es ist aus unserer Sicht tendenziös und nicht objektiv." Schima gehöre außerdem zur Wirtschaftsprüfungsfirma BDO. Das stört die FCC-Anwälte. Denn die BDO hat schon für den Alpine-Masseverwalter ein Gutachten verfasst und vielfach "Bilanzkosmetik" aufgedeckt. Der KURIER hat auch die betroffene Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungskanzlei um eine Stellungnahme ersucht, doch diese traf bis Redaktionsschluss nicht ein.

Laut dem Gläubigerschutzverband Creditreform wurden im Konkursverfahren der Alpine Bau 2,6 Milliarden Euro Forderungen angemeldet, rund 1,7 Milliarden Euro hat Masseverwalter Stephan Riel bisher auch anerkannt.