RunNa: Läufst du noch oder kotzt du schon?

RunNa…
Foto: /Natascha Marakovits Durchschnitt und Maximum bei einem 5k-Wettkampf

Zeig mir deinen Puls und ich sag dir, wie traininert du wirklich bist. Aus dem Leben einer Hochpulserin.

Sie taucht immer wieder in regelmäßigen Abständen auf: Die Frage nach dem Warum? „Warum trainierst du eigentlich immer mit so hohem Puls?“ Erst vor Kurzem habe ich diesen Satz wieder von einem Bekannten zu hören bekommen. Und es war nicht das erste Mal. Denn nach wie vor herrscht bei den meisten Hobbyläufern die Meinung: „Zeig mir deinen Puls und ich sag dir, wie trainiert du wirklich bist.“ Wirklich?

„Was 160? Du hast jetzt schon einen so hohen Puls?“ Blankes Entsetzen schlägt mir regelmäßig bei den Laktattests entgegen, wenn meine Mitläufer ringsum zu hören bekommen, was mein Herz schon nach der ersten Runde zu leisten vermag. Von den weit aufgerissenen Augen nach der letzten Runde, wenn die Laktatparty so richtig in Fahrt gekommen ist, will ich erst gar nicht reden. Knapp an den 200 schramme ich da immer vorbei. 199 waren es das letzte Mal. Völlig untrainiert, nahe am Herzkasperl oder doch alles im grünen Bereich? Definitiv alles im grünen Bereich.

Dass ich mit einem Puls rennen kann, wo andere längst kotzen oder gar ohnmächtig zusammenklappen, wusste ich lange nicht. „Du musst langsamer laufen, dein Puls ist viel zu hoch.“ Ach herrje. Wie oft habe ich mir diesen Satz von meinem Freund anhören müssen. Denn er läuft in Bereichen, wo mir die Füße einschlafen, ich noch nicht einmal warm werde, geschweige denn ins Schwitzen komme. Seinen Grundlagenpuls habe ich bereits, wenn ich mir in der Wohnung die Schuhe anziehe. „Aber ich laufe doch eh schon so langsam“, jammerte ich damals bei unseren gemeinsamen Runden. Er ging fast neben mir, ich starrte verzweifelt auf meine Uhr. Spaß machte das keinen.

Mit dem Wandel meines Jogging-Daseins in ein „echtes“ Läufer-Leben hatte ich es mit dem ersten Laktattest dann endlich schwarz auf weiß: Es ist alles in Ordnung mit mir, ich bin nur eine Hochpulserin! Ich brach zwar nicht in Jubelschreie aus, denn das Ergebnis war definitiv ausbaufähig – sehr ausbaufähig, aber endlich zu wissen, dass mit mir alles stimmt, auch wenn mein Herz in der Minute viel mehr arbeiten muss, als bei anderen, beruhigte ungemein.

RunNa… Foto: /Grafik Wilhelm Lilge Wie das Läuferdasein einer Hochpulserin aussieht? Wenn ich loslaufe und sei es noch so langsam, geht’s gleich mal rauf auf 140 bis 150. Easy going ist das bei mir, regenerativ. Um die 170 tut sich erstmals bisschen was, von anstrengend ist aber noch lange keine Rede. Und um die 190 beginnt schließlich die Laktatparty, die schon mal bis an die 200er Grenze gehen kann. Also von wegen 226 (bei den Damen) minus Lebensalter zur Berechnung des Maximalpulses. Laut dieser Faustformel wäre ich noch in der Altersklasse W20. Schön wär’s…

„Diese Formel sollte man ganz schnell vergessen“, sagt Heribert Waitzer, Facharzt für Innere Medizin und internistische Sportheilkunde. Auf 20 Jahre Erfahrung in Leistungsdiagnostik und Trainingsbetreuung von Läufern blickt der Sportmediziner mittlerweile zurück. Bis zu 30 Schläge könne der Maximalpuls von dieser Formel abweichen. „Würde man die Trainingssteuerung anhand dieser Formal machen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man danebenliegt, sehr hoch.“

Immer wieder würden vor allem Frauen in seine Praxis kommen, die fragen, ob mit ihnen etwas nicht stimmt, weil der Puls beim Laufen viel höher ist, als bei ihren Männern. „Dabei sagt die Herzfrequenz alleine gar nichts über den Trainingszustand aus. Ein Läufer der mit 130 Grundlage läuft, ist keineswegs besser als einer mit 155 oder 160 Grundlagenpuls“, sagt Waitzer.

„Mit der Zeit geht der Puls ja runter. Je trainierter man ist, umso niedriger ist er mit der Zeit.“ Auch diesen Irrglauben ließ ich mir lange Zeit einreden. Nach drei Jahren strukturiertem Training weiß ich: Meine Pulsbereiche von A1 bis A4 haben sich nicht verändert. Mein Herz muss noch immer etwa 160 Mal in der Minute schlagen, wenn ich Grundlage laufe und an die 200 wenn ich an meine Grenze gehe. Der Puls ist gleichgeblieben, aber das Fantastische: die Pace hat sich verändert. Was vor zwei Jahren A4 war, ist heute A2. Früher habe ich in dem Pace-Bereich gerade einmal einen 5er-Wettkampf geschafft, heute laufe ich damit einen Marathon.

RunNa… Foto: /Natascha Marakovits Waitzer empfiehlt all jenen die sich unsicher sind eine Leistungsdiagnostik zu machen, um die individuellen Bereiche bestimmen zu lassen. Um einen ersten positiven Effekt durch pulsorientiertes Laufen zu merken, bedarf es keinem jahrelangen Training. Für Sportmediziner Waitzer lässt sich dies ganz einfach nachweisen: „Man sucht sich eine Teststrecke, zum Beispiel die Hausrunde und läuft die zum Beispiel in einer 6er Pace. Dabei misst man die Herzfrequenz. Wenn man dieselbe Strecke in vier Wochen nochmals läuft, wieder mit derselben Pace und dabei der Puls niedriger ist, weiß man, dass das Training wirkt.“

Generell sei das Wissen um die eigenen Pulsbereiche eine wertvolle Information. „Wenn man ein gesundes, natürliches Belastungsempfinden hat, ist das wunderbar. Jedoch hat eine Studie der Sporthochschule Köln gezeigt, dass der Großteil der Läufer, ohne es so zu empfinden, in zu intensiven Bereichen trainieren.“

Die Diskussion mit meinem Bekannten über meine Bereiche habe ich mir gespart. „Es reicht doch, wenn du weißt, was ich laufen kann.“ Hätte ich ihm meinen Maximalpuls vom letzten 5er-Wettkampf verraten, hätte er mich wahrscheinlich ungläubig angestarrt und gesagt: „Und du lebst noch?“ Ja, ich lebe noch. Und laufe weiter in Bereichen, in denen viele andere maximal nur noch Sternderl schauen.

Autorin Natascha Marakovits finden Sie auch auf Instagram.

 
(kurier) Erstellt am
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