Hunderttausende Passagiere der DB im Nah- und Fernverkehr sind vom Streik der GDL-Lokführer betroffen. Ein Einlenken ist auf keiner Seite absehbar.

© APA/dpa

100 Stunden Streik
11/06/2014

Wutwelle gegen längsten Bahnstreik der deutschen Geschichte

Große Empörung über den sturen Machtkampf der Lokführer-Gewerkschaft. DB will Streik juristisch stoppen.

von Reinhard Frauscher

Es wird der längste Streik, der je die Deutsche Bahn traf: Bis Montag früh, über 100 Stunden lang, wollen die in der GDL (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer) organisierten Lokführer den Betrieb lahmlegen. Sie nehmen nun noch mehr Reisende als Geiseln für ihren Arbeitskampf als bei ihrem letzten 50-stündigen Streik zum Herbstferien-Beginn: Am Wochenende wollten Hunderttausende nach Berlin zur 25-Jahr-Feier des Mauerfalls fahren. "Bahnsinn" titelte Bild lautmalerisch.

Der Schaden geht in viele Millionen Euro, nicht nur für die DB, auch für Hoteliers, Taxis und die Passagiere. Die weichen nun, so sie unbedingt reisen wollen, auf eigene oder gemietete Wagen sowie die vielen neuen Buslinien und die Fluglinien aus.

DB: Streik juristisch stoppen

Indes greift die Deutsche Bahn jetzt doch zu juristischen Mitteln, um gegen den derzeit laufenden Lokführerstreik in Deutschland vorzugehen. Eine einstweilige Verfügung soll die Gewerkschaft GDL zum Abbruch zwingen - die Erfolgschancen sind ungewiss. Ein entsprechender Antrag sei beim Arbeitsgericht Frankfurt/Main gestellt worden, wie das Unternehmen am Donnerstag in Berlin mitteilte. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) habe das Angebot zu einer Schlichtung "offenbar ohne ernsthafte Prüfung abgelehnt".

Obwohl die DB hofft, dass sie ein Drittel der fahrplanmäßigen Züge dank noch beamteter und damit nicht streikfähiger Lokführer bereitstellen kann, ist das Chaos am Bahnsteig vorprogrammiert: auch, weil ihre GDL-Kollegen "die Gleise notfalls blockieren wollen".

In dem erbitterten Arbeitskampf der Kleingewerkschaft geht es längst nicht mehr um Geld oder Sozialleistungen: GDL-Chef Claus Weselsky will seinen Vertretungsanspruch auch für Zugbegleiter erzwingen. Da die aber viel mehr bei der Eisenbahngewerkschaft organisiert sind, lehnt die Bahn diesen Präzedenzfall ab: Identische Arbeitsplätze hätten dann erstmals unterschiedliche Tarifverträge.

"Verantwortung"

Auf der öffentlichen Wutwelle gegen die GDL surfen ausnahmsweise auch Politiker, die sich sonst zu Tarifkonflikten fast nie äußern: Bundeskanzlerin Merkel mahnte die GDL an ihre "Gesamtverantwortung" und schlug, wie schon vorher die DB, einen Schlichter vor. SPD-Chef Sigmar Gabriel, sonst immer aufseiten der Arbeitnehmer, sprach vom "Machtpoker der GDL auf dem Rücken der Allgemeinheit". Nur die kommunistische "Linke" sieht den Handlungsbedarf rein bei der DB. So wie Weselsky, der einen Schlichter umgehend und schroff ablehnte.

Heftige Kritik an der GDL kommt auch aus dem Gewerkschaftslager: DGB-Chef Rainer Hoffmann gab sich "entsetzt", der Streik schade der Gewerkschaftsbewegung. Die GDL gehört nicht zum DGB, sondern zur Beamtengewerkschaft, die weiterhin jedem Lokführer 50 Euro tägliches Streikgeld zahlt.

Inzwischen werden aber die Rufe nach rascherer Umsetzung eines Gesetzes für die Tarifeinheit lauter. Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) hat den Entwurf nach langem Zögern auf den parlamentarischen Weg gebracht, der aber wohl noch Wochen dauert. Laut dem Gesetz soll künftig nur die Gewerkschaft Tarifverhandlungen führen dürfen, die die meisten Mitglieder in der Sparte hat, notfalls vom Notar beglaubigt. Auch deshalb wohl schien die GDL sich zuletzt noch mehr zu verhärten als einzulenken.

ÖBB erwarten "wenige bis keine" Einschränkungen

Die ÖBB erwarten durch den deutschen Lokführerstreik „wenige bis keine“ Einschränkungen für Österreich. Züge über den Deutsche-Bahn-Korridor sind dank ÖBB-Lokführern nicht betroffen, EC-Züge auf der Strecke ItalienInnsbruckMünchen über Kufstein werden planmäßig erwartet. Auch der Railjet Wien–München sollte ohne Verspätungen unterwegs sein. Der Kundenservice (Tel. 05-1717) wurde personell aufgestockt, an großen Bahnhöfen stehen zusätzliche Mitarbeiter für Auskünfte bereit. Sollte es doch zu Verspätungen kommen, soll die Wartezeit mit Süßigkeiten verkürzt werden. „Wenn die Reise eines Kunden vom Streik betroffen ist, bekommt er sein Ticket kostenfrei voll erstattet – auch Sparschiene-Tickets“, hieß es bei den ÖBB.

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