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Krim-Konflikt
03/03/2014

Angst vor ganz großer Krise

Ukraine taumelt in tiefe Rezession und wird zur Gefahr für Europas Wirtschaft.

von Irmgard Kischko

Die Gefahr einer militärischen Eskalation des russisch-ukrainischen Konflikts auf der Halbinsel Krim treibt Wirtschaftsexperten den Angstschweiß auf die Stirn. Im Extremfall habe dieser Streit das Potenzial zu einer "ganz, ganz großen Krise, die weit über das Ökonomische hinausgehe", befürchtet der deutsche Wirtschaftsprofessor Max Otte.

Die ukrainische Westgrenze ist von Wien näher als Bregenz. "Eine geopolitische Auseinandersetzung vor der eigenen Haustür kann die konjunkturelle Entwicklung stark belasten", sagt denn auch der Chefvolkswirt der deutschen Dekabank, Ulrich Kater.

Auch wenn in Westeuropa die Hoffnung lebt, dass sich der Konflikt auf die Krim begrenzen lasse, wird die ukrainische Wirtschaft heuer tief in die Rezession stürzen. "Dem Land gehen die Devisenreserven aus, es braucht dringend Hilfsgelder", sagt Valentin Hofstätter, Ökonom der Raiffeisen Bank International. Damit EU und Internationaler Währungsfonds aber Mittel schicken, werde ein rigoroses Sparprogramm in der Ukraine nötig sein. "Sonst rinnt das Geld, das kommt, sofort wieder unten hinaus", meint Hofstätter.

Null Investitionen

Österreichische Unternehmen wie Siemens, voestalpine, Fronius oder Agrana, die in der Ukraine Tochterfirmen betreiben, sind angesichts des schlechten Zustands der ukrainischen Wirtschaft schon im Vorjahr auf die Investitionsbremse gestiegen. "2013 gab es null Investitionen aus Österreich", erklärt Hermann Ortner, Wirtschaftsdelegierter in Kiew. Die Firmen würden abwarten, an das Verlassen des Landes denken sie noch nicht – auch, weil viele weitab vom Krisenherd sind.

"Die derzeitigen Auseinandersetzungen beeinträchtigen unseren Produktionsstandort nicht", betont man bei der Agrana. Der Zucker- und Fruchtzubereitungskonzern betreibt seit 1997 ein Werk in Vinnitsa, 300 Kilometer südwestlich von Kiew.

Schwieriger ist die Lage für die Großindustrie. "Unsere Kunden sitzen alle im Donezkbecken in der Ostukraine. Dort ist die Unsicherheit groß", erzählt ein Spitzenmanager eines heimischen Konzerns. "Wir befürchten einen massiven Wirtschaftseinbruch in der Ukraine von bis zu minus 15 Prozent", lautet seine düstere Prognose. Nicht nur der Krim-Konflikt und die Sorge vor einer militärischen Eskalation macht ihn so pessimistisch. Für die negative Prognose spreche auch die inner-ukrainische Politik.

"Wir haben es alle paar Wochen mit anderen Politikern zu tun. Die ukrainische Investitionsagentur ist handlungsunfähig. Das ist kein Umfeld für Investitionen", erläutert er das Problem der Unternehmen in dem Land. Ob sein Unternehmen die geplante Großinvestition in der Ostukraine noch weiterverfolge, sei völlig unklar. Die Oesterreichische Kontrollbank, die derzeit für eine Milliarde Euro an Unternehmensinvestments in der Ukraine haftet, ist mit der Neuvergabe von Garantien äußerst zurückhaltend. "Immer, wenn die politische Situation in einem Land unübersichtlich wird, sind wir mit neuen Garantien vorsichtig", betont ein Sprecher der Kontrollbank.

RBI stoppt Verkauf

Die Raiffeisen Bank International (RBI), die mit der Aval Bank in der Ukraine derzeit fünftgrößte Bank des Landes ist, hat alle 800 Filialen derzeit geöffnet – auch die 32 Bankstellen auf der Halbinsel Krim. "Menschen stehen nicht Schlange vor den Filialen", betont man bei der Bank. Den angepeilten Verkauf der Aval Bank hat die RBI wegen der politischen Lage in der Ukraine allerdings ausgesetzt.

Die Bank-Manager hoffen, dass es zu einer diplomatischen Lösung kommt. Ohne Einbeziehung Russlands sei dies allerdings nicht denkbar.

