Vertrautes Signal: Seit Juli 1995 gibt es auch in der Nacht Programm, das Testbild wurde damit obsolet.

© /Steve Taylor/Getty Images

Flimmerkiste
07/26/2015

60 Jahre Fernsehen

Eine Institution feiert Geburtstag: Am 1. August 1955 startete der Österreichische Rundfunk sein regelmäßiges Versuchsprogramm. Was aus dem "Büdlgspül" in sechs Jahrzehnten wurde.

von Georg Leyrer, Philipp Wilhelmer

Gestern

Ein Monopol strahlt aus

"Das Fernsehbaby Austria ist geboren", titelte der KURIER nach dem ORF-Sendestart im August 1955. "Mit Donauwalzer, Steffl und ein wenig Geduld" sowie einer ersten Panne ging der Start des "regelmäßigen Fernsehversuchsprogramms" am Monatsersten über die Bühne: Eine Standbild mit der Botschaft "Die Störung wird schnellstens behoben" war bereits am ersten Abend im Einsatz. Die Pläne waren damals noch bescheiden: Geplant war die Übertragung der Judo-Weltmeisterschaft, der Wiedereröffnung von Burgtheater und Staatsoper und eines Bewerbes im Turmspringen. Kurioserweise stand im ersten Jahr fest, "dass keine Fußballkämpfe gesendet werden", ein Entschluss, der bekanntermaßen keinen Bestand hatte.

Schon wenige Jahre später war aus dem Kleinkind ein Riese geworden, noch dazu mit Monopolcharakter: Per 1. Jänner 1959 meldete der ORF ganze 50.000 Haushalte, in denen ein Empfangsgerät stand. Bis Jahresende verdoppelte sich die Zahl und stieg daraufhin fast exponentiell an. Heute verfügen 95 Prozent der Österreicher über Kabel- oder Satellitenempfang.

An "Zappen" war in den Frühzeiten des Fernsehens zunächst nicht zu denken: Auf dem einen verfügbaren Sender wurde erst 1959 eine Übertragung an allen Tagen der Woche eingeführt. Erst zwei Jahre später gab es ein zweites Fernsehprogramm, das aber nur an drei Tagen der Woche als technischer Versuch gestartet wurde.

Die Politik wusste mit dem neuen Medium zunächst wenig anzufangen: ÖVP-Bundeskanzler Julius Raab wird der Satz zugeschrieben, das "Büldlgspül" werde sich nicht durchsetzen. Man überließ das Feld den damals schwächeren Sozialisten – ein Fehler, der sich bitter rächen sollte. Mit Bruno Kreisky betrat zudem bald ein roter Politiker die Bühne, der die Gesetzmäßigkeiten des neuen Mediums wie kein Zweiter für sich zu nutzen wusste.

Aufbegehren

Die Zugriffe der Parteipolitik führten schon davor zu einem Aufbegehren der Zivilbevölkerung, angeführt vom damaligen KURIER-Chefredakteur Hugo Portisch. Das daraus resultierende Rundfunkvolksbegehren führte 1966 zu einer Entpolitisierung des ORF und der "Informationsexplosion" unter Gerd Bacher. Der fünfmalige ORF-General ( 2015) wurde zum Feindbild Kreiskys, der seine Ablöse per Gesetz betrieb.

Der selbstbewusste neue ORF schuf in Folge Programme, die Bestand haben sollten und legendär wurden: Die "Zeit im Bild", "Ein echter Wiener geht nicht unter", "Kottan", "Seitenblicke", um nur einige zu nennen.

TV-Momente für die Ewigkeit

Ein Riese mit privaten Sorgen

Es dauerte seine Zeit, bis der Fernsehmarkt in Österreich vom öffentlich-rechtlichen Monopol befreit wurde. Im Juni 2003 startete der damalige Wiener Privatsender ATV sein bundesweites Programm – Österreich hatte damit als letzter europäischer Staat das landesweite Antennenfernsehen auch für kommerzielle Anbieter geöffnet. Mit Folgen: Die deutschen Privatsender, allen voran RTL, Sat.1 und ProSieben, hatten über Kabel und Satellit bereits Fuß gefasst. Die großen deutschen Fernsehkonzerne begannen auch, österreichische Werbefenster zu vermarkten und verpassten dem ORF damit empfindliche Dämpfer.

Aus dem öffentlich-rechtlichen Sender war jedoch bereits unter Gerhard Zeilers Intendanz in den 90er Jahren ein recht privat gestricktes Gegenprogramm zur bunten deutschen Konkurrenz geworden, was vor allem die auf Werbung angewiesene Konkurrenz stets auf die Palme brachte.

Einbußen

Fakt ist jedoch auch, dass der ORF zwar Marktanteile einbüßte, die kleinen privaten Schnellboote jedoch nicht annähernd mit ihm gleichziehen können. Nicht zuletzt, weil ORFeins ein Profil hat, das sonst eher privaten Sendern zugeschrieben wird. Umso lustvoller (oder, je nach Standpunkt: hysterischer) wurden immer wieder Fantasien laut, einen der beiden ORF-Hauptkanäle zu privatisieren.

Das heimische Fernsehprogramm präsentiert sich im Jahr 2015 jedenfalls vielfältiger als je zuvor: Der ORF verfügt neben den Hauptprogrammen über Spartenkanäle für Sport sowie Information und Kultur (Sport+ und ORFIII). Und auch die privaten Sender steigerten ihren Output: Neben ATV gibt es ATVII, die Gruppe um Puls4 startete zusätzliche Sender wie SixxAustria oder Maxx. Und mit ServusTV versucht sich ein (von Red Bull) völlig privat finanzierter Sender im Qualitätsfernsehen, das auch über die Grenzen hinweg Potenzial hat.

