Verbotene Leidenschaft: Lars Eidinger (Siegfried Wagner), Vladimir Burlakov (Dorian Davies)

© APA/Hannes Hubach

Interview mit Lars Eidinger
12/08/2013

Psychopath und Frauenversteher

Der Schauspieler Lars Eidinger über die Angst vor der Befriedigung.

von Barbara Mader

Grenzgänger und Psychopathen („Tatort“) liegen ihm genauso wie einfühlsame Frauenversteher („Alle Anderen“). Der Berliner Schauspieler Lars Eidinger, 38, gehört zu den intellektuellen Posterboys seiner Generation. Nun spielt er mit Richard Wagners Sohn Siegfried erneut einen Schwierigen.

KURIER: „Euer Leben soll Richard Wagner gehören“, hören Siegfried Wagner und seine Schwestern nach dem Tod des Vaters von ihrer Mutter. Hatte Siegfried je eine Chance auf ein eigenes Leben?
Lars Eidinger: Wahrscheinlich nicht, er hatte es sehr, sehr schwer. Egal, in welcher Familie man groß wird, reibt man sich an den Eltern. Doch das Erbe, das er antritt, ist fast nicht einzulösen. Die Entscheidungen sind getroffen, noch bevor er geboren ist. Schon der Name "Siegfried" schürt eine schwer zu erfüllende Erwartungshaltung. Und das, obwohl er ja die Inkarnation des Gegenteils seines Vaters ist. Ihn interessiert Malerei mehr als Musik und er ist homosexuell. Das bricht ihm natürlich das Genick. Das war sehr reizvoll zu spielen.

Er verzichtet im Lauf seines Lebens auf alle seine Leidenschaften: Auf die Malerei und auf seine große Liebe. Glauben Sie, dass er zuletzt dann doch in der Musik ein Zuhause gefunden hat und sich für einen großen Musiker gehalten hat?
Ich glaube sogar, dass er auch ein großer Musiker war. Aber im direkten Vergleich zum Vater, der ein Genie war, konnte er nur verlieren. Und das ist die fatale Bürde dieses Erbes. Diesen Vater kann man nicht übertreffen. Da spielt es gar keine Rolle, wie begabt man ist.

Haben Sie sich auch mit seiner Musik auseinander gesetzt?
Ich hab mir den Bärenhäuter angehört, weil ich mich für das Märchen interessiert habe.

Sie sind selbst Musiker, ihre Frau ist Opernsängerin. War schon vor diesem Projekt ein Interesse für Wagner da?
Klar, als Kulturschaffender oder jemand, der sich für Kultur interessiert, ist das ja selbstverständlich. Als Schauspieler genieße ich es, das Privileg zu haben, in eine Thematik wirklich einzusteigen und nicht nur an der Oberfläche zu bleiben. Ich habe wahnsinnig viel Wagner gehört und habe auch zu Hause dirigiert. Einfach, um ein Gefühl dafür zu bekommen.

Warum hat man sich im Film dazu entscheiden, Siegfried Wagners Antisemitismus nicht zu thematisieren? Er kommt ja im Vergleich zu seiner Frau als sympathischer Mensch rüber, er wirkt immer sehr zurückhaltend. Was ja in Wahrheit nicht stimmt, er soll ja ein genauso glühender Antisemit wie seine Frau gewesen sein.
Das Wegsehen und Tolerieren, ist wesentlich verbreiteter und mindestens genau so gefährlich wie der aktive Antisemitismus, weil es die Masse und das Fundament eines faschistischen Systems ausmacht.

Immerhin war er mit einer Frau zusammen, die extrem fanatisch war, er hat das erduldet und das spricht ihn in keiner Weise frei. Diese Haltung zu kritisieren, finde ich mindestens genauso reizvoll, wie jemanden zu zeigen, der vordergründig fanatisch ist. Dieses Ducken, das er sehr sein ganzes Leben praktiziert hat, befreit ihn nicht von Schuld.

Im Film fällt auch der Satz: Die beste Familie ist die, die weit weg ist. Möchten Sie das kommentieren?
In dem Fall hat es natürlich viel mit der Situation zu tun. Jemand, der so vielen Zwängen unterworfen ist wie Siegfried Wagner, hat natürlich Sehnsucht, alles hinter sich zu lassen. Ich glaube, für mich hat der keine Gültigkeit.

Können Sie es nachvollziehen, dass ein Mensch sein Leben lang nicht aufbegehrt und nicht ausbricht?
Ich kann mir vorstellen, dass man sich seinen Sehnsüchten gar nicht gewahr wird, dass sie im Unbewussten schlummern und man deswegen unglücklich ist. Aber wenn der Konflikt so allgegenwärtig ist, das ist dann eine ganz andere Situation. Siegfried will frei sein, wer will ausleben, was ihm untersagt ist. Das halte ich schon für ein interessantes Phänomen, dass man das so lange erträgt. Etwa, als er von der Mutter in flagranti ertappt wird. An diesem Punkt könnte er ja zu seinem Liebhaber stehen, aber er verleugnet ihn. Das finde ich, bei aller Sympathie, die ich für die Rolle aufbringen muss, um mich mit ihr zu identifizieren, einfach armselig. An dieser Stelle verliert die Figur viel.

Er wirkt da wie ein Kind...
Ja. Es gibt ja genügend Beispiele von hochgezüchteten Kinderstars, die um die Kindheit gebracht werden. Das erinnert mich an diese Bilder, die früher im Internet kursierten, ich glaube, sie waren ein Fake: Katzen, die in Flaschen aufgezogen werden. So ist es mit ihm: die Flasche steht schon da, bevor er auf der Welt ist und er wird reingezwängt.

