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Statistik Austria
07/09/2016

Arbeitszeit in Österreich sinkt seit zwanzig Jahren

Mehr Teilzeit, weniger Überstunden: Österreicher arbeiten im Schnitt um drei Wochenstunden weniger als 1995.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Sie haben das Gefühl, die Arbeit wird mehr und mehr? Die Statistik (PDF zur Präsentation) sagt etwas anderes: Demnach arbeiten Herr und Frau Österreicher heute um durchschnittlich 3 Stunden pro Woche weniger als vor zwanzig Jahren. Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wie lange arbeiten wir nun wirklich pro Woche?

Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit betrug 2015 pro Person 28,9 Stunden. Zum Vergleich: 1995 waren es laut Statistik Austria fast 32 Stunden. Bei diesen Werten sind die vielen Teilzeitkräfte enthalten. Vollzeitbeschäftigte arbeiteten im Durchschnitt 34,2 Stunden pro Woche.

Wie geht das? Die meisten Österreicher haben doch eine 38,5-Stunden-Woche.

Bei der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit werden die Überstunden aufgeschlagen, dafür aber Fehlzeiten durch Krankenstände oder den regulären Urlaub abgezogen. Daher die Diskrepanz.

Warum sinkt die tatsächliche Arbeitszeit pro Kopf?

Das sind Durchschnittswerte. Dabei fallen zwei Phänomene zusammen, sagt Helmut Hofer, Arbeitsmarktexperte am Institut für Höhere Studien (IHS): Vor der Krise 2008 fielen besonders in der Industrie viele Überstunden an. Danach kam es in manchen Betrieben zu Kurzarbeit, viele sind bis heute nicht voll ausgelastet – die Überstunden sind also weniger geworden.

Zugleich nimmt die Zahl jener Menschen in Branchen wie Gastronomie oder Handel zu, die nur Teilzeit arbeiten. Dieser Effekt fällt nun viel stärker ins Gewicht.

Arbeitet Österreich auch insgesamt weniger?

Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, die vor der Krise noch rasant gestiegen ist, bleibt seit 2011 im Großen und Ganzen gleich. Sie verteilt sich aber auf mehr Menschen. Konkret betrug das Arbeitsvolumen in Österreich im Vorjahr 5,7 Milliarden Stunden, ein Minus von 0,3 Prozent gegenüber 2014.

Behaupten nicht andere Statistiken, dass die Österreicher besonders lange arbeiten und viele Überstunden machen? Was stimmt denn jetzt?

Richtig, die EU-Statistikbehörde Eurostat sieht Österreich mit 42,9 Arbeitsstunden pro Woche im Spitzenfeld. Nur (ausgerechnet) die Griechen arbeiten mit 44,5 Stunden EU-weit noch länger. Dabei werden aber ausschließlich Vollzeitkräfte befragt, wie viel sie üblicherweise inklusive Überstunden arbeiten. Fehlzeiten sind nicht abgezogen. Und auch dieser Wert ist in Österreich seit gut zehn Jahren rückläufig.

Spricht das gegen die politische Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung?

Ja, sagt IHS-Ökonom Hofer: "Etwas zynisch könnte ich behaupten: Wir haben sie eh schon." Für Österreichs Wettbewerbsfähigkeit seien kürzere Arbeitszeiten nicht gut. Die könne man sich zwar wünschen, aber: "Jammern wir dann bitte nicht über die niedrigen Reallöhne."

Nein, kontert der Soziologe Jörg Flecker, Professor an der Universität Wien: "Das Problem ist die ungleiche Verteilung der Arbeit, mit allen negativen Folgen wie geringen Einkommen und fehlender Absicherung im Alter." So mache ein Teil der Vollzeitarbeiter mehr Überstunden, als er eigentlich will. Dafür würden viele Teilzeitkräfte, vor allem Frauen, gerne länger oder Vollzeit arbeiten. Das bilden die Durchschnittswerte aber nicht ab. Flecker ist deshalb dafür, die Norm für Vollzeitarbeit zu senken, um die Arbeit neu zu verteilen – beginnend mit bestimmten Lebensphasen, etwa über eine temporär verkürzte Vollzeitarbeit für Jungeltern.

Wie wirkt sich all das auf das Wachstum aus?

Die Wirtschaftsleistung (BIP) steigt, aber nicht sehr rasch. In der Industrie ermöglicht der Einsatz von Hightech und Robotern mehr Produktionsleistung, obwohl die Arbeitszeit gleich bleibt.

Noch ist Österreich mit 39.390 Euro BIP/Kopf das viertreichste EU-Land hinter Luxemburg, Irland und Niederlande. Der Platz sei aber mittelfristig gefährdet, wenn das Wachstum so schwach bleibe, sagt Statistik-Austria-Chef Konrad Pesendorfer. Die realen Arbeitnehmerentgelte pro Job stagnieren seit 2011. Im Vorjahr gab es ein minimales Plus – aber nur, weil die Inflationsrate niedriger war.

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