Andy Mattes, CEO von Diebold Nixdorf

© KURIER/Gilbert Novy

Bankomat 4.0
02/06/2017

Bank der Zukunft: "Wir können alles automatisieren"

Einen Kredit vom Automaten? "Technisch geht das schon", sagt Diebold-Nixdorf-Chef Andy Mattes.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Eine Bankfiliale nach der anderen macht dicht. Experten prophezeien schon das Ende des Bargeldes – schaut nicht allzu gut aus für Hersteller von Geldautomaten, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. "Für uns ist das eher positiv", erklärt Andy Mattes, Chef des weltgrößten Geräteherstellers Diebold Nixdorf, im Gespräch mit dem KURIER.

KURIER: Wer ist innovativer, die Banken oder der Handel?

Andy Mattes: Eindeutig der Handel.

Tatsächlich? Warum?

Im Handel gibt der Kunde das Tempo vor. Er entscheidet, ob er mit Bargeld, Kreditkarte oder der elektronischen Geldbbörse bezahlt. Und die Händler unterliegen weniger Regulatorien als Banken, daher können sie Innovationen rascher ausprobieren.

An der Supermarktkassa kann ich jetzt Geld abheben. Wächst beides zusammen?

Ja, in beide Richtungen. Händler wickeln Abhebungen gern ab, weil sie Bargeld so gleich wieder loswerden. Und die Banken kopieren Handelskonzepte. Der Chef einer großen US-Bank spricht lieber von „stores“ (Geschäften) als Filialen, viele Institute mieten sich in Handelsflächen ein. Deshalb ist unser kleinster Bankomat jetzt weniger als 25 Zentimeter breit, denn die Handelsfläche ist begrenzt. Wir haben auch eine komplette Automaten-Filiale („branch in a box“) entwickelt.

Echte Bankfilialen werden immer weniger. Ist das gut oder schlecht für Ihr Geschäft?

Für uns ist das eher positiv. In Österreich gibt es rund 8800 Bankomaten, etwa 700 mehr als vor fünf Jahren. Die Zahl der Filialen ist in dieser Zeit hingegen um gut 100 zurückgegangen. Die Banken wollen die Nähe zum Endkunden, aber zu einem vernünftigen Preis. Das kann Automatisierung am besten leisten.

Wann werde ich mich dann bei einem Automaten um einen Kredit anstellen?

Technisch geht das schon. In Österreich heißt es ja sehr treffend Bankomat statt Geldautomat. Das Geld spielt nämlich immer mehr eine untergeordnete Rolle. Wir automatisieren die Aktivitäten der Bankfiliale. Alles, was Routine ist, wie Konto eröffnen. Kleinkredite. Ein- und Auszahlungen. Schnelles Überweisen. Die Mitarbeiter sind für die Beratung da, wenn es um große, lebensverändernde Entscheidungen geht. Außer Sachen, die notariell beglaubigt werden müssen, können wir jedes Geschäft, das es in einer Filiale gibt, automatisieren.

In Schweden spielt Bargeld fast keine Rolle mehr. Das bereitet Ihnen gar kein Kopfzerbrechen?

Selbst in Schweden verschwindet Bargeld nicht zur Gänze. Wir müssen weiterhin physisches Geld mit der digitalen Welt verknüpfen. Klingt banal, ist es aber nicht. 75 Prozent der Menschheit haben ein Mobiltelefon, aber nicht einmal die Hälfte ein Konto. Somit werden Maschinen gebraucht, über die mobile Geldbörsen gefüttert werden können.

Diebold macht mit Services und Software bereits mehr Umsatz als mit dem Automaten-Geschäft. Erstaunlich.

Das wird noch mehr werden. Wenn die Routinetätigkeiten automatisiert sind, muss das Gerät rund um die Uhr verfügbar sein, sonst wäre die Filiale praktisch lahmgelegt. In neuen Geräten stecken rund 200 Sensoren, die alles messen. Noch bevor ein Teil kaputt wird, wissen wir das und können es ersetzen.

Was habe ich als Kunde von den neuen Geräten?

Dank der NFC-Technologie (Nahfunk, Anm.) können Sie sich über ihr Handy kontaktlos identifizieren. Sie können Transaktionen auf dem Handy vorbereiten und müssen nur noch das Telefon über den Bankomat wischen. Das ist schneller und sicherer, weil Ihnen niemand beim PIN-Eintippen über die Schulter schauen kann. Oder Sie kommen hin, das Gerät erkennt Sie und fragt gleich: „Wie immer 200 Euro fürs Wochenende abheben?“

Und wofür werden die QR-Codes, also die quadratischen Strichcodes, benötigt?

Jede Rechnung mit QR-Code lässt sich einfach bezahlen, indem dieser gescannt wird. Es gibt auch eine neue Form des Geldtransfers: Werden 200 Dollar eingezahlt, erhält man einen QR-Code. Den schickt man dann an den Empfänger, der sich mit seinem Handy das Geld beim nächsten Gerät abholen kann.

