Wirtschaft
23.09.2015

"Kapitalmarktprospekt mit 200 Seiten liest niemand"

Kleinanlegervertreter Rasinger fordert Erleichterungen für börsenwillige Klein- und Mittelbetriebe.

Der Schaden aus der Abgas-Affäre beim deutschen Autohersteller Volkswagen ( VW) dürfte nicht nur auf das Image und die Verkaufszahlen durchschlagen. "Die Affäre wird auch Auswirkungen auf die österreichische Zulieferindustrie haben, denn wir sind ein starkes Zulieferland" sagt Wilhelm Rasinger, Präsident des Interessenverbandes für Anleger (IVA). "VW wird einen markanten Rückschlag erleiden. Ich bin aber überzeugt, dass das Flaggschiff der deutschen Industrie stark genug ist, das Problem ordentlich zu bewältigen."

Zurück nach Österreich. Der umtriebige Kleinanleger-Vertreter hat einen Aktionsplan für den heimischen Kapitalmarkt erarbeitet. Die bürokratischen Hürden für "börsenwillige" Klein- und Mittelunternehmen sollen abgebaut werden. So fordert er die Abspeckung der teuren Kapitalmarktprospekte. "Kaum ein Anleger kauft eine Aktie aufgrund des Prospektes, das ist nur eine Arbeitsplatzsicherung für Berater", sagt Rasinger. "Die 200 Seiten eines Kapitalmarktprospektes liest und versteht niemand." Ein Basisprospekt mit relevanten Angaben auf zehn Seiten reiche völlig aus. "Ich sehe auch keine Notwendigkeit, dass nach dem Börsengang bei jeder Kapitalerhöhung ein Prospekt erstellt werden muss", sagt der Experte. "Ein börsennotiertes Unternehmen muss sowieso laufend berichten, warum muss man diese Angaben wiederkauen?" Dass die Auflagen dem Anlegerschutz dienen, glaubt er nicht. Auch sollten die Pflichtveröffentlichung der Jahresabschlüsse von Kapitalgesellschaften im Amtsblatt in der Wiener Zeitung eingedampft und günstiger werden. "Es sollten nur Basisinformationen in einer lesbaren Schriftgröße abgedruckt werden", sagt Rasinger. "Wir veröffentlichen heute Jahresabschlüsse, nur kann sie niemand lesen, weil die Schrift zu klein ist."

Kernaktionär Bund

Indes hält Rasinger viel davon, wenn Unternehmen auf verlässliche Kernaktionäre bauen können, wie den Bund oder die staatliche Beteiligungsholding ÖBIB. Letztere sollte künftig eine aktivere Rolle spielen. "Die ÖBIB könnte vom Land Kärnten die Anteile am Energieversorger Kelag übernehmen", sagt der IVA-Präsident. Sobald Kärnten wieder fit ist, sollte es die Anteile zurückkaufen können. Auch bei der Energie Steiermark könnte er sich einen Einstieg der ÖBIB vorstellen. Außerdem tritt er für eine stärkere Beteiligung der Mitarbeiter am Erfolg der Unternehmen ein. Ein Musterbeispiel sei die voestalpine. Die Mitarbeiterstiftung hält fast 15 Prozent der Anteile. Rasinger: "Jeder Mitarbeiter weiß, wie viel Stück er hält und kann sie bei der Pensionierung herausnehmen."