Wirtschaft 02.02.2012

Benetton: Abschiedskuss von der Börse

Der italienische Familienclan will sein Modeimperium wieder ganz eigenständig führen – und später eventuell verkaufen.

Der Familiensaga nach begann alles mit einem gelben Pullover, den Giuliana vor mehr als 35 Jahren für ihren Bruder Luciano strickte. Heute wird das Privatvermögen der Geschwister Giuliana, Luciano, Gilberto und Carlo Benetton, Gründer der gleichnamigen Modegruppe, auf zwei Milliarden Euro geschätzt.

Verkraftbar dürften daher jene 200 bis 250 Millionen Euro sein, die der Familienclan aufbringen muss, um den Modekonzern von der Börse Mailand zu nehmen – um wieder völlig unabhängig agieren zu können. Die Stärke der Konkurrenten wie H&M und die nach wie vor zu dominante Stellung des schwächelnden Italien-Geschäftes bei Benetton knabbern massiv am Gewinn. Im Vorjahr fiel er von 102 auf 70 Millionen Euro, die Aktie brach um 40 Prozent ein.

Jetzt ist also ein günstiger Zeitpunkt, um jene 33 Prozent am Unternehmen zurückzukaufen, die im Streubesitz sind. Ein für später angedachter Verkauf des Gesamtkonzerns an einen Konkurrenten wie Inditex aus Spanien („Zara“) wurde umgehend dementiert.

In der Gerüchteküche brodelt es dennoch. Die Benetton-Aktie gewann in dieser Woche seit Bekanntwerden der Delisting-Pläne massiv. Die Mailänder Börsenaufsichtsbehörde Consob nimmt den kräftigen Kursanstieg wegen des Verdachts auf Insiderhandel unter die Lupe. Benetton ist seit 25 Jahren an der Börse Mailand.

Edizione

Berühmt wurde der Modekonzern mit heute 6400 Geschäften in aller Welt mit seinen oft sehr umstrittenen Werbekampagnen. Gesteuert wird der Gesamtkonzern, in dem die Mode nur eine Sparte neben anderen ist, über die Familien-Holding Edizione.

Zu dieser Dachgesellschaft gehören auch maßgebliche Beteiligungen an Autostrade, der italienischen Autobahnbetreibergesellschaft, einem großen Restaurantnetzwerk inklusive der auch in Österreich bekannten Autobahnraststäten Autogrill sowie Anteile an diversen italienischen Banken, Versicherungen, Medienunternehmen, Flughafenbetreibern und Industrieunternehmen wie Pirelli.

Zusätzlich hat die Familie einen umfangreichen Immobilienbesitz in Italien, den USA (Texas) und Argentinien (Patagonien). Dort machen 280.000 Schafe die Edizione Holding auch zu einer der größeren Schafzucht-Firmen der Welt.

 

( Kurier ) Erstellt am 02.02.2012