Wellness | Sorglosessen
08.10.2017

Wieso der Bauernhof vor Allergien schützt

Entdeckerin dieses Effekts sprach am Wochenende auf Lungenärztetagung in Innsbruck: Wahrscheinlich sind Bestandteile von Bakterien und auch von Schimmelpilzen für den Schutz verantwortlich.

Die entsprechenden Hinweise verdichten sich seit rund 20 Jahren: Hohe Schutzraten bei Asthma sind offenbar durch Kontakt von Kindern mit vielen Keimen bedingt. Deshalb leiden Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, wesentlich weniger häufig an Asthma als Kinder aus der „keimfreieren“ Umgebung der Stadt. „Bei Asthma und Heuschnupfen kann dieser Schutzfaktor bei 70 bis 80 Prozent liegen“, sagte am Wochenende Univ.-Prof.Erika von Mutius vom Klinikum der Universität München (Dr. von Haunersches Kinderspital) bei der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie in Innsbruck.

In Zukunft könnte sich damit die Frage stellen, wie man in Sachen Asthma- und Allergieprävention diese Schutzfaktoren zu den zunehmend in urbaner Umgebung aufwachsenden Kindern bringen könnte, hieß es am Sonntag in einer Aussendung zu dem Kongress.

Was die Forscher genau herausfanden

Prof.von Mutius hat in wissenschaftlichen Projekten zu diesem Thema bereits Ende der 1990er-Jahre auch mit dem Salzburger Pädiater Univ.-Doz. Josef Riedler zusammengearbeitet. Er und Co-Autoren stellten fest, dass Kinder aus einem bäuerlichen Umfeld dreimal weniger häufig an Heuschnupfen erkrankten als Kinder aus einer urbanen Umgebung. Bei allergischem Asthma lag die Häufigkeit bei den Acht- bis Zehnjährigen, die auf Bauernhöfen aufgewachsen waren, bei 1,1 Prozent, während sie bei Stadtkindern bei 3,9 Prozent lag.

Es ist offenbar das mikrobielle Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen, das einen entscheidenden Einfluss ausübt. „So wie das Mikrobiom (Summe und Zusammensetzung der Bakterien, Anm.) des Darms zunehmend als wichtiger Faktor für die Reifung des Immunsystems erkannt wird, dürfte die äußere Mikrobiom-Umwelt die Immunantwort der Haut, der Schleimhaut der Atemwege und möglicherweise auch der Darmschleimhaut formen“, hat die Münchner Expertin in einem Übersichtsartikel zu dem Thema festgestellt.

Hinweise von Amish und Hutterer

Von Mutius, eine der weltweit renommiertesten Asthma-Forscherinnen, war auch unter den Autoren einer Studie über das angeborene Immunsystem und das Asthmarisiko bei Kindern der amerikanischen Amish und der Hutterer in den Vereinigten Staaten, die im August 2016 im New England Journal of Medicine erschienen ist. Die spannende Frage: Sowohl die Amish als auch die Angehörigen der Hutterer sind durch über Jahrhunderte hinweg erfolgte Heiraten innerhalb ihrer aus dem Protestantismus stammenden Glaubensgemeinschaften genetisch ähnlicher Herkunft. Beide Gruppen betreiben vor allem Landwirtschaft.

Der Unterschied: Die Amish betreiben traditionelle Landwirtschaft mit großer Tierhaltung, die Hutterer hingegen sind als moderne Farmer mit hoch industrialisierten Betrieben tätig.

Die Unterschiede zwischen insgesamt 60 Kindern der Amish und der Hutterer (je 30 im Alter zwischen sieben und 14 Jahren) in Sachen Asthma waren frappant: Keines der Kinder aus der Amish-Gruppe wies Asthma auf, hingegen sechs (20 Prozent) der untersuchten Hutterer-Kinder. Die für Heuschnupfen und Asthma relevanten Konzentrationen an Immunglobulin E (IgE) im Blut waren bei der Amish-Gruppe ebenfalls wesentlich geringer als bei den Hutterern. Und als die Wissenschafter in einem Asthma-Modell Hausstaub aus den Amish-Haushalten in die Atemwege von Labormäusen einbrachten, zeigten die Versuchstiere deutlich weniger Anzeichen, die auf eine Asthma-fördernde Wirkung hindeuteten als Hausstaub aus den Hutterer-Haushalten.

Bestandteile von Bakterien

Von Mutius: „Es sind wahrscheinlich Bestandteile von verschiedensten Bakterien, auch von Schimmelpilzen etc., mit denen Kinder in einem bäuerlichen Umfeld stärker in Kontakt kommen und die den Schutz gegen Asthma und Heuschnupfen herbeiführen.“

Ebenso bekannt sind Hinweise darauf, dass der Konsum von Rohmilch Kinder vor dem Entstehen von Asthma und/oder allergischer Rhinitis schützen kann. Darauf deuten Beobachtungsstudien hin. Von Mutius: „Es handelt sich bei den Schutzfaktoren wahrscheinlich um hitzeempfindliche Inhaltsstoffe der Rohmilch, die eben nicht in der heute zumeist angebotenen lang haltbaren Milch enthalten sind.“

Was ist in der Rohmilch?

Die Wissenschafterin will mit ihrem Team jetzt quasi einen experimentellen Beweis für die Schutzwirkung von Rohmilch gegen Asthma und Heuschnupfen antreten. „Wir planen eine große Studie mit 2.000 bis 3.000 Kindern im Alter zwischen dem ersten und dem fünften Lebensjahr.“ Ein Teil von ihnen wird eine spezielle Milch bekommen, die nur minimal behandelt worden ist. Nach fünf Jahren wollen die Wissenschafter dann sehen, ob diese Kinder im Vergleich zu der zweiten Gruppe mit dem Konsum hoch erhitzter Milch weniger allergische Probleme entwickelt haben.

Die schützenden Substanzen finden

Ziel derartiger Forschungen ist es, jene Komponenten in der Rohmilch zu finden und zu isolieren, die für den Allergieschutz verantwortlich sind. Diese Substanzen könnten dann in unefährlicher Form Kindern zur Allergievorbeugung verabreicht werden.

Das Gesundheitsministerium rät jedenfalls zur Vermeidung von Lebensmittelinfektionen und -vergiftungen vom Konsum von Rohmilchprodukten ab. Für Kinder, Schwangere und Menschen mit schwachem Immunsystem sollte nur pasteurisierte Milch auf den Tisch kommen, heißt es auch in einer Information des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland: Rohmilch enthalte häufig Bakterien und Krankheitserreger.

Hier zurück zum Themenschwerpunkt.