"Amerika ist im Krankenstand"

Meinungsmacher Thomas Friedman von der „New York Times“.
Foto: Reuters/WOODY WU

In einem Aufregerbuch stellen zwei renommierte US-Autoren fest, dass sich Amerika "im Prozess des schleichenden Untergangs" befindet.

Amerika ist politisch und wirtschaftlich im Krankenstand. Die letzte Supermacht des 20. Jahrhunderts muss dringend einen neuen Kurs einschlagen, um sich im turbobeschleunigten Zeitalter behaupten zu können. Das ist eine der Grundthesen des am Montag erschienen Buches "That Used To Be Us" (Das waren einmal wir). Verfasst hat es der preisgekrönte New York Times-Kolumnist Thomas Friedman mit Michael Mandelbaum, Professor an der Johns Hopkins University.

Friedman ist einer der führenden Meinungsmacher des Landes. Er hat schon mehrere erfolgreiche Bücher über die Herausforderungen der Globalisierung geschrieben. "Dieses Buch soll als Weckruf und Motivation dienen", so die Autoren, die sich als frustrierte Optimisten sehen. "Ziel ist es, Amerika als großartiges Land zu erhalten."

Pessimismus

Die Neuerscheinung trifft bei vielen Amerikanern einen wunden Punkt. Ihre Stimmung ist nicht nur pessimistisch, was die Wirtschaftsentwicklung angeht; auch die politische Zukunft wird mit Blick auf China immer öfter angezweifelt.

Vor einigen Wochen hat die Schlammschlacht zwischen Demokraten und Republikanern über das Verschuldungslimit Fassungslosigkeit ausgelöst. Jetzt zweifeln sogar Anhänger von Präsident Obama, ob er die notwendigen Führungsqualitäten besitzt, um das Land aus der Krise zu ziehen. Friedman und Mandelbaum argumentieren, Amerika befinde sich in einem Prozess des "schleichenden Untergangs". Dieser sei vor allem auf eine Fehleinschätzung des "Sieges" im Kalten Krieg zurückzuführen. Man feierte zehn Jahre lang eine neue Weltordnung, ohne deren Herausforderungen zu erkennen. 9/11 habe Amerika zwar wachgerüttelt, die folgenden zehn Jahre habe man aber damit verbracht, die Verlierer der Globalisierung zu jagen statt die größten Konkurrenten.

Elektroschock

Aber: "Unser Problem ist nicht China, und unsere Lösung ist auch nicht China. Unser Problem sind wir selbst", schreiben die Autoren. Scharf gehen sie mit der rechtskonservativen Tea Party ins Gericht. Auch Obama bleibt nicht verschont: "Veränderung, an die wir glauben können, hat sich als effektiver Wahlkampfslogan erwiesen, aber nicht als hilfreiche Richtlinie für das Regieren." Ein unabhängiger Präsidenschaftskandidat von einer "Third Party" würde dem "festgeklemmten" System einen überfälligen Elektroschock verpassen, so die Autoren. Sie fordern eine rasche Rückkehr zu den Grundwerten, die Amerika groß gemacht haben, wie Investitionen in Ausbildung und eine offene Immigrationspolitik.

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(kurier / Veronika Oleksyn, Washington) Erstellt am
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