Tippe ich den PIN ein, decke ich die Tasten ab. Kontaktlose Identifikation scheint mir gefühlsmäßig unsicher. Darüber habe ich keine Kontrolle.

Die Fakten sind: Verschlüsselte NFC-Kommunikation ist sicherer als heutige Lösungen. Das größte Sicherheitsrisiko ist nämlich der Magnetstreifen. „Skimming“ (missbräuchliches Auslesen von Kartendaten) verursacht bei den Banken jährlich rund zwei Milliarden Dollar Schaden.

Können Sie als Hersteller diese Geräte-Manipulationen nicht verhindern?

Das versuchen wir, aber es ist ein ständiger Wettlauf. Die guten Jungs bauen eine 10 Fuß hohe Mauer, die Bösen eine 11 Fuß lange Leiter. Wir haben ein Diebold-Patent angemeldet: Die Karte wird um 90 Grad gedreht eingeschoben, mit der langen Seite voran. Der Magnetstreifen wird nämlich der Länge nach ausgelesen. Das geht künftig nur noch in der Maschine selbst, nicht beim Hineinführen.

Dreht sich im Handel ebenfalls alles um Selfservice?

Weit mehr als das. Stellen Sie sich folgenden Ablauf vor: Sie tippen ihre Shoppingliste ins Smartphone. Der Laden erkennt und begrüßt Sie, schickt Ihnen maßgeschneiderte Angebote. Ihre Einkaufsliste wird überarbeitet, sodass die Wege im Markt möglichst kurz sind. Die Waren fotografieren Sie mit der Instore-App, somit brauchen Sie keine traditionelle Kasse, sondern zücken beim Ausgang das Handy. Fertig. Drei Viertel unseres Handelsgeschäftes sind nicht mehr an Bargeld gebunden.

Nach dem Merger mit Wincor Nixdorf sind Ihre Firmensitze in Canton/Ohio und in Paderborn – beides nicht gerade Metropolen. Einen Direktflug gibt es da wohl nicht, oder?

(lacht): Das steht weit oben auf unserer Wunschliste. Ernsthaft: Nixdorf und wir sind jeweils die zweitgrößten Arbeitgeber in den Orten. In kleineren Städten erhalten Sie loyale Mitarbeiter und somit weniger Fluktuation. Das Lohnniveau ist attraktiv und die Mitarbeiter können mit dem erarbeiteten Geld besser leben. Unsere Kunden sind ohnehin überall auf der Welt daheim.

Europa, USA, Asien – wo kommt das Wachstum her?

Nach Stückzahlen aus Asien, in den Schwellenländern geht es noch um die Grundausstattung mit Finanzdienstleistungen. Die Innovation und das wertmäßige Wachstum kommen aus Europa und den USA.

Die Diebold-Aktionäre haben den Merger nicht gerade euphorisch begrüßt. Warum?

Das ist einfach zu erklären. Eine Akquisition in Deutschland dauert drei Mal so lang wie in den USA, zu lange für viele Anleger. Wir haben 15 Prozent neue Aktien ausgegeben, was automatisch den Kurs verwässert. Und wir haben die recht ausgeprägte Diebold-Dividende um zwei Drittel gekürzt. Die Analysten bescheinigen der Aktie aber aufgrund der Synergien ganz viel Potenzial.

Gibt es jetzt noch kartellrechtliche Hürden?

Diebold und Wincor Nixdorf waren wie entfernte Cousins, mit Stärken auf beiden Seiten des Atlantiks. Wir haben in elf Ländern Prüfungen durchlaufen, alle Behörden haben zugestimmt. Der britische Prozess war etwas später dran, deshalb ist das noch nicht abgeschlossen. Es betrifft aber nur den britischen Markt, beeinflusst aber nicht die gesamte Transaktion.

Erwächst Ihnen durch Fintechs oder Mobile-Payment-Anbieter neue Konkurrenz?

Das sind eher unsere Kunden. Unsere Systeme stehen der Fintech-Community offen, die Apps für Banken oder Handel entwickeln will. Wir haben einige eigene Lösungen mit Apps, wollen grundsätzlich aber einen offene Plattform schaffen, für die alle entwickeln können.

Das Apple-Modell?

Im Mobilfunk war nur für zwei Entwicklerplattformen Platz – der von Apple und Android. Bei uns ist es ähnlich: Es gibt Diebold-Nixdorf und einen Mitbewerber. Die Innovationszyklen werden immer kürzer: Früher wurden Automaten alle acht Jahre getauscht, die Software alle vier. Heute gibt es Updates und App-Erweiterungen alle neun bis zwölf Monate.

Stimmt der Eindruck, dass die USA bei der Digitalisierung mit Daten und IT vorne sind, die Deutschen oder Österreicher eher im Engineering?

Das ist ein wenig zu stark vereinfacht. Der Mobilfunk wurde in Skandinavien vorangetrieben, Bluetooth war eine dänische Entwicklung. In den USA gibt es mehr Finanzierungen für Start-ups. Aber ich bin sicher, dass aus der Start-up-Szene in Berlin und Wien tolle Innovationen kommen.

