Symbol für den Boom: der Börsenbulle

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Höhenflug
03/02/2017

Börsen-Rekorde: Warum Aktionäre Trump lieben

US-Aktien feiern Rekorde, ziehen Europas Börsen nach – das steckt hinter dem "Trump-Effekt".

von Hermann Sileitsch-Parzer, Irmgard Kischko

Die Börsianer haben an Trump einen Narren gefressen: Schon vor seiner Ansprache vor dem Kongress am Dienstag hatte der Dow-Jones-Index, das traditionsreichste Börsenbarometer der USA, den Handel zwölf Tage hintereinander mit Rekordhochs beendet. Das war zuletzt 1987 der Fall. Am Mittwoch ging es munter weiter. Der Dow erreichte erstmals 21.000 Punkte. Trump wertet die Börsenparty als Beleg für seine "phänomenale" Wirtschaftspolitik. Hat er recht?

Die Story heißt: Wachstum

Wer an der Börse handelt, braucht immer wieder neue Geschichten, neue Gründe, um zu kaufen. Und Trump liefert sie: Investitionen in Straßen, Brücken, Pipelines. Auch wenn noch niemand weiß, wie das finanziert werden soll, werden Aktien gekauft. Börsianer leben von Hoffnung und Psychologie. Die Aktienkurse nehmen also mögliches künftiges Wachstum schon vorweg.

"Das ist eine kurzfristige Sichtweise. Die Fundamentaldaten der Wirtschaft rechtfertigen diesen Aktienboom nicht", sagt Andrew Harvie, Portfoliomanager bei Columbia Threadneedle Investments. Kurzfrist-Trader kaufen trotzdem und ihnen folgen Indexfonds und ETF (Exchange Traded Funds). Sie alle sind auf kurzfristige Gewinne ausgerichtet.

Der Unternehmerfreund

Weniger Steuern, weniger Bürokratie: Diese Versprechen ziehen sich durch alle Wortmeldungen. Wer die Gewinner sind, ist bekannt: Banken und Finanzinstitute freuen sich, weil die Fesseln für spekulative Geschäfte gelockert werden. Die Goldman-Sachs-Aktie ist seit Trumps Wahl um 45 Prozent gestiegen.

Anderes Beispiel: Obama wollte die staatlichen Verträge mit privaten Gefängnisbetreibern auslaufen lassen. Trump hat das rückgängig gemacht: Die Aktie von börsenotierten Gefängnisbetreibern (ja, so etwas gibt es in den USA) wie GEO und CoreCivic haben ihren Wert verdoppelt bis verdreifacht. Die Öl- und Kohleindustrie versprechen sich höhere Gewinne durch gelockerte Umweltauflagen. Und die geplante Aufrüstung lässt die Waffenindustrie jubeln.

Der geerbte Boom

Anders als er behauptet, hat Trump kein "totales Schlamassel" geerbt, sondern eine Wirtschaft mit solidem Wachstum und historisch niedriger Arbeitslosigkeit. Momentan ist die Bilanzsaison für viele US-Firmen – etliche davon überraschen mit guten Gewinnen. Das feuert die Börsenkurse an.

"Trump ist der falsche Präsident für diese Zeit", ist Stefan Kreuzkamp, Chief Investment Officer der Deutsche Asset Management, überzeugt. In einer gut laufenden Wirtschaft brauche man kein Konjunkturpaket – das werde lediglich zu höheren Löhnen und damit steigender Inflation führen.

Obama-Effekt

Jeder redet über den Trump-Effekt auf die Börsen. Dabei wird übersehen: So außergewöhnlich sind die Zuwächse gar nicht. Der Aufwärtstrend für US-Aktien hatte noch in der Ära Obama begonnen. Von Sommer 2012 bis Sommer 2015 hatte der Dow Jones 38 Prozent zugelegt. Dann liefen die Kurse während des Wahlkampfs ein Jahr lang seitwärts. Seit Trump als Präsident feststeht, geht es weiter bergauf: plus 13,5 Prozent.

Enttäuschung programmiert

Wie sich die Börsenkurse weiter entwickeln, weiß niemand. Allerdings werden Trumps Pläne natürlich Verlierer kennen. So notieren Aktien von Handelsfirmen wie Target und Wal-Mart bereits im Minus, weil eine geplante Grenzsteuer die Importe verteuern würde. Solange Trump aber Details schuldig bleibt, weiß man nicht genau, wer die Zeche zahlen muss.

Und: Bei den Steuern, beim Budget, bei geplanten Handelsbarrieren wird Trump auf massiven Widerstand stoßen – auch in der republikanischen Partei. Das wird die Geduld von Anlegern, die auf rasche Reformen spekuliert haben, auf eine harte Probe stellen. Es wird Enttäuschungen geben – womit Verluste an den Börsen nahezu programmiert sind.

Denkvermögen

Sachlich betrachtet stehen Aktien für die Beteiligung an Unternehmen. Schaffen diese Mehrwert, werden auch die Börsenkurse steigen. Langfristig, wohlgemerkt. Denn auf kurze Sicht lassen sich Börsen oft eher mit Tollhäusern vergleichen. Ein US-Präsident, der in seiner Rede einmal nicht alle niedermacht, sondern einen gemäßigteren Ton findet, reicht momentan schon, um Jubel unter den Anlegern auszulösen. Kein einziges Unternehmen ist durch die Trump-Rede wertvoller geworden. Trotzdem schießen die Kurse hoch.

Das zeigt, was an den Börsen wirklich regiert: der Herdentrieb, die selektive Wahrnehmung, unbegründete Euphorie oder auch überzogene Ängste. Wer fürs Alter vorsorgen will, ist gut beraten, langfristig zu denken und sich zur Rationalität zu zwingen. Sonst hatte Karl Farkas wirklich recht: Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen.

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