Noch immer ist Bob Ross im Nachtfernsehen beim Vor-Malen zu beobachten. Viele wissen gar nicht, dass er schon 20 Jahre lang tot ist.

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Wirtschaft | atmedia
07/04/2015

Der beruhigende Vor-Maler mit dem Afro

Ein Millionenpublikum erfreute sich an den kitschigen Landschaften des TV-Kunstlehrers. Auch 20 Jahre nach seinem Tod.

"Wir machen einen fröhlichen, kleinen Himmel." Das dunkle Säuseln von Bob Ross ist so heiter wie das klebrig schöne Firmament, das er gerade erschafft. Der Pinsel jagt schabend über die Leinwand. Hin und her. "Ihre Farbe vermischt sich immer mehr mit dem Weiß. Ganz von selbst. Ganz von selbst." Ross könnte auch Hypnotiseur sein. "Der Himmel wird heller und heller zum Horizont hin."

Eine dunkle Afrofrisur von hinten, ein fünf Zentimeter breiter Pinsel und eine Leinwand, die mit jedem Pinselstrich kitschiger und kitschiger wird: Millionen Fans weltweit lieben den TV-Malkurs "The Joy of Painting" des netten Amerikaners. Im deutschen Fernsehen läuft sie täglich im Digitalsender ARD-alpha. Viele Zuschauer wissen gar nicht, dass Bob Ross schon seit 20 Jahren tot ist. Er starb am 4. Juli 1995.

Mitmach-Unterricht

Seit 1983 gibt der unsterbliche Landschaftsfreund aus Florida Mitmach-Unterricht im Fernsehen. "Wenn ich etwas male, möchte ich nicht erst erklären müssen, was es ist", ist so ein typisches Zitat des Mannes, der mit seinem dichten Bart und den Afro-Riesenlocken aussieht wie ein verkrachter Kleinstadt-Kunstlehrer. Jedoch schuf der TV-Maler ein Imperium mit Millionen-Umsätzen. Von Büchern bis zu Farbtuben ist alles zu haben.

Eine Bob-Ross-Sendung dauert 25 bis 30 Minuten. Am Ende ist das Bild fertig. "Lasst uns jetzt eine heitere, kleine Wolke malen. Einfach die Pinselkante auf die Leinwand drücken. Ein Wölkchen, das sich so einfach treiben lässt und eine schöne Zeit hat. Nun stellen wir ihr noch einen kleinen Freund zur Seite." Voilà, die zweite Wolke. Ein Handstreich von Ross - und Gebirge entstehen oder Bäume wachsen.

Stressabbau

Um große Kunst ist es Bob Ross nie gegangen, aber immer um gute Energien. Das weiß auch der WissenssenderARD-alpha, der den Maler zumeist nachts ausstrahlt. "Die Sendung wird ganz bewusst im englischen Originalton ausgestrahlt", sagt Redakteurin Eva-Maria Steimle. "Denn die Art und Weise, wie Bob Ross spricht, das Abklopfen des Pinsels, dieser ganze Rhythmus, das ist beruhigend und baut Stress ab. Diese Sendung funktioniert bei Alpha seit 15 Jahren."

Der Sender vergleicht Ross auf seiner Webseite mit Aktionskünstler Joseph Beuys. "Allein, der amerikanische Fernsehmaler hat - anders als Beuys - keine großen sozialen und politischen Revolutionen im Sinn. Bob Ross will 'nur' die einzelnen Menschen glücklicher machen, und das heißt, zu potenten Malern, die ihre eigene Welt erschaffen."

Diese Vorstellung, dass jeder Mensch im Herzen Künstler ist, rückt Ross in die Nähe von Beuys und Andy Warhol. Nur dass jene zum Erbe der Menschheit gehören, während Ross mehr als 30.000 Bilder malte, aber in keinem Kanon auftaucht. Im New Yorker Kabelnetz folgte auf sein Format zeitweise die Reihe "Quilts in nur einem Tag steppen".

2 Prozent Palmen

"Ruhiger Strom", "Blick ins Tal", "Die alte Mühle" - so heißen solche süßlichen Scheußlichkeiten, die Ross erschaffen hat. Ein Doktor Frankenstein der Kunstwelt, nur in nett, lieb und zart. Statistiker haben berechnet, dass auf 91 Prozent der Bilder mindestens ein Baum auftaucht, auf 20 Prozent eine Sonne und nur auf 2 Prozent Palmen.

Mehr als 1.200 Werke entstanden allein rund um "The Joy of Painting". In 403 Ausgaben malte Ross je drei Bilder. Eines war für Zuschauer unsichtbar. Es war die Vorlage, nach der er bei laufender Kamera eine Kopie malte, die alle für spontan hielten. Eine dritte, identische Ausgabe des Schinkens wurde benutzt, auf Fotos einzelne Schritte zu zeigen. So illustrierte Ross für Ratgeber die "Nass-in-Nass-Methode". Bei der Malweise ist die weiße Oberfläche der Leinwand noch feucht.

Spontan war an den Bildern also nichts. Doch kamen die Landschaften aus dem Herzen. Bob Ross war inspiriert durch die Landschaft Alaskas, die er als Air-Force-Unteroffizier gesehen hatte. Nach dem Abschied von der Truppe ging der Zimmermannssohn auf die Suche nach einem künstlerischen Mentor. Er fand ihn in dem deutschstämmigen Künstler William Alexander, der eine TV-Sendung in Kalifornien hatte. Bob Ross war begeistert. Er wurde Alexanders Schüler, verfeinerte die erlernte Methode und lobte brav seinen Maestro. Allerdings immer leiser, dann immer seltener und irgendwann gar nicht mehr. Stoff für viel Zoff.

Sogar Blinde mögen seine Art zu malen

Man muss Ross nicht nur zugutehalten, dass er für ein sehr frohes Menschenbild eintrat. Er sah sich auch selbst nicht als großer Künstler. Als die New York Times ihm 1991 eine große Geschichte widmete, hatte er bis dahin trotz gewaltiger Fangemeinde nur ein einziges Mal seine Bilder ausgestellt. Die Zeitung schonte ihn nicht, verglich sein Wispern mit Demerol, dem berüchtigten Schlafmittel Michael Jacksons. Ross sagte nur: "Es gibt Tausende sehr, sehr talentierte Künstler, die nicht mal nach ihrem Tod bekannt werden. Die meisten Künstler wünschen sich Anerkennung, besonders bei der Fachwelt. Ich habe schon so lange meine Sendung. Mehr brauche ich nicht." Er war 52, als Krebs ihn tötete. Sein Sohn Steven wurde auch Kunstlehrer, doch nur der Vater ist bis heute Kult.

Bob Ross hat viele Menschen glücklich gemacht. Sein Produzent James Needham sagte einmal: "Wir bekommen sogar Briefe von Blinden, die die Sendung einschalten. Sie schreiben, Bob Ross gebe ihnen Hoffnung."
(Von Christof Bock/dpa)

TV-Tipp: ARD-alpha würdigt den 20. Todestag von Bob Ross mit der Themennacht "Bob Ross für Schlaflose". Sie läuft in der Nacht vom 10. Juli auf den 11. Juli von 0.30 Uhr bis 6.00 Uhr. Mit dabei: Klassiker wie "Das Paradies des Fischers", "Bevor der Sturm beginnt" und "Sommer im Gebirge".