Wellness
27.01.2018

RunNa: Geliebtes Zuckerbrot samt Peitsche

Über Trainieren nach Plan und die richtige Auszeit.

5:40. Wie lange habe ich mit diesen fünf Minuten und 40 Sekunden gehadert. Bin ihnen nachgerannt, keuchend, mit hochrotem Kopf, um am Ende festzustellen, dass es wieder nicht gereicht hat. Ja ich noch nicht einmal annähernd in die Nähe gekommen bin, um den damals langgehegten Traum wahr werden zu lassen: einen Halbmarathon unter zwei Stunden zu laufen. Ich weiß nicht, wie viele HMs ich davor bereits gelaufen bin. Drei, vielleicht vier. Ich zähle nicht mit. Meine Bestzeit lag bei 2:09 irgendwas. Am 1. März 2015 war es dann endlich soweit und ich konnte die zwei Stunden knacken. Hätte mir jemand an diesem Tag gesagt, dass ich rund ein halbes Jahr später meinen ersten Marathon Sub 4 laufen werde, ich hätte ihn ausgelacht und für verrückt erklärt.

Keinen Tau

Angefangen hat alles im Herbst 2014 – ganz harmlos. Ich wollte wieder mehr laufen, nicht nur sporadisch, sondern um doch endlich einmal die Sub 2 beim HM zu knacken und in weiterer Folge einen Marathon zu laufen. Weil ich erstmals ein konkretes Ziel vor Augen, aber überhaupt keinen Tau hatte, wie man das angeht, wollte ich erstmals System reinbringen. Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich einfach irgendwie gelaufen, meist mit meinem Freund, was sich im Nachhinein als größter Fehler herausstellte. Für mich war’s jedes Mal ein Tempodauerlauf mit maximal 10 km. Dann war Ende im Gelände und ich schleppte mich nur noch mit Müh und Not zur nächsten U-Bahn. Für ihn hingegen ein gemütlicher A0-Jog, wenn überhaupt. Für beide im Endeffekt – wie man auf gut Wienerisch sagt – ein Schas. Grundlagentraining? Fehlanzeige. Vollgas bis nimmer geht. Zum damaligen Zeitpunkt ein 10er in rund 60 Minuten.

Und dann kam die Premiere: Trainieren nach Plan. Mein bisheriges Läuferleben wurde damit komplett aus der Bahn geworfen bzw. besser gesagt, in die richtige Bahn gelenkt.

Was, ich soll 75 Minuten durchlaufen? Wow, ich bin diese Woche 40 km gelaufen! Wenn ich mir die Trainingsprotokolle von damals anschaue, kann ich heute nur darüber lachen, wobei eigentlich staunen, denn seither hat sich so einiges getan. Absolutes Highlight war der erste Marathon 2015 in Berlin. Die Premiere unter vier Stunden. Wieder einmal hängte sich alles an den magischen 5:40 auf. Anfangs in weiter Ferne, zeichnete sich im Training ab, dass ich es schaffen kann. „Es sind nicht unsere Füße, die uns bewegen, es ist unser Denken“, besagt ein chinesisches Sprichwort. Also fest daran glauben, am Tag X probieren und tatsächlich: Der Plan ging voll auf. Wahnsinnsgefühl, unbeschreiblich!

Single-Dasein

Das Entscheidendste dabei: Durch den Plan und damit dem System fing ich Feuer, richtig Feuer! Man könnte sagen, der Spaß wuchs proportional zur Kilometerzahl am Trainingsplan. Und das aus einem einfachen Grund: Es ging was weiter! Die Zeiten, in denen ich mich völlig fertig zur U-Bahn schleppte, waren damit vorbei. Nicht unwesentlich dabei: Ab diesem Zeitpunkt war ich Single. Zumindest beim Laufen. Die Tempodauerläufe mit meinem Freund gehörten der Vergangenheit an. Und damit auch der Stress, ich muss ja viel schneller laufen, damit es ihn nicht nervt. Nix da. Laufen gehört seither mir. Quality Time nur mit mir, im Sinne von James Joyce: „Er war allein. Er war unbeobachtet, glücklich und dem wilden Herzen des Lebens nah.“

Wie heißt es doch gleich: „Es sind nicht unsere Füße, die uns bewegen, es ist unser Denken.“ Mit den spürbaren Fortschritten fing ich auch an, an mich zu glauben, mir etwas zuzutrauen, an die Grenze zu gehen, sie auszuloten und im Endeffekt zu verschieben. Und das ist schön. Denn ja, ich bin ehrgeizig. In allen Lebensbereichen, jetzt auch beim Laufen.