2011 kam ein Interviewbuch mit Ihnen heraus. „Eidinger“. Warum macht man so was mit 35? Ist das nicht ein bisschen früh? Haben Sie gehofft, jetzt müssen Sie keine Interviews mehr geben?
Nein, das war ja nicht auf meine Initiative hin. Was ich daran interessant fand, war, jemanden dafür zu nehmen, der nicht zurückblickt, sondern voll im Beruf steht. Es ist wie eine Bestandsaufnahme. Und ich glaube, was mich von vielen anderen Schauspielern unterscheidet, ist, dass ich mit meiner Sicht und mit dem, was mich beschäftigt, ein Buch füllen kann. Ich bin sehr freizügig und auskunftsbereit. Vielleicht hat mich der Verlag deshalb gefragt.

Wieso sind Sie so freizügig? Haben Sie noch nie schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht?
Nicht mehr und nicht weniger als mit Menschen im Allgemeinen. Es war immer eine Maxime von mir, direkt und aufrichtig zu sein. Den Anspruch hab ich an mich als Privatperson genauso wie als Interviewpartner. Aber das ist keine Masche. Ich bin eigentlich der Meinung, dass sich meine Schauspieler-Kollegen keinen Gefallen tun, wenn sie so berechnend sind.

Sie gehören zu den meistgelobten Schauspielern Ihrer Generation. Wird man da nicht größenwahnsinnig?
Der Beruf hat ja eine extreme Fallhöhe. Von Größenwahn bis hin zu selbstzerstörerischer Selbstkritik. Der eigentliche Grund, warum man sich als Schauspieler so anstrengt ist immer die Angst, nicht zu gefallen. Jemand, der selbstgefällig ist, gibt sich ja gar nicht so viel Mühe. Jemand, der Angst hat, dass ihm die Bestätigung entzogen wird, der strengt sich ja wahnsinnig an.

Ein Schauspieler kann also nicht genug gelobt werden?
Ne. Vor allem: Er glaubt es ja nie, er traut dem ja bis zum Ende nicht. Für mich ist es ein bisschen wie in Shakespeare-Dramen: Macbeth setzt sich ja auch nicht auf den Thron, und ist zufrieden, sondern da fängt die Paranoia erst an. Man trifft da auf sich selbst und wird sich der eigenen Ängsten erst bewusst. Auch der eigene Anspruch ist groß, ich bin ja selbst nie zufrieden. Und ehrlich, vor dem Punkt, wo ich das Gefühl hätte: Ich hab’s geschafft, hätte ich Angst. Dann ist ja die Motivation weg, weiterzumachen.

Nie zufrieden sein gehört zum Job?
Ja, und das klingt vielleicht paradox, aber man kann das auch genießen. Die Befriedigung ist ein anzustrebendes Ziel, aber die Befriedigung zu erfahren, ist fast tragisch. Verstehen Sie, was ich meine?

Klar, weil dann kann es nur mehr bergab gehen.
Ja, das ist wie beim Orgasmus. Der Moment danach ist die absolute Ernüchterung, das ist wie die Grenze zwischen Mexiko und den USA, wie der härteste Sprung zwischen erster und dritter Welt. Aus diesem Wissen heraus resultiert die Angst vor der Befriedigung.

Interessant, ich kenne Sie erst seit 20 Minuten und wir reden schon über Orgasmus.
Ja, da red ich immer ziemlich früh drüber.

Die Wagners: Eine schrecklich antisemitische Familie

Es war nur eine Frage der Zeit, die Geschichte dessen, was nach Richard Wagner kam, zu verfilmen. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Lettern, die den Film „Der Clan. Die Geschichte der Familie Wagner“ (14. Dezember, 20.15 Uhr auf ORF 2) ankündigen, an den „Paten“ erinnern: Was Cosima Wagner mit dem Erbe ihres Mannes Richard und ihren drei Kindern Siegfried, Isolde und Eva anstellte, war filmreif: Einer knallharten PR-Managerin gleich, sicherte sie den Weiterbestand der Festspiele Bayreuth und drängte ihren Sohn Siegfried, der eigentlich andere Pläne hatte (im Film Malerei, in Wahrheit Architektur) in die Rolle des Thronfolgers, die dieser letztlich meisterte: 1908 übernahm Siegfried Wagner von seiner Mutter die Leitung der Bayreuther Festspiele.

Regisseurin Christiane Balthasar inszeniert den historischen Stoff nach einem Drehbuch von Kai Hafemeister als kontrastreiche Familiensaga. „Man begreift das Genie Wagner und den Wahnsinn Wagner besser, weil man ihn nicht über ihn selbst mitbekommt, sondern über die Folgen“, sagt Produzent Oliver Berben über den sehenswerten Film, an dem als Erstes ins Auge fällt, dass Iris Berben (Oliver Berbens Mutter) in der Rolle der Cosima viel zu lange viel zu schön ist. Weder hat ihr die Maske Cosimas markante Nase aufgeklebt, noch sie glaubwürdig altern lassen.

Doch das ist ein Detail.

Die Geschichte der Familie Wagner“ ist bis in den Nebenrollen top besetzt: Heino Ferch brilliert als Rassen-Fanatiker Chamberlain. Im Zentrum des Films stehen Siegfried Wagners schwierige Identitätsfindung, seine Homosexualität und seine Ehe mit Winifred Williams, Antisemitin und Hitler-Fan wie der Rest der Familie.

Szenenfotos des TV-Epos

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