In Kapfenberg bezeichnen sich die Voest-Mitarbeiter noch immer als "Böhlerianer"

© APA/BARBARA GINDL

Steiermark
06/20/2016

"Böhlerianer" im Aufschwung

Es tut sich viel Kapfenberg. Pankl baut, die Voest plant ein neues Werk. Nur mit dem Image hapert es.

von Elisabeth Holzer

"Beim Wort Industrie denkt man sofort an grau, schmutzig, Abwanderung. Ob in Graz oder in Wien, das ist völlig wurscht." Das sei so ein bisserl die "Pfeif-drauf-Mentalität", tadelt Manfred Wegscheider: "Das nötige Image fehlt uns leider in der veröffentlichten Meinung."

An dem Image will der SPÖ-Bürgermeister schrauben. Nicht zuletzt, weil eben die Industriemagnaten selbst ein ganz anderes Bild seiner Stadt hätten. "Die wissen schon, wie Kapfenberg dasteht. Wir haben die zweitgrößte HTL des Landes, wir haben eine Fachhochschule, wir haben eine sehr hohe Identifikation mit der Industrie." Bezogen auf die Wertschöpfung sei der Bereich Obersteiermark-Ost nach Linz die zweitstärkste Region Österreichs.

Seit die voestalpine vor zwei Wochen ankündigte, in Kapfenberg bis zu 300 Millionen Euro in ein neues Edelstahlwerk investieren zu wollen, sind sowieso alle Kapfenberger aus dem Häuschen. Auch wenn sie "Böhler" sagen und nicht "Voest". Wegscheider schmunzelt. "Für die Kapfenberger sind diese Werke halt immer noch Böhler, auch wenn der Eigentümer die Voest ist. Die, die dort arbeiten, sind Böhlerianer. Das darf man nicht böse sehen."

3000 Jobs

Es gibt viele "Böhlerianer" in Kapfenberg. 3000 Arbeitsplätze bestehen in den Voest-Werken bereits bei 23.000 Einwohnern und insgesamt rund 13.500 Arbeitsplätzen in der Stadt. Wie viele weitere Jobs das neue Werk bringen kann, ist offen. Die bestehenden absichern soll es auf jeden Fall.

Doch nicht nur die voestalpine investiert. Pankl Racing baut gerade an einer 9000-Quadratmeter-Halle und nimmt 30 Millionen Euro in die Hand, um einen neuen Zweig der Getriebefertigung aufzustellen. Das soll bis 2020 zusätzliche 100 Jobs bringen. Ein paar Hundert Meter entfernt errichtet auch die BBG ein neues Fertigungsgebäude, freut sich Wegscheider. "Rund um Pankl und Böhler investieren andere ebenfalls." Immerhin hätte man elf Weltmarktführer in der Stadt, deponiert der Stadtchef und meint damit bestimmte Produkte, Hochdruckventile etwa oder spezielle Beschichtungen.

Arbeit ist viel, aber nicht alles. Um qualifizierte Kräfte in die obersteirische Stadt zu holen oder dort zu halten und die gut ausgebildete Jugend nicht an Graz zu verlieren, ist mehr nötig. Freizeitangebote nämlich, diese sind ansatzweise auch schon zu finden: Ein Bundesliga-taugliches Stadion, ein Hauch von Geschichte durch die Burg Oberkapfenberg.

Fünf Minuten ins Grüne

Auch der Wohnbau wird gerade angekurbelt, im neuen Flächenwidmungsplan sind weitere 200.000 Quadratmeter vorgesehen. "Die Lebensqualität ist hoch bei uns. In fünf bis sieben Minuten längstens bist du im Grünen", überlegt Wegscheider. "Die, die da sind, wissen das. Die Linzer wissen das schon vielleicht nicht mehr, die Wiener sicher gar nicht."

Das fehlt halt dann doch das gewisse Image, weg vom vermeintlichen Grau der Industrie. Daran arbeitet gerade eine Projektgruppe. Sie soll der gesamten Obersteiermark-Ost einen pfiffigen Auftritt verpassen, Böhlerstadt Kapfenberg inklusive.

Steirische Toskana im Süden, Thermenland im Osten, das Murtal profitiert vom Image des Red-Bull-Ringes: "Wir bleiben über, wenn wir nichts tun", brummt Wegscheider. "Was wir brauchen, ist ein Image, das unsere Stärken positiv zeigt, dass zeigt, das Industrie eine Lebensader ist."

Ob der Linzer Stahlkonzern voestalpine in Kapfenberg für 250 bis 300 Millionen Euro ein völlig neues Edelstahlwerk hochzieht, wird Konzernchef Wolfgang Eder erst nächstes Jahr entscheiden. Ausschlaggebend seien die politischen Rahmenbedingungen, sagt er. Wird nichts aus dem neuen Werk in Kapfenberg, sei „Amerika sicher eine Option, aber sicher nicht die einzige.“
Im Vorjahr hat die voestalpine, die weltweit in 50 Ländern tätig ist, so viel investiert wie nie zuvor in der Unternehmensgeschichte. Mehr als 1,3 Milliarden Euro flossen in die Anlagen – der Großteil davon in Werke außerhalb des Heimatlandes.
Rund 550 Millionen Euro steckte die Voest in den vergangenen Jahren allein in eine Eisenschwammanlage im texanischen Corpus Christi, die voraussichtlich diesen Juli in Betrieb genommen wird. Jährlich sollen dort zwei Millionen Tonnen Eisenpellets produziert werden. Verschifft werden diese dann in die ganze Welt – auch nach Österreich.

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