Wirtschaft
01/09/2014

15 Euro für ein ganzes Schwein

Billigfleisch aus dem Ausland bringt Landwirte und Schlachter unter Druck.

Bauernhöfe mit 15 Schweinen, ein paar Kühen und Hühnern gehören mehr oder weniger der Vergangenheit an. „Wer als Bauer überleben will, muss sich spezialisieren“, stellt Adolf Marksteiner von der Landwirtschaftskammer Österreich klar. Um ein Schwein auf rund hundert Kilo zu mästen, braucht es ein knappes halbes Jahr. Beim Verkauf des Tieres kassiert der Bauer dann rund 200 Euro, nach Abzug der Kosten bleiben ihm laut Marksteiner gerade einmal 15 Euro.

Der Preisdruck in der Branche ist enorm. Marksteiner: „Vor allem in der Gastronomie zählt nur der Preis.“ Zum Zug kommt dann nicht österreichische Ware, sondern Billigimport – vornehmlich aus Deutschland und Holland, weiß der Experte. Auf deutschen Höfen werden durchschnittlich 3000 Tiere gehalten, in Österreich liegt der Schnitt bei 600 – die Ställe der Hobbybauern nicht mit gerechnet. Die deutschen Riesenhöfe drehen mit ihren Industrieställen die Preisspirale weiter nach unten.

Lohndumping

Zusätzlicher Druck kommt von den Schlachthöfen im Nachbarland, an denen vorwiegend Billigarbeitskräfte aus Moldawien, der Ukraine, Polen und Weißrussland zu niedrigen Löhnen arbeiten. Das hat bereits zu Beschwerden mehrerer Länder – unter anderem Österreich – in Brüssel geführt. Nun will die deutsche Regierung auch für diese Arbeitskräfte einen Mindestlohn einführen. „Es gibt allerdings eine Übergangsfrist bis zum Jahr 2017 und es ist noch nicht ganz klar, in welcher Schärfe die Löhne angehoben werden“, ist Hans Schlederer, Chef der österreichischen Schweinebörse, skeptisch. Die Rede ist von einem Mindestlohn von 8,50 Euro. Zum Vergleich: In Österreich wird mit einem Stundensatz von zwanzig Euro kalkuliert.

Laut Schlederer haben von den 200 Schlachthöfen in Österreich etwa 14 eine marktrelevante Größe. Fünf davon sind aufgrund des „Lohndumpings“ in Deutschland insolvent geworden. Insgesamt schlachten Österreichs Fleischer in der Woche knapp 100.000 Schweine. Zum Vergleich: Der größte Schlachtbetrieb Deutschlands verarbeitet im selben Zeitraum genauso viel wie alle österreichischen Betriebe zusammen. Je größer der Betrieb, desto leichter können alle Teile des Schweins vermarktet werden – was oft über den wirtschaftlichen Erfolg des Schlachters entscheidet. Schweinsohren werden als Delikatesse nach China verschifft, Knochen an die Düngemittelerzeuger oder Knochen- und Fleischmehle als Brennstoff an die Zementindustrie geliefert. Innereien landen oft in Tierfutterdosen. Schlederer: „Wenn ein Schachthof jeden zweiten Tag einen Container mit Lunge, Nieren, Herz oder Milz an die Tierfutterindustrie liefern kann, ist das natürlich interessanter als die Bereitstellung kleiner Mengen.“

In Österreich werden jährlich 7,5 Millionen Schweine verarbeitet, davon 4,9 Millionen aus heimischer Produktion. Unter dem Konkurrenzdruck haben in den vergangenen 30 Jahren österreichweit 75.000 Bauern mit der Schweinehaltung aufgehört. Heute gibt es 26.000 Schweinehalter im Land, davon etwas mehr als 10.000 Betriebe, die auch davon leben und durchschnittlich 600 Tiere halten. Die Ställe werden computerüberwacht, romantische Vorstellungen von Schweinen, die im Stroh schlafen, sind Fehl am Platz.

Arme Sau

Unter dem Titel „Arme Sau“ hat sich auch die Sendung Am Schauplatz (heute, Donnerstag, 21.05 Uhr in ORF2) angeschaut, wie es in modernen Ställen und Schlachthäusern aussieht. „Wenn Konsumenten bereit sind, wieder mehr zu zahlen, würden wir auch wieder anders produzieren“, sagt eine Bäuerin in der Sendung. Der Handel verkauft mehr als die Hälfte des Fleisches in Aktion.

Spitzenreiter

Mit durchschnittlich zehn Deka pro Tag essen die Österreicher so viel Schweinefleisch wie keine andere Nation. Im Spitzenfeld rangieren auch die Dänen und Spanier. In Österreich werden knapp 100.000 Schweine in der Woche geschlachtet, 90 Prozent davon aus heimischer Produktion. Der österreichische Handel hat den Fokus auf Ware aus Österreich gelegt. In der Gastronomie zählt beim Einkauf vor allem der Preis. Oft kommen deutsche Anbieter zum Zug.

Anders geht billig eben nicht

Dass der ORF-"Schauplatz" zu den beliebtesten ORF-Formaten gehört, liegt durchaus an der Themenwahl: Man wagt sich unverhältnismäßig oft in sensible, kontroversielle oder schwierige Bereiche. Die Reportage „Arme Sau“ tut gleich alles auf einmal: Reporter Klaus Dutzler untersucht, wo die riesige Menge Schweinefleisch herkommt, die die Österreicher verspeisen, unter welchen Bedingungen es produziert wird und wie die meisten Schweine in Österreich leben müssen, damit ihr Fleisch so billig sein kann, wie es ist.

Dazu sprach Dutzler mit Biobauern und Fleischhauern, das Team filmte in einem Schlachtbetrieb und in der Wurstfabrik. Nach Monaten fand sich schließlich auch eine Bauernfamilie, die bereit war, dem Schauplatz den Schweinemastbetrieb zu zeigen.

Was man erfährt, ist so lehrreich wie logisch: Wer das Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren essen will, muss bereit sein, mehr zu zahlen. Da die meisten aber lieber sehr viel sehr billiges Fleisch essen, wird die überwiegende Zahl der Schweine unter Bedingungen gehalten, die den Tieren nicht entsprechen: weder was ihren Platzbedarf, noch die Art der Haltung, noch was ihr Futter anbelangt.

Anstatt freilaufend in Wald, Wiese oder auf Stroh fristen die Tiere ihr Dasein in engen Kobeln auf Lattenrosten so, dass sie möglich schnell wachsen und möglichst oft möglichst viele Ferkel werfen. Die Schweinezüchter werden dabei keineswegs dämonisiert: Es sind erfahrene Bauersleute, die versuchen, effizient zu wirtschaften, die wissen, was sie tun und warum. Die Bäuerin delegiert die Verantwortung für die Art der Schweinezucht auch völlig zu Recht direkt an die Konsumenten: Anders geht billig nun einmal nicht. Aber es geht anders, wie am Bio-Mangalitza-Hof der Familie Wiesner: sehr beeindruckend und überzeugend.

Schauplatz-Reporter Klaus Dutzler kennt die Materie im Übrigen: Er hält nebenbei selber Schweine und Rinder, in kleinem Rahmen, auf der Wiese und im Wald, artgerecht und bio. „Am Schauplatz“, Donnerstag 21.05, ORF 2.