Wirtschaft
28.02.2018

Bitcoin & Co: Was überleben wird. Und was eher nicht

Profis warnen: Die Krypto-Technologie hat viel Potenzial, steht aber ganz am Anfang. Sinnvolle Investments gebe es noch nicht.

Mehr als 1500 Krypto-Coins und Tokens (digitale Gutscheine) rittern weltweit um Anleger. Wobei: Die Dunkelziffer ist viel höher, denn täglich werden es mehr. Er würde aber kein Geld verwetten, dass heute noch führende Kryptowährungen wie Bitcoin, Ripple, Ethereum, Iota, Neo oder Stellar wertvoll bleiben, sagte Raiffeisen-Research-Experte Valentin Hofstätter am Mittwoch zu Journalisten. "Vieles, das herumschwirrt, wird nur noch Liebhaberwert haben."

So vielversprechend die Technologie sei: Es gebe aktuell keine wirklich sinnvolle Investmentmöglichkeit, um an dem Boom teilzuhaben. Heute zu identifizieren, wer in den nächsten zehn Jahren die Gewinner sein werden, sei unmöglich, warnte Hofstätter. Zumal nicht nur Bitcoin, sondern auch die Rivalen unter "Kinderkrankheiten" litten. Und dass Bitcoin als erster und bekanntester Vertreter einen Bonus habe, sei nicht in Stein gemeißelt. Pioniere, die einst den Online-Markt dominiert hatten, wie der Internet-Browser Netscape oder die Suchmaschine Altavista, sind gänzlich von der Bildfläche verschwunden.

Krypto-Kapitalismus

Der Bitcoin-Kurs hat sich gegenüber dem Rekord bei knapp 20.000 Dollar mittlerweile ungefähr halbiert. Der Gesamt-Marktwert aller Bitcoins von aktuell rund 180 Mrd. Dollar wäre aber nur gerechtfertigt, wenn sich Bitcoin tatsächlich als Zahlungsmittel durchsetzt. Woran Hofstätter nicht glaubt.

Eines hat der Konkurrenzdruck von Kryptos und Fintechs zumindest bewirkt: Die Banken mussten Echtzeit-Zahlungen (binnen 10 Sekunden) ermöglichen. Dieses "Instant Payment" in Euro sei kaum zu schlagen: "Schneller, billiger, mit weniger Kursschwankungen geht es eigentlich nicht", sagt Hofstätter.

Als reine Zockerei sieht der Analyst ICOs (Initial Coin Offerings), wo sich Firmen mit der Ausgabe eigener digitaler Münzen oder Gutscheine Geld beschaffen. Oft stünde dahinter nicht recht viel mehr als ein findiger Programmierer und eine Marketingabteilung. Das reiche häufig aus, um Millionenbeträge zu lukrieren. Diese Geschäftsmodelle seien für Anleger höchst undurchsichtig, betrugsanfällig und sogar noch viel gefährlicher als Risikokapital für Start-ups. Und selbst dort rechnen Investment-Profis mit nur einem Prozent Erfolgsrate und drei Viertel Komplettausfällen.

Große Wissenslücken

Dem Boom tut das keinen Abbruch. 2017 hatten sich Firmen weltweit über ICOs 5,6 Mrd. US-Dollar besorgt, sagte Markus Müller, Chef-Investmentstratege bei der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank, am Mittwoch in Wien. Kryptowährungen würden traditionelles Geld zwar nicht ablösen, aber ergänzen. Mit cleveren Geschäftsideen könnte die Kryptotechnologie die Wirtschaft und Gesellschaft gravierend verändern – die Funktion als reines Tauschmittel allein sei dafür allerdings noch zu wenig.

Müller sieht freilich noch "große Wissenslücken": So sei Bitcoin nur eine von vielen Coins und - was oft übersehen wird - auch die Blockchain, die hinter Bitcoin steht, sei nur eine unter vielen rivalisierenden Technologien. Im Fachjargon werden diese "Distributed Ledger" genannt, das ist Englisch und heißt übersetzt in etwa "verteiltes Kontenbuch". Alle Transaktionen werden nämlich nacheinander in einem dezentral geführten, digitalen "Kassabuch" verzeichnet. Auf dieses können alle Teilnehmer zugreifen, es kann aber niemand im Alleingang manipulieren.

"Die Distributed-Ledger-Technologie ist sicher, aber die Handels-Plattformen und die digitalen Geldbörsen sind es nicht", sagt Müller. Dadurch sei es möglich gewesen, dass 2017 Kryptowährungen im Wert von 700 Mio. US-Dollar von Hackern gestohlen wurden.

Klarere Regeln

Die Deutsche-Bank-Experten erwarten, dass 2018 strengere Anti-Geldwäsche-Gesetze für den Kryptobereich umgesetzt werden. Illegale Geschäfte im Dark Web - quasi den finsteren, unzugänglichen Ecken des Internets - würden reguliert und auch die Besteuerung werde klar gesetzlich geregelt.

Der Strukturwandel für den Finanzsektor sei indes nicht aufzuhalten: Als mögliche Krypto-Anwendungen skizziert der Experte transparentere Geschäfte zwischen Finanzintermediären, die automatische Verrechnung von Solar-Stromlieferungen zwischen Privathaushalten, manipulationssichere Abstimmungen oder Wahlen vom Smartphone aus, die Verfolgung und Verrechnung von Fotografen-Bildrechten im Internet, Transaktionen im Personen-Nahverkehr oder die Erfüllung von regulatorischen Vorgaben im Unternehmensbereich.