© KURIER/Reinhard Vogel

Kraftwerk Mellach
09/18/2016

Blackout im Verbund

Mehr als 500 Millionen Euro abgeschrieben – verkaufen oder einmotten?

Österreichs größter Stromkonzern liefert seit Jahren keine Erfolgsmeldungen mehr. Die Strompreise sind im Keller, die Gewinne brechen weg, noch mehr Jobs müssen abgebaut werden. Aus der einstigen Cashcow ist längst ein Sorgenkind geworden. Stimmt schon, die Energiewende setzt allen konventionellen Erzeugern in Europa schwer zu. Doch das darf nicht die Ausrede für eigene Fehlentscheidungen sein. Die größenwahnsinnige Auslandsexpansion endete mit Verlusten von Hunderten Millionen Euro und einer heftigen Abrechnung des Rechnungshofes. Die unrühmlichen Kapitel Frankreich, Italien und Türkei sind erledigt.

Im Inland hat der Verbund noch einen Problemfall, den er sich ebenfalls selbst zuzuschreiben hat und dessen Dimensionen beachtlich sind. 550 Millionen Euro wurden in den Bau des Gaskraftwerkes Mellach in der Steiermark investiert, jährlich werden rund 20 Millionen Verlust eingefahren. Das Kraftwerk ist auf 17 Millionen Euro abgeschrieben. Zur Erinnerung: Der Verbund gehört zu 51 Prozent der Republik Österreich, der Rest notiert an der Börse. Es geht hier also um Vermögen der Steuerzahler und Aktionäre.

Seit Jahren wird herumlaviert

Eine definitive Entscheidung gibt es bis heute nicht. Derzeit versucht Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber zum zweiten Mal, den Mühlstein loszuwerden. Am 30. September endet die Frist für verbindliche Angebote. Diesmal endgültig – oder doch nicht?

Der erste Termin lief Mitte Juli ab. Der Aufsichtsrat warf Anzengruber die Offerte zurück und forderte Nachbesserung. Im zweiten Anlauf sind drei Konsortien ins Rennen gegangen.

Da wäre die Firma Avior Energy, die nur für den Kauf von Mellach aufgestellt wurde. Von Transparenz halten die Beteiligten nichts. Besitzer der Avior ist eine HBA Beteiligungs GmbH, deren Eigentümer sich hinter fünf Stiftungen verstecken. Alle Stiftungen sind im Umfeld der Grazer Rechtsanwaltskanzlei Held Berdnik Astner & Partner. Dort gibt man sich mit Hinweis auf die Verschwiegenheitspflicht zugeknöpft.

Nicht anzunehmen, dass eine Anwaltskanzlei ins Kraftwerksgeschäft einsteigt. Wer aber sind die Player im Hintergrund? Darüber kann nur gemutmaßt werden. Angeblich ist ein deutscher Anlagenbauer mit dabei, der Schiffsbauer Deutsche Meyer Werft soll schon wieder draußen sein, stattdessen könnte ein Luxemburger Fonds an Bord gegangen sein. Zu hinterfragen ist auch die Rolle des ehemaligen Geschäftsführers der Alpine Energie, Helmut Schnitzhofer. Der Manager hat rund um die Pleite des Baukonzerns Alpine eine g’schmackige Anklage am Hals. Und soll sich, hört man, auf enge Kontakte zum Verbund-Management berufen. Da es an eigener Expertise mangelt, soll der Verbund Mellach angeblich als Dienstleister weiterführen. Nicht unproblematisch.

Nächster Bieter ist ein Konsortium aus dem deutschen Stromproduzenten Steag, der sechs Kommunen am Rhein und an der Ruhr gehört, und der steirischen Christof Industries. Das traditionsreiche Familienunternehmen beschäftigt mehr als 2000 Mitarbeiter, war als Anlagenbauer an der Errichtung von Mellach beteiligt und kennt das Kraftwerk daher gut.

Der Essener Energie-Riese Steag leidet zwar unter der Energiewende und kündigte in der Vorwoche ein radikales Sparpaket an, zieht sein Mellach-Engagement aber nicht zurück.

Dritter Bieter ist der US-Fonds Contour Global, der sich mit KTM-Eigentümer Stefan Pierer und dem ehemaligen steirischen ÖVP-Politiker und Unternehmer Herbert Paierl zusammengetan hat. Der Fonds bevorzugt Investitionen in staatlich regulierte Märkte.

Die Offerte dürften sich um die hundert Millionen Euro bewegen. Falls überhaupt verkauft wird. "Es sind weiterhin alle Optionen unter Prüfung, von Verkauf bis Einmottung", lässt Anzengruber ausrichten. Derzeit würden die Kaufangebote evaluiert, man gehe von einer "richtungsweisenden Entscheidung" bis Ende 2016 aus. Einmotten oder Zusperren sind freilich nicht ohne Risiko. "Der Verbund braucht das Kraftwerk im Normalbetrieb nicht, es wäre aber für die Reservehaltung und die Netzstabilisierung gut", warnt Walter Boltz, ehemaliger langjähriger Chef der Aufsichtsbehörde E-Control. Die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien wie Wind oder Sonne unterliegt starken Schwankungen. Dann werden Kraftwerke benötigt, die kurzfristig hinaufgefahren werden können und die Hochleistungsnetze stabilisieren.

Damit kein Blackout passiert

Großartige Renditen dürfte Mellach für private Investoren sobald nicht abwerfen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Strompreise in fünf bis sieben Jahren immer noch niedrig sind, ist recht hoch", meint Boltz.

Die einflussreichen Verbund-Betriebsräte sollen ohnehin gegen einen Verkauf sein. Die Kraftwerksgesellschaft bezahlt nach wie vor stolze Gehälter. Die durchschnittliche Lohnsumme liegt bei rund 100.000 Euro. Private Eigentümer würden das Lohnniveau wohl rasch hinunter fahren.

Wäre außerdem noch ein kleines Problem mit der Energie Steiermark. Der Verbund hat sich bis 2020 verpflichtet, die Fernwärmeversorgung von Graz zu garantieren. Ein Verlustgeschäft. Der Verbund erhält von den Steirern für eine MWh 18 Euro, die Endkunden zahlen 70 bis 80 Euro.

Die Diskussionen eskalierten in einen jahrelangen Streit, der bereits die Gerichte beschäftigte. Brutal sei Anzengruber in Graz aufgetreten, habe es sich mit allen verscherzt, ärgern sich die Steirer. Ab der bevorstehenden Heizsaison sind die Grazer energiemäßig jedoch autark und brauchen Mellach allenfalls für die Reservehaltung.

Obwohl eines der effizientesten Gaskraftwerke in Europa, stand Mellach von Anfang an unter keinem guten Stern. Das Projekt wurde unter Verbund-Chef Hans Haider geplant und ursprünglich mit 400 Millionen Euro budgetiert. Die Endabrechnung lautete dann auf 550 Millionen Euro. Zum Spatenstich 2008 brach die Wirtschaftskrise aus und die Energie-Nachfrage bremste sich ein. Als der Verbund 2011 über die Inbetriebnahme von "Österreichs modernstem Wärmekraftwerk" jubelte, waren die Strom-Großhandelspreise in Europa bereits auf Talfahrt. Und Gaskraftwerke rechneten sich immer weniger. Dafür wird Öko-Energie auf Kosten der Konsumenten üppig subventioniert.

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