Wirtschaft 05.12.2011

Baustelle Italien macht der EU Angst

Die Märkte sind hochgradig nervös. Mit Italien, aber auch Spanien, geraten die nächsten Sorgenkinder ins Visier.

Der Goldpreis springt auf ein Rekordhoch von 1095 Euro. Die Aktienmärkte stehen massiv unter Druck, die Bank-Austria-Mutter UniCredit muss wegen eines Kursverlustes von mehr als zehn Prozent sogar vom Handel in Mailand ausgesetzt werden. Der Euro rutscht auf ein Zweiwochen-Tief ab und die Risikoaufschläge für Staatsanleihen aus Italien und Spanien schnellen in gefährliche Höhen. Was ist geschehen? Eigentlich wollten die Euro-Finanzminister am Montag lediglich über das zweite Hilfspaket für Griechenland beraten - und hier vor allem die nach wie vor strittige Frage der (freiwilligen) Beteiligung des Privatsektors klären.

Nervosität

Doch die Märkte sind so hochgradig nervös, dass Europas Spitzenpolitiker vorab zu einem Krisentreffen zur Situation in Italien, immerhin der drittgrößten Volkswirtschaft in der Eurozone, zusammengekommen sind.

Konkreter Auslöser ist sicher die innenpolitische Krise in Österreichs Nachbarland und zweitwichtigstem Handelspartner. Dazu kommt das Wissen, dass der derzeitige Euro-Rettungsschirm wohl kaum ausreichen würde, sollten Rom oder auch Madrid tatsächlich in finanzielle Bedrängnis geraten.

IWF

Wenig Licht am Ende des italienischen Finanztunnels: Der Schuldenstand liegt bei knapp 120 Prozent.
© Bild: apa

Die neue IWF-Chefin Christine Lagarde versuchte zudem, Sorgen über Italien zu dämpfen. "Italien hat ganz klar im Moment mit Problemen zu tun, die im wesentlichen von den Märkten befeuert wurden", so Lagarde. Einige der Wirtschaftsdaten des Landes seien "exzellent"; ein großer Teil der Schulden werde im Inland gehalten. Das bedeutet, dass der Einfluss internationaler Märkte begrenzt ist.

Die Direktorin der globalen Finanzfeuerwehr zeigte sich aber zugleich überzeugt, dass "die italienische Regierung zusammen mit ihren Partnern darauf ein Auge hat". Allerdings sei ebenso klar, dass sich das italienische Wirtschaftswachstum verbessern müsse. Zusammen mit den beschlossenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Schuldensituation sei dies entscheidend, um die Lage wieder zu normalisieren.

Hedgefonds setzen Taktik fort

Wenig Licht am Ende des italienischen Finanztunnels: Der Schuldenstand liegt bei knapp 120 Prozent.
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Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel rief Italien daher auf, sein angekündigtes Sparpaket über 47 Milliarden Euro umgehend zu verabschieden. Merkel: Der Euro an sich ist stabil, "aber wir haben in einigen Ländern ein Schuldenproblem".

Das wissen auch die Spekulanten. US-Hedgefonds setzen ihre Taktik fort, auf fallende Anleihenkurse zu spekulieren, die mit steigenden Renditen einhergehen. Die italienische Börsenaufsicht hat Leerverkäufe, mit denen auf fallende Kurse gewettet wird, massiv erschwert. Der italienische Präsident Giorgio Napolitano zeigte sich zuversichtlich, dass Italien nicht ins Visier spekulativer Angriffe geraten wird. "Wenn wir rigoros sparen, haben wir keinen Grund zur Sorge."

Doppelter Schirm

Die Europäische Zentralbank hat - noch nicht offiziell - wohl aber hinter den Kulissen eine Verdopplung des Euro-Rettungsschirmes auf 1500 Milliarden Euro gefordert. Auch Experten wie WIFO-Chef Karl Aiginger sind dafür. Doch unter den Finanzministern findet die Ausweitung derzeit keine Zustimmung. Zuerst müssten die bisherigen Maßnahmen umgesetzt werden, heißt es. Wobei noch nicht einmal die Höhe des zweiten Griechenland-Paketes fixiert ist. Bisher war von bis zu 120 Milliarden Euro die Rede. Da kommt das Italien-Problem höchst ungelegen.

Doch ganz neu sind die Probleme Italiens nicht. Vor allem in der Schuldenentwicklung nimmt das Land schon seit geraumer Zeit den unrühmlichen zweiten Eurozonen-Platz hinter Griechenland ein.

Während Athen auf 160 Prozent Schulden gemessen an der jährlichen Wirtschaftsleistung Griechenlands zusteuert, sind es bei Rom ebenfalls bereits knapp 120 Prozent. Und das bei einer jährlichen Neuverschuldung von heuer mehr als vier Prozent sowie einem Wirtschaftswachstum von einem mageren Prozent.

Wenig Licht am Ende des italienischen Finanztunnels: Der Schuldenstand liegt bei knapp 120 Prozent.
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Ausdruck der Nervosität sind auch Dementis, etwa aus Berlin, wo bestritten wurde, dass Italien überhaupt ein Thema beim Finanzministertreffen ist. Zeitgleich bestätigte Österreichs Finanzministerin Maria Fekter, dass über Italien sehr wohl gesprochen werde. Kein Wunder: Österreichs Banken haben in Italien etwa 16,5 Milliarden Euro verborgt. Das Griechenland-Exposure beträgt nur etwa 2,3 Milliarden Euro.

( KURIER , KURIER.at ) Erstellt am 05.12.2011