Die Folgen der Krim-Krise

Der Rubel fällt ins Bodenlose

Anleger fliehen aus russischen und ukrainischen Investitionen. Die Kurse beider Währungen stürzen ab. Die Zentralbank in Moskau erhöht die Leitzinsen von 5,5 auf 7,0 Prozent – was allerdings nichts hilft. Der Rubel fällt zu Euro und Dollar auf neue Rekordtiefstände.

Heftige Kursstürze an Ostbörsen

In Moskau rasseln die Aktienindizes um mehr als zwölf Prozent in den Keller. Es gibt teilweise die größten Verluste seit der Lehman-Pleite 2008. Auch Gazprom verliert zwölf Prozent. Innerhalb einer Woche hat der größte russische Konzern 45 Milliarden Euro und damit ein Sechstel seines Börsenwertes verloren. An anderen Börsen, etwa Ungarn und Polen, geht es um rund vier Prozent nach unten.

In Wien verlieren alle 20 ATX-Werte

Der Wiener Leitindex ATX verliert zeitweise bis zu vier Prozent. Den größten Kursrutsch erleidet die Raiffeisen-Bank-International-Aktie, die im Handelsverlauf zehn Prozent und mehr abrutscht. Kein Einziger der 20 ATX-Werte ist im Plus.

Die Flucht in sichere Staatsanleihen

Anleger schichten in Staatsanleihen mit guten Bonitäten um. Deren Kurse steigen, im Gegenzug sinken die Renditen (fixer Zinssatz im Verhältnis zum Anleihenkurs). Die Rendite österreichischer Anleihen gibt auf 1,869 Prozent nach. Sogar das schuldengeplagte Italien profitiert: Die Rendite ist mit 3,458 Prozent so tief wie seit acht Jahren nicht mehr.

Krisenwährung Gold legt zu

Teilweise wird Geld auch in Gold umgeschichtet, das als Krisenwährung gilt. Der Preis pro Feinunze steigt auf knapp 1350 Dollar je Unze.

Weizen wird spürbar teurer

Die Ukraine ist ein wichtiger Getreide-Lieferant. Die Angst vor Engpässen bei den Lieferungen treibt den Weizenpreis um bis zu sechs Prozent hoch.

Zündstoff für den Ölpreis

Die Furcht vor Versorgungsengpässen ist auch am Ölpreis abzulesen. Der Preis für Öl der Sorte Brent steigt auf bis zu 112,31 Dollar. Auch US-Öl verteuert sich.

Der Erdgas-Nabel Westeuropas

Die Ukraine hat einen Teil der Gasversorgung Westeuropas fest in der Hand: Durch das Land verlaufen sieben riesige Pipelines, über die der russische Gasmonopolist Gazprom Erdgas aus Sibirien über 5000 Kilometer bis an die österreichisch-slowakische Grenze pumpt. Dreht die Ukraine den Gashahn über längere Zeit zu oder stoppt Russland die Lieferungen über die Ukraine, schaut es im Westen düster aus.

Mehr als die Hälfte des Gases, das Österreich verbraucht, wird von Russland über die Ukraine gepumpt. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner beruhigt allerdings: Österreich sei bestens gerüstet, falls es zu einer Verknappung von russischem Gas aus der Ukraine komme. Es gebe deutlich mehr Speicher und Bezugsquellen als 2009, als es zuletzt zu Gas-Lieferproblemen gekommen sei.

Laut OMV-Generaldirektor Gerhard Roiss sind Österreichs Erdgasspeicher derzeit zu 40 Prozent gefüllt. Das sei ein hoher Wert zu Ende des Winters. Die Menge reiche für mehrere Monate aus.

Russische Gaslieferungen durch die Ukraine sind aber nicht nur für Österreich, sondern für ganz Westeuropa wichtig. Österreich liefert das russische Gas über die West-Austria-Pipeline weiter nach Deutschland und über die Trans-Austria-Pipeline nach Italien.

2013 deckte die Gazprom ein Drittel des europäischen Gasbedarfs, der Anteil wächst seit Jahren. Doch nicht das ganze Russen-Gas kommt via Ukraine. Ein Teil des Gases wird über Weißrussland und Polen, ein anderer über die Ostsee-Pipeline nach Deutschland gepumpt.

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