Wirtschaft 30.12.2011

Börsen: Noch ein Kehraus nach Silvester

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Einem enttäuschenden Aktienjahr folgen weitere Verluste. Mit den Temperaturen sollen 2012 die Kurse wieder steigen

In Caracas müsste man sein, zumindest, was die Aktienveranlagung betrifft. Der Leitindex der Börse von Venezuela schoss heuer um fast 84 Prozent hoch (auf Eurobasis gerechnet). Der Grund ist allerdings einigermaßen skurril: Seit öffentlich über die Krebserkrankung des Staatschefs Hugo Chavez diskutiert wird, wird darüber spekuliert, ob in Venezuela bald wirtschaftsfreundlichere Zeiten anbrechen.

An den allermeisten Börsen herrschte jedoch nur ein Thema vor: die Schuldenkrise, vornehmlich jene in der Eurozone. In Griechenland etwa sackten die Aktienkurse heuer um 53 Prozent ab, nachdem sie schon im Vorjahr 35 Prozent verloren hatten. Nur Zypern erging es noch schlimmer (siehe Grafik)

ATX rutscht ab

Im Schuldenkrisenjahr 2011 zogen sich Anleger scharenweise aus Finanzwerten und Titeln kleiner Börsen zurück. Das traf den Wiener Aktienmarkt besonders hart. Der Leitindex ATX rutschte um fast 35 Prozent in den Keller und damit viel heftiger als etwa das Kursbarometer für die Eurozone, das fünfzig Großkonzerne enthält.

„Das Jahr war besonders spannend, aber auch besonders enttäuschend“, so Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Bank International (RBI). Zu den Enttäuschungen zählt er, dass in der EU zwar ein Schuldengipfel auf den anderen folgt, zwischen Beschlussfassung und Umsetzung aber viel zu viel Zeit vergeht.

 

Eisiger Start

Grafik
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Zumindest im ersten Quartal 2012 müssen sich Anleger noch warm anziehen. Helge Rechberger, Leiter der RBI-Aktienanalyse, rechnet mit weiteren Kursverlusten in den ersten Monaten. Der Hintergrund: Die Turbulenzen an den Finanzmärkten haben die Realwirtschaft erreicht. Die Folge ist ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung. Für die Eurozone erwarten die Analysten 2012 einen Rückgang um ein Prozent, in Österreich sollte das Minus kleiner ausfallen.

Börsen nehmen Konjunkturerholungen in der Regel ein halbes Jahr vorweg. Das ist auch der Grund, warum die RBI-Experten davon ausgehen, dass es mit dem Kursniveaus ab Frühjahr, spätestens aber ab dem Sommer wieder aufwärts geht. „ Ein frostiger Beginn, aber ein erwärmender weiterer Verlauf“, lautet die Brezinscheks Prognose für das Börsenwetter 2012. Auf Jahressicht gesehen könnten die Kursniveaus an den großen Börsen in Europa (inklusive Wien) zehn bis 20 Prozent gewinnen.

Voraussetzung dafür ist, dass die Schuldenkrise nicht weiter eskaliert und dass Italien seinen am Donnerstag präsentierten Wachstumspakt rasch umsetzen kann. Der Tokioter Leitindex Nikkei hat heuer zwar (auf Eurobasis) „nur“ gut elf Prozent verloren. Er ist damit aber trotzdem auf dem tiefsten Stand seit 29 Jahren gelandet. Und er soll, so die Prognose, auch im nächsten Jahr verlieren.

Nach einer unglaublichen Gold-Rallye im Sommer gab der Preis des Edelmetalls wieder kräftig nach. Die Jahresentwicklung ist mit einem Plus von rund zehn Prozent nicht sehr glänzend. Für 2012 hält die RBI einen Preisanstieg um 15 bis 20 Prozent für denkbar.

Top-Aktie Polytec

Im Premiumsegment der Wiener Börse, dem „Prime Market“, schafften es heuer nur vier von 40 Werten in die Pluszone. Bei sieben Titeln gab es dagegen Verluste von mehr als 50 Prozent.

Noch 2009 stand der oberösterreichische Autozulieferer vor dem Aus. Grund war die Übernahme der deutschen Peguform knapp vor Ausbruch der Finanzkrise und damit zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Mit dem späteren Weiterverkauf der Peguform und dem Verzicht der Banken auf die Rückzahlung von Darlehen konnte Polytec neu durchstarten. Mit Erfolg. In den ersten neun Monaten 2011 stieg der Gewinn im Vorjahresvergleich von 8,7 auf 31,8 Millionen Euro. Zur Restrukturierung zählt auch der Rückzug aus dem Interieurgeschäft. „Die freigewordenen Mittel sind ein weiterer Befreiungsschlag“, sagt RCB-Analyst Bernd Maurer. Grund für den Kursanstieg sei zudem der boomende Pkw-Markt. Nach drei Jahren Pause soll es für 2011 wieder eine Dividende geben.

Flop-Aktie Intercell

Die Aktie des Wiener Biotech-Unternehmens war immer schon ein Spekulationspapier, das sich von viel Hoffnung auf neue Medikamente nährte. Ein Horrorjahr mit mehreren Rückschlägen bei der Impfstoff-Entwicklung ließ die Anleger-Träume jäh platzen und drückte den Kurs zu Boden. Der neue Vorstandschef Thomas Lingelbach versucht mit radikalem Sparkurs, Jobabbau und Neuausrichtung, das Ruder herumzureißen und buhlt um Investoren. Die Analysten von UBS sehen Intercell langfristig als interessante Investition.

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Erstellt am 30.12.2011