Die Parteipolitik hat im ORF unterdessen eine ihrer letzten Bastionen der Personalpolitik in staatsnahen Betrieben für sich ausgemacht: Vom Generaldirektor abwärts werden vor allem in den regierenden Parteien munter Postenbegehrlichkeiten laut, die sich nicht immer vor der Öffentlichkeit verbergen lassen. Eine vollständige Entpolitisierung, wie sie zuletzt in einer Rundfunkreform zu Beginn des Jahrtausends angekündigt worden ist, blieb bisher ein Wunschtraum. Darauf weisen gerne und mit Nachdruck die selbstbewussten ORF-Redakteure hin, die vor allem im obersten Aufsichtsgremium, dem Stiftungsrat, Probleme sehen.

Fernsehen als Online-Dienst

Die Zukunft des Fernsehens ist ein Außerirdischer, der in Harvard studiert hat und sich in eine koreanische Schauspielerin verliebt.

Zumindest ist eine Serie mit diesem Inhalt derzeit der große Renner am wichtigsten Zukunftsmarkt für die internationalen TV-Produzenten: Es handelt sich, wie in so vielen Fällen, um China. Dort gibt es jetzt schon 433 Millionen Menschen, die im Internet über Videostreaming fernsehen – mehr also, als in den USA überhaupt wohnen. Kein Wunder, dass dort auch das große Geld erhofft wird.

Schon jetzt schwenken die großen Hollywood-Kinoproduktionen auf den chinesischen Markt ein – mit neuen, für den Riesenmarkt angepassten Geschichten, Schauspielern aus Asien und großem Werbeaufwand. Die Fernsehstudios werden bald folgen. Dass in China derzeit die obskur klingende südkoreanische Serie "Meine Liebe von einem anderen Stern" einen Hype erlebt und andererseits die hierzulande heftig gefeierten Streaming-Serien wie "House of Cards" oder "Breaking Bad" kaum eine Rolle spielen, zeigt: Die Zukunft der Medien ist schwer einzuschätzen.

Einig sind sich viele Wahrsager, dass die Zeit des programmgebundenen Fernsehens vorbei ist. Streamen gilt als künftiger Normalzustand: Ferngesehen wird über das Internet, und zwar zeitungebunden, wann immer man will.

Das stellt die Werbewirtschaft und auch die Sender vor neue Fragen: Was heißt in Zukunft noch fernsehen? Ist jedes YouTube-Video schon TV-Konsum? Und was heißt das für die Quoten? Schon jetzt fließen in vielen Ländern auch jene Zuschauer in die Quoten ein, die online konsumieren. Das ist auch eine Geldfrage: Ein immer größerer Anteil des Werbekuchens, der zur (Mit-)Finanzierung von TV-Produktionen dient, wird online vergeben werden. Den Markt für Online-Werbung beherrschen aber derzeit die US-Riesen Google und Facebook – große Konkurrenz für den (relativ kleinen) ORF.

Gebührenfrage

Wo der öffentlich-rechtliche Rundfunk in all den Veränderungen seinen Platz finden wird, ist schwer zu sagen. Die Medienlandschaft hat sich seit der Gründung vor 60 Jahren so radikal gewandelt, dass der ORF im Leben vieler junger Menschen künftig kaum eine Rolle spielen wird. Der ehemalige Monopolist, der einst so gut wie alle Österreicher erreichte, wird zu einem Angebot von vielen in den unendlichen Weiten des Internets.

Wer will, kann schon jetzt den Fernseher weggeben – und sich damit die Fernsehgebühr sparen. Zumindest bis zur Haushaltsabgabe.

Seid im Bild!

Begriffsklärung zum 60. Geburtstag (in Österreich): Fernsehen ist ...

... "die einzige Beziehungskiste, die funktioniert" und "die Abendsonne verregneter Beziehungen" (beides von Werner Schneyder);

... "Kaugummi für die Augen" (Orson Welles), "das einzige Schlafmittel, das mit den Augen eingenommen wird" (Vittorio de Sica) und "die Rache des Theaters am Film" (Peter Ustinov).

Ferner bildet Fernsehen, denn ...

... "immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese" (Groucho Marx).

Die Unterschiede zwischen Bildungsfernsehen und "bildungsfern Sehen" verschwimmen zusehend(s), obwohl ...

... "die Leute gar nicht so dumm sind, wie wir sie durchs Fernsehen noch machen werden" (Hans-Joachim Kulenkampff).

Schließlich formt das Fernsehen ...

... "aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis" (Françoise Sagan), weil es ...

... "die Leute unterhält, indem es verhindert, dass sie sich miteinander unterhalten" (Sigmund Graff);

Und das Fernsehen sorgt dafür, dass ...

... "man in seinem Wohnzimmer von Leuten unterhalten wird, die man nie einladen würde" (Shirley MacLaine).

Siegesformel und Erfolgsformat dieses Mediums lauten: "Seid im Bild!" Denn ...

... "früher wollten die Leute in den Himmel, heute ins Fernsehen" (Kurt Felix).

Zu den Wirkungen und möglichen unerwünschten Nebenwirkungen fragen Sie – mich (1988–2002 "on air"). Unlängst hörte ich auf offener Straße: "Waren Sie net amal Veras Russwurm?" Meine Antwort: "Nein, so weit ging mein Vertrag nicht ..."

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