Sie leben seit fast 15 Jahren in den USA, in Ohio. Gerade dort hat Trump mit einem Erdrutsch gesiegt. Warum?

Das können andere besser beurteilen. Die Fakten sagen: Es gibt von Montana bis Florida einen Korridor an Bundesstaaten, die republikanisch gewählt haben. Die USA bestehen eben nicht nur aus New York, San Francisco und Los Angeles. Und entgegen der Tradition haben die Gewerkschaften diesmal fast geschlossen republikanisch gewählt, dafür viele Vertreter des Kapitals demokratisch. Das hat alle Wahlprognosen ad absurdum geführt.

Sind wir Europäer zu hysterisch, was Trumps erste Amtshandlungen betrifft?

In jedem Land besteht die Regierung aus mehr als einer Person. Ich kann nur sagen: „Gebt ihnen eine Chance“.

Gar keine Angst, dass sich die USA abschotten?

Bits und Bytes kennen keine Grenzen. Es ist heutzutage nahezu unmöglich, dass sich ein Land aus der globalen Welt zurückzieht. Weder technologisch noch wirtschaftlich.

US-Konzern mit deutschen Wurzeln

Über Diebold Nixdorf

Diebold wurde 1859 in Ohio (USA) von dem aus Deutschland zugewanderten Schlosser Karl Diebold gegründet. Weil sein Tresor einen Brand überstanden hatte, verbreitete sich der Ruf rasch in den USA. Heute ist Diebold Nixdorf in 130 Ländern tätig und beschäftigt nach dem Merger im Vorjahr 25.000 Mitarbeiter. Die 4,8 Milliarden Euro Umsatz verteilen sich zu je 40 Prozent auf Europa und Amerika und 20 Prozent auf Asien. Wincor Nixdorf war 1999 aus Siemens Nixdorf entstanden. Heinz Nixdorf (1925-86) war ein deutscher Computerpionier.

Zur Person

Andreas "Andy" Mattes, geboren 1963 in Nürnberg, bekleidete mehrere Führungspositionen bei Siemens und Hewlett Packard in Deutschland und den USA. 2013 wurde er CEO von Diebold und nach dem Merger 2016 von Diebold Nixdorf. Er lebt mit Frau und drei Kindern nahe Cleveland.

Digital wird real: Zukunft des Zahlens beginnt im Handel

Nicht die Bankenbranche, sondern der Handel hat in Sachen Innovation die Nase vorn. Allerdings werden die Branchengrenzen ohnehin durchlässig. Bei Supermarktkassen kann man schon Geld abheben, Banken mieten sich aufHandelsflächen mit Geldautomaten ein. Zugleich kopieren Finanzinstitute Handelskonzepte zur Kundenbindung.

Das Smartphone wird dabei zur digitalen Geldbörse (Mobile Wallet) und zur Schaltzentrale des Einkaufs. Der könnte so aussehen: Der Supermarkt erkennt den Kunden, schickt ihm sofort maßgeschneiderte Angebote auf Handy. Dort wird die Einkaufsliste so umgereiht, dass die Wege durch den Markt möglichst kurz sind. Der Kunde scannt die Waren mit der Instore-App – und zückt am Ausgang das Handy, statt sich an der Kasse anzustellen.

Wussten Sie, dass ...?

... Deutschland und Österreich besonders am Bargeld hängen? In Ländern wie Schweden kommt man ohne Scheine und Münzen bereits gut über die Runden.

... im Vorjahr in Österreich 92 Millionen Mal kontaktlos bezahlt wurde? Das waren vor allem Transaktionen im Handel, insgesamt wechselten 2,3 Milliarden Euro mittels NFC-Nahfunk-Technologie den Besitzer.

... die Bargeldmenge allen Unkenrufen zum Trotz dennoch steigt? So waren in Österreich Ende 2016 Banknoten im Wert von 28,9 Milliarden Euro im Umlauf – um stolze 7,4 Milliarden Euro mehr als Ende 2010.

... die Zahl der Bankomaten in diesen sechs Jahren um 677 auf 8714 Geräte gestiegen ist? Die Zahl der Bankstellen ist um 270 gesunken.

... bisher 30 Bankomaten im Netz der Payment Service Austria NFC-fähig sind?

... Diebold Nixdorf einen der bis dato größten Aufträge in Österreich mit Raiffeisen abwickelt? Bis Ende 2018 werden rund 1200 von knapp 3000 Bankomaten der Raiffeisen-Gruppe getauscht. Sie erhalten NFC- und QR-Funktionen sowie Touchscreens.

... es bis dato 21 Bankomaten mit kontaktloser Geldabhebefunktion bei der Erste-Bank-Gruppe gibt? Das sind vor allem externe Geräte, die etwa in Krankenhäusern aufgestellt sind.

... die Sparkasse Oberösterreich heuer noch groß umrüstet? 120 ihrer 250 Bankomaten, die bis ins niederösterreichische Mostviertel reichen, erhalten NFC-Funktionen. Ein größeres Update bei Erste und Sparkassen ist derzeit generell „in Planung“.

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