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Wirtschaft
12/05/2011

Als die Finanzwelt vor dem Crash stand

Jahrestag: Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers jährt sich zum dritten Mal. Die Folgen sind noch heute spürbar.

von Robert Kleedorfer

Am Montagmorgen des 15. September 2008 erschütterte eine Meldung die Finanzwelt: "Die US-Investmentbank Lehman Brothers ist insolvent." Trotz zahlreicher Rettungsversuche in den Wochen und Tagen davor und laufender Krisensitzungen am Wochenende ist es nicht gelungen, das Institut vor dem Untergang zu bewahren. Im Folgenden ein Lehman Brothers -Lexikon zu dem Ereignis, das eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise auslöste. Viele der damaligen Probleme sind weiterhin ungelöst.

L wie Lehman: Das 1850 gegründete Unternehmen war zum Zeitpunkt seines Endes die viertgrößte Investmentbank des Landes. 29.000 Mitarbeiter wickelten fast ausschließlich Geschäfte mit hochriskanten und komplizierten Wertpapieren ab. Das wurde dem Haus infolge der US-Immobilienkrise zum Verhängnis. Im ersten Halbjahr 2008 verlor Lehman sieben Milliarden Dollar, der Aktienkurs stürzte um 95 Prozent ab. Auch die anderen Investmentbanken gerieten in Schieflage. Goldman Sachs und Morgan Stanley wurden zu normalen Geschäftsbanken umgebaut, Bear Sterns von JP Morgan übernommen, Merrill Lynch von der Bank of America.

E wie Eigenkapital: Die hohen Verluste bei den Banken nagten an deren Kapitalbasis. Diese stellte sich als zu dünn heraus, um gegen Krisen gewappnet zu sein. Als Lehre aus den Erfahrungen von 2008 werden Banken nun dazu angehalten, ihr Eigenkapital zu stärken, etwa durch Kapitalerhöhungen. Die Bankenaufsicht prüft die Kapitaldecke der Institute im Rahmen jährlicher Stresstests.

H wie Hedgefonds: Sie werden für die Krise mitverantwortlich gemacht. Sie sollen vor allem mit sogenannten Leerverkäufen gut verdient haben. Dabei wird auf fallende Kurse gesetzt. Um den Wildwuchs einzudämmen, sind seit damals Leerverkäufe vielerorts eingeschränkt, so auch an der Wiener Börse.

M wie Markt: Einen Markt gibt es auch für Geld. Die Handelspartner sind dabei die einzelnen Geschäftsbanken. Auf diesem Interbanken-Geldmarkt helfen sie sich untereinander bei kurzfristigem Bedarf an liquiden Mitteln. Während der Finanzkrise brach der Markt zeitweise zusammen, weil sich die Banken gegenseitig nicht mehr vertrauten. Zu groß war die Angst, dass der Schuldner als Nächstes pleitegeht. Derzeit ist das Vertrauen erneut im Schwinden.

A wie Aktienkurse:
An den Börsen gab es nach Bekanntwerden der Lehman-Pleite regelrechte Panik. Der New Yorker Dow-Jones-Index erlitt 2008 mit einem Minus von 36 Prozent den größten Verlust seit 1931. Der Frankfurter DAX verlor 40 Prozent, der Wiener ATX verzeichnete mit minus 61 Prozent den größten Absturz seiner Geschichte.

N wie Notenbanken: Helfer in der Not waren die Notenbanken. Zum einen haben sie den ausgetrockneten Interbanken-Markt mit Milliardensummen wieder zum Laufen gebracht. Damit wurden weitere Bankenpleiten verhindert. Zum anderen haben sie die Leitzinsen kräftig gesenkt. Damit sollte die globale Wirtschaft wieder angekurbelt werden. Dies gelang vor allem im Zusammenhang mit staatlichen Konjunktur-Programmen. Die Staaten nahmen dafür höhere Defizite und eine steigende Verschuldung in Kauf. Der Schulden-Abbau wird Jahre dauern.

B wie Bad Bank: Sie dient der Stabilisierung einer in Not geratenen Bank. Eine Bad Bank (zu deutsch: schlechte Bank) ist eine Art Mülldeponie, in der alle riskanten Wertpapiere und wahrscheinlich uneinbringlichen Kredite ausgelagert werden. Zurück bleibt eine gesunde Bank, der ein Neustart verschafft wird. Für die Bad Bank übernimmt der Staat die Haftung. In Österreich gibt es eine Bad Bank, die KA Finanz, hervorgegangen aus der Kommunalkredit. Österreich steht für 15 Milliarden Euro an Risiken in der KA Finanz gerade. Zudem wurde heimischen Banken Kapital zur Stärkung der Eigenmittel zur Verfügung gestellt. Dieses muss verzinst zurückgezahlt werden.

R wie Rezession: Die Finanzkrise mündete direkt in der größten globalen Rezession (ab zwei Quartalen in Folge mit sinkender Wirtschaftsleistung) seit dem Zweiten Weltkrieg. 2009 schrumpfte die Weltwirtschaft laut Berechnung der UNO 2,2 Prozent.

O wie OTC (Over the Counter, zu deutsch: "Über der Budel").
Dabei werden Wertpapiere nicht über die Börse, sondern direkt zwischen Investoren an der Aufsicht vorbei gehandelt. Dieses unkontrollierte Geschiebe soll unterbunden werden. Sowohl in den USA als auch in der EU sind strengere Regeln in Vorbereitung.

T wie Toxische Papiere:
Der Begriff bezeichnet Papiere mit einem hohen Ausfallrisiko, die oft Over the Counter gehandelt werden. Der prominenteste Vertreter sind Asset Backed Securities (ABS sind Wertpapiere auf Kreditforderungen). Kredite wurden oft in Paketen gebündelt an Investoren verkauft. Je schlechter die Bonität des Schuldners, desto höher ist, wegen der höheren Zinsen, in der Regel die Rendite - umso höher ist aber auch das Ausfallrisiko.

H wie Henry Paulson:
Der damals amtierende US-Finanzminister hat Lehman Brothers im Gegensatz zu anderen Finanzhäusern die Staatshilfe verweigert, obwohl die Bank als "too big to fail" (zu groß, um zu scheitern) galt. Die Hintergründe dafür sind unklar. Offiziell wollte Paulson nicht mehr Steuergelder verpulvern. Insider vermuten einen viel banaleren Grund. Paulson konnte den arroganten Lehman-Chef Richard Fuld einfach nicht leiden.

E wie Einlagensicherung:
Die durch die Pleite verursachte weltweite Bankenkrise löste Panik bei den Sparern aus. Sie begannen, große Teile ihrer Guthaben abzuheben. Das verkraftet eine Bank nicht lange. Um den Sturm auf die Schalter zu beenden, hat etwa die österreichische Regierung vorübergehend eine unbegrenzte Einlagensicherung eingeführt. Das Mittel wirkte.

R wie Rating: Die US-Ratingagenturen haben Lehman bis zum bitteren Ende mit einem "A" bewertet, also recht gut. Seit damals werden die Aussagekraft der Bewertungen und die Macht der Ratingagenturen scharf kritisiert.

S wie Subprime: Darunter sind Hypothekenkredite an Private mit geringer Kreditwürdigkeit zu verstehen. Diese Darlehen wurden in den USA im großen Stil vergeben. Als sie sich als uneinbringlich herausstellten, verkrafteten dies die Käufer von Asset Backed Securities zum Teil nicht.

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