Der Todes-Lkw von außen. Die "Krone" entschied sich dafür, ein Bild von den Leichen im Inneren zu zeigen. Eine Grenzüberschreitung.

© APA/HERBERT P. OCZERET

Flüchtlingstragödie
08/28/2015

Leichenfoto: Massive Kritik an "Kronen Zeitung"

"Unentschuldbarer Tiefpunkt im österreichischen Journalismus."

von Philipp Wilhelmer

Der pure Horror: 71 Tote wurden aus dem Schlepper-Lkw geborgen, der am Donnerstag auf der Autobahn A4 gefunden wurde. Für eine Zeitung war die furchtbare Nachricht noch nicht grausam genug: Die Kronen Zeitung erlangte einen Schnappschuss in das Innere des Lkw, auf dem ineinander verkeilte Leichen zu sehen sind. Damit nicht genug: Die Zeitung druckte das Bild auch noch groß ab. "Bitte blättern sie um", steht lapidar darunter.

"Würdelos und widerwärtig"

Für diese journalistische Grenzüberschreitung erntete die Kronen Zeitung am Freitag massive Kritik. „Die Krone setzte mit der Veröffentlichung eines Bildes der toten, zusammengepferchten Flüchtlinge im Lkw einen unentschuldbaren Tiefpunkt im österreichischen Journalismus", schrieb der Vorsitzende der Initative Qualität im Journalismus, Johannes Bruckenberger, in einer Stellungnahme gegenüber dem KURIER. "Während Firmenaufschriften auf dem Lkw unkenntlich gemacht wurden, hält die Krone bei den Toten voll drauf und geht über Leichen. Man druckt solche grauenhaften Fotos nicht, das ist würdeloser und widerwärtiger Boulevardjournalismus.“

Der Obmann des Vereins Wirtschaft für Integration, Georg Kraft-Kinz, nannte die Veröffentlichung „menschenverachtend und verantwortungslos. Gerade jetzt braucht Österreich einen verantwortungsvollen Journalismus."

Presserat eingeschaltet

Die Veröffentlichung wird auch ein Fall für den Presserat.Dort sind wegen des Fotos bis Freitagnachmittag bereits an die 40 Beschwerden eingegangen. Andreas Koller, Sprecher eines der Senate im Presserat: "Ich halte diese Fotos für unentschuldbar. Ich will nicht eine allfällige Entscheidung des Presserats vorwegnehmen, aber Faktum ist, dass Tote auch dann, wenn es sich um Flüchtlinge handelt, Anspruch auf Achtung ihrer Würde haben. Daher ist es inakzeptabel, sie nach ihrem grausamen Tod aus purer Lust an der Sensation im Zeitungsboulevard zur Schau zu stellen", sagte der Innenpolitik-Chef der Salzburger Nachrichten am Freitag der APA.

Foto stammt von Polizei

Hans Peter Doskozil, Landespolizeidirektor des Burgenlandes, sagte in der ZiB2, dass er über die Veröffentlichung des Bildes alles andere als glücklich sei. Ersten Erkenntnissen zufolge stamme das Foto aus Polizeikreisen. Wie und von wem es weitergegeben worden sei, werde derzeit ermittelt. Doskozil kündigte ein rigoroses Vorgehen an, da auch in Polizeikreisen klar sein müsse, dass man aus solchen Dingen kein Kapital schlagen darf.

Schmitt: "Gemeinsame Entscheidung"

Bei der Kronen Zeitung erreichte der KURIER den Berater des Herausgebers, Richard Schmitt, der nur knapp Stellung nahm: Es sei "eine gemeinsame Entscheidung der Chefredaktion" gewesen, das Foto zu zeigen. Nachsatz: Es sei ein "Zeitdokument".

Update: Auch in der Samstagausgabe erschien das Foto, jedoch verfremdet. Eine Distanzierung oder Entschuldigung fehlte im Blatt.

Einfache Niedertracht?

Nach Artikel eins der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 sind alle Menschen „frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. Das gilt offenbar dann nicht mehr, wenn sie sensationswütigen Reportern in die Finger kommen. Und sich nicht mehr wehren können.

Die Kronen Zeitung hat sich in ihrer Berichterstattung über das Flüchtlingsdrama mit 71 furchtbar zu Tode gekommenen Menschen (das muss in dem Zusammenhang leider extra betont werden) derart im Stil vergriffen, dass den Lesern schlecht wurde: Auf Seite drei prangte ein großes Foto, auf dem verkeilte Tote zu sehen sind.

Während auf dem der Blick auf die erbarmungswürdige letzte Ruhestätte von hilfesuchenden Männern, Frauen und Kindern unverstellt blieb, pixelte die Redaktion noch schnell die Firmenschrift auf dem Lkw. Ist das zynische Respektlosigkeit oder einfache Niedertracht?

Eine Entschuldigung wäre angebracht. Und ein Umdenken dringend notwendig.

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