Überwindung

Und nun, drei Jahre später war erstmals Pause angesagt. Ich hatte am 15. Oktober die Stopptaste gedrückt und Trainieren nach Plan ad acta gelegt. Nicht, weil es mir nicht mehr Spaß machte, sondern aus einem einfachen Grund: Ein Plan braucht ein Ziel. Und das gab es bis vor Kurzem nicht. Der Tag X war ein großes Fragezeichen.

Welchen Unterschied ich in den rund dreieinhalb unverplanten Monaten bemerkt habe? Ziel- und damit planlos durchs Leben zu laufen, liegt mir nicht besonders. Ich mag es, wenn ich am Vorabend schon leicht Panik schiebe, weil am nächsten Tag Tempo, Tempo und nochmals Tempo am Plan steht. Wenn beim Einlaufen die Beine wie Blei sind, weil das Adrenalin sie tonnenschwer macht und der Puls, je näher das Piepsen fürs Startsignal kommt, auch schon ohne Tempoverschärfung an die Obergrenze von A2 steigt.

Wenn ich nach der ersten Wiederholung denke, „wie soll ich das nur überleben?!“ und dann bei den letzten beiden doch noch zulegen kann, weil sich die Endorphine breit machen, die einen von den Qualen erlösen und es gleich geschafft ist. Ich liebe das glücksselige Gefühl danach. Es durchgezogen zu haben, auch wenn die Überwindung am Anfang groß war. Wie war das nochmal mit „In der Überwindung liegt die Freude" ( Miguel de Cervantes Saavreda)? Definitiv.

Und zu guter Letzt: Weil ich jemanden brauche, der mich herausfordert, der mehr aus mir herauskitzelt und damit auch: Der mir etwas zutraut. Denn im Grunde bin ich eine Schisserin was Tempo angeht. Da braucht es schon mal Zuckerbrot und Peitsche.

Planlos durch die Nacht

So gesehen, habe ich es sehr vermisst, das Zuckerbrot in Form von : Der traut mir das wirklich zu. Sowie die Peitsche: Ich sterbe. Ganz sicher! Und dennoch habe ich die planlose Zeit auch genossen. Vor allem jetzt im Winter. Sonnenaufgang um 7.46 Uhr kann bei Startzeit kurz nach sechs Uhr extremst zach sein. Sich da zu Intervallen aufzuraffen grenzt schon an Masochismus.

104 Tage sind nun also seit dem 15. Oktober vergangen. Tempospielchen kamen zwar auch in unverplanten Zeit nicht zu kurz, doch lief alles einfach nach Lust und Laune. Heute Tempo? Nein danke! Auch ok. Oder Lust auf Speed? Ja. Geht scho gemma Voigas! Pace-Vorgabe gab es nur insgeheim in meinem Kopf und meist war es so finster, dass ich sowieso währenddessen nicht gesehen habe, ob da nun 4:53 oder 4:29 beim Fahrtspiel steht. Völlig wurscht war das in dem Moment. Es gab ja kein Ziel. Keinen Tag X.

Das ist nun wieder vorbei. Sonnenaufgang ist mittlerweile um 7:28 Uhr. Die Chancen stehen also schon besser, dass ich die Pace auf der Uhr sehe. Denn diese wird demnächst wieder vorgeben, mitsamt Zuckerbrot und Peitsche. Das Pony galoppiert in Richtung Ziel. Es gibt einen Tag X mitsamt einem Plan. Der Weg ist das Ziel, heißt es. Doch der Weg braucht ein Ziel und das Ziel einen Plan. Sonst schlägt man schon mal die falsche Richtung ein und verläuft sich. Und, um es noch einmal in Haile Gebrselassies Worten zu sagen:Kein Rennen beginnt am Start."

Autorin Natascha Marakovits finden Sie auch auf Instagram.