Wirtschaft 18.01.2012

Balkan-Länder in Sorge um Griechen-Kollaps

Der Zusammenbruch griechischer Banken würde auch die Nachbarländer schwer erschüttern. Es herrscht Ansteckungsgefahr.

"Als mein Mann seinen Job am Bau verloren hat, haben wir noch ein paar Monate durchgehalten." Doch angesichts der schnell schwindenden Ersparnisse und der bitteren Erkenntnis, dass sich die Lage in Griechenland wohl nicht so schnell bessern würde, fassten Stoli Kambellari und ihre Familie den Entschluss: Nach über zehn Jahren in Griechenland gingen sie wieder in ihre Heimat Albanien zurück. "Leicht haben wir es hier auch nicht", zuckt die 40-Jährige mit den Schultern. Mit dem letzten in Griechenland erarbeiteten Geld eröffnete Stoli in der albanischen Hauptstadt Tirana einen Copy-Shop. Ihr karges Einkommen hält die Kleinfamilie gerade so über Wasser.

Mehrere Tausend Albaner, die in der Hoffnung auf Jobs und ein besseres Leben ins südliche Nachbarland ausgewandert waren, sind in den vergangenen zwei Jahren wieder zurückgekehrt. 470.000 Jobs gingen in Griechenland seit 2008 verloren – Gastarbeiter, Saisonarbeiter und Immigranten waren die Ersten, die ohne Arbeit dastanden. Mittlerweile liegt die Arbeitslosenquote in Griechenland schon bei 18 Prozent, jeder Zweite unter 25 Jahren ist arbeitslos.

Investitionen versiegten

Die Krise spüren die Nachbarn Albanien und Mazedonien auch insofern, als die Überweisungen der Gastarbeiter aus Griechenland im Vorjahr um mindestens zehn Prozent sanken. Und in der gesamten Region, bis hin nach Serbien, Rumänien und Bulgarien, kamen sämtliche griechische Investitionen zum Stillstand.

Dennoch haben die mit Griechenland wirtschaftlich eng verflochtenen Balkan-Länder den Sinkflug ihres Nachbarn, einst der Wirtschaftsmotor in der Region, vorerst mit einem blauen Auge überstanden. "Bisher waren die Auswirkungen der griechischen Krise auf die Region nicht so groß", analysiert Vladimir Gligorov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche für den KURIER. "Aber wenn die griechischen Banken krachen, ist das eine andere Geschichte." Alle Länder, wo die großen griechischen Banken präsent seien, hätten dann mit "systemischen Problemen" zu rechnen. Der gesamte Bankensektor der Region, so Gligorov, werde erschüttert.

Hoher Marktanteil

Milliarden Euro haben griechische Investoren in die Balkan-Staaten gepumpt. Besonders griechische Großbanken wie die Alpha-Bank oder die National Bank of Greece waren als Wachstumsmotoren höchst willkommen. Bis vor Beginn der Krise hatten sieben große griechische Finanzinstitute ein Netzwerk mit insgesamt fast 2000 Filialen hochgezogen. Außer in Rumänien und Bulgarien verfügen griechische Banken auch in Serbien, Moldawien und Mazedonien über hohe Marktanteile. Besonders groß – etwa ein Drittel – ist ihre Marktpräsenz in Albanien. Dort zeigt sich die Nationalbank schon seit Langem beunruhigt und ließ sich immer wieder von Athen versichern, dass kein Kapital abgezogen werde.

Kurzfristig profitiert hat Bulgarien von der Misere seines Nachbarstaates. Weil in Hellas die Steuerschraube extrem angezogen wurde, wichen viele griechische Unternehmen nach Bulgarien aus. Erst im Herbst entschloss sich Griechenlands größter Strumpfhersteller, seine Produktion ins bulgarische Grenzgebiet zu verlegen. Insgesamt zählen griechische Firmen in Bulgarien fast 20.000 Mitarbeiter, weitere 100.000 Jobs hängen von deren Investitionen ab.

Gravierende Auswirkungen hat die griechische Tragödie auch auf die geplante Einführung des Euro in Bulgarien und Rumänien. Diese Ambitionen können beide EU-Staaten vorerst auf den St. Nimmerleinstag verschieben.

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( Kurier ) Erstellt am 18.01.2012