Boom, Krise, Comeback: Osteuropa wirft Gewinne ab

Cathedral of Christ the Saviour in Moscow
Foto: Getty Images/iStockphoto/wastesoul/iStockphoto Erlöserkathedrale in Moskau

Vom Boom zur Krise – und zurück zur Normalität: Österreichs Engagement im Osten zahlt sich endlich wieder aus.


Österreich habe von der Ost-Erweiterung der EU wie kein anderes Land profitiert, schreibt die OECD in ihrer jüngsten Studie. Nach der Krise hätten sich dadurch allerdings die Probleme verschärft: Die Banken hatten nun mit Kreditausfällen zu kämpfen. Die aberwitzige Expansion der Hypo Alpe Adria wurde für die Steuerzahler zum Milliardengrab. Und einige Industriefirmen investierten nun lieber in östlichen Nachbarstaaten.

War Österreichs "Mini-Globalisierung" im Osten in Wahrheit ein Mühlstein? Vom früheren Boom ist zwar nichts zu spüren, aber es geht jetzt bergauf:

Konjunktur

In Mittel- und Osteuropa sinken die Arbeitslosenraten, die Konsumnachfrage steigt. Somit hat die Region wieder einen Wachstumsvorsprung gegenüber Westeuropa: Den östlichen EU-Mitgliedern Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn wird ein Wirtschaftswachstum von heuer 2,9 und nächstes Jahr 3,1 Prozent vorausgesagt.

Und auch in Russland kehrt nach zwei Jahren Rezession das Wachstum zurück. Ungeachtet der Sanktionen soll die Wirtschaft um immerhin rund ein Prozent zulegen.

Banken

Für Geldinstitute war Zentral-, Ost- und Südosteuropa lange ein goldener Boden. Auf die Boomjahre 2003 bis 2009 folgten allerdings sieben harte Jahre mit zum Teil hohen Kreditausfällen. Jetzt kommt eine Renaissance von Wachstum und Profiten, allerdings auf viel solideren Beinen.

Die Raiffeisen Bank International und die Erste Group brachten es im Vorjahr in Zentral- und Osteuropa wieder auf Renditen (Gewinn auf das eingesetzte Eigenkapital) von 16,3 Prozent. Zwei Jahre davor waren es magere 2,4 Prozent. Von den 15 Bankenmärkten im Osten bzw. Südosten spielte nur noch einer Verluste ein – die Ukraine. Der Rest wirft wieder deutlich mehr ab als das Bankengeschäft in Westeuropa.

Investitionen

Ein weiteres gutes Zeichen: Die Investitionen ziehen abermals kräftig an – entgegen dem globalen Trend. Weltweit betrachtet nahmen die Unternehmen 2016 nämlich um 2 Prozent weniger Geld in die Hand. In der Region Ost- und Südosteuropa (inklusive Russland und Türkei) waren es hingegen um 45 Prozent mehr. Das deutet darauf hin, dass das Wachstum weiterhin stabil ist.

Österreichs Firmen haben zwar zuletzt ihre Aktivitäten in Richtung USA und Asien verstärkt. Osteuropa ist aber mit 31 Prozent Anteil an den Direktinvestitionen unverändert ein gewichtiger Posten (2012: 46 Prozent). In absoluten Zahlen: knapp 84 Mrd. Euro (Grafik).

Grafik… Foto: /Grafik Womit Rot-Weiß-Rot ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Region bleibt – mit Platz eins bei den Auslandsinvestitionen in Slowenien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien sowie Rang zwei in Bulgarien, Tschechien, Rumänien, Slowakei, Mazedonien und Serbien.

Nicht alles Gold, was glänzt

Ungeachtet der generell positiven Tendenz schlummern einige Risiken. Im Detail:

Wankender Handelsriese

Die kroatische Wirtschaft sollte laut Prognosen heuer eigentlich um sonnige 2,8 Prozent wachsen. Daraus dürfte allerdings nichts werden. Schuld an den merkbaren Bremsspuren ist der angeschlagene Lebensmittelriese Agrokor, der im April unter staatliche Kuratel gestellt wurde. Die Gesamtschulden des Konzerns wurden zuletzt mit 5,4 Milliarden Euro angegeben – die 800 Millionen Minus der Tochter Mercator in Slowenien noch gar nicht eingerechnet.

Betroffen davon sind auch österreichische Banken, vor allem aber die russischen Institute Sberbank und VTB. Und warum wird das Wirtschaftswachstum unter der Krise eines einzelnen Konzerns leiden? Agrokor war bisher das größte private Unternehmen des Landes. Die Supermarktkette Konzum, die zum Konzern gehört, setzte viel auf regionale Zulieferer. Werden die Läden übernommen, dürften viele dieser Zulieferer an Geschäft verlieren, weil sie durch internationale Lieferketten ersetzt werden. Das wird in der gesamten Konjunktur des Landes zu spüren sein.

Es wird heißer und heißer

Nicht nur in Österreich und Deutschland, auch in Tschechien und der Slowakei sind die Kreditzinsen auf Rekordtief. Das hat den Appetit auf geborgtes Geld enorm gesteigert, vor allem im Immobilienbereich. Die Kreditmärkte drohen zu überhitzen, besonders die Slowakei ist heiß gelaufen. Da werden weitere Regularien auf die Banken zukommen. In Tschechien, wo die Geldinstitute hochprofitabel agieren, wird über eine neue Bankensteuer diskutiert.

Geopolitische Risiken

Die militärischen Auseinandersetzungen an der russisch-ukrainischen Grenze bleiben ein Sicherheitsrisiko. Der Konflikt scheint festgefahren. Der tiefe Konjunktureinbruch in der Ukraine ist aber Vergangenheit. Im Vorjahr ging es aufwärts, wenn auch von einem viel tieferen Niveau. Als Risiko könnte sich der zusehends nationalistische Wirtschaftskurs einiger Regierungen entpuppen.

Während das in Polen schon zu einem Rückgang der Auslandsinvestitionen geführt hat, sind in Ungarn oder Mazedonien vorerst keine Bremsspuren bemerkbar: Dort profitieren die Zulieferer der Automobil- und Elektronikindustrie von Kapitalzuflüssen.

Standort-Konkurrenz

Und was ist dran, dass Firmen ihre Standorte von Österreich wegverlagern? In den vergangenen zwei Jahren habe man da keinen verstärkten Trend beobachtet, sagt Gábor Hunya, Experte am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche.

Und wenn heimische Automobilzulieferer jenseits der Grenze investieren – wie Magna in Slowenien oder Benteler in Tschechien – würden davon auch die heimischen Standorte profitieren.

(kurier) Erstellt am
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