Wellness
02.12.2017

RunNa: 1320 Minuten Sweat Baby Sweat

Das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen (Hermann Hesse): 20 Yoga Klassen in 30 Tagen. Ob ich nun ein Yoga-Rockstar bin?

1320 ein paar Zerquetschte. Was am 1. November begonnen hat, ist nun vollbracht: Die, wie ich sie nannte, härteste Challenge meines Läuferlebens. 20 Yoga Klassen in 30 Tagen lautete die Herausforderung, der ich mich in meiner Off-Season stellte. Auch wenn Eigenlob eigentlich stinkt, kann ich in dem Fall sagen: Ja, ich bin stolz auf mich! Denn anstatt der 20 sind es sogar 22 geworden. Macht sage und schreibe 1320 Minuten.

Dass ich es wirklich durchziehen werde, habe ich zwar gehofft, geglaubt aber nicht so richtig. Denn Yoga und ich, das war bisher alles, nur nicht Liebe. Verrenken bis zum Umfallen, dabei noch auf die Atmung achten und vom Lehrer zu hören bekommen "ganz entspannt“ war für mich bisher immer ein schlechter Scherz. Ich hasste es. Vor allem, weil mir damit knallhart vor Augen geführt wurde, dass ich wohl die unbeweglichste Frau auf diesem Planeten sein musste. Ringsum lauter Grazien, die sich nach allen Richtungen verbiegen konnten wie ein Gummiringerl, ich in der Mitte - ein Holzklotz. Von geschmeidig oder gar grazil so weit weg wie der Mond von der Erde - Lichtjahre.

Obwohl ich es so sehr hasste, wagte ich doch immer wieder einen mühevollen Versuch, etwas dagegen zu tun. Trial and Errror. Scheitern war jedes Mal vorprogrammiert, denn mit Yoga verhält es sich wie bei allen Dingen im Leben: einmal ist keinmal. In einer Stunde alle heiligen Zeiten kann sich nichts tun. Ist bei einer Stunde laufen alle drei Monate nicht anders.

Challenge als Chance

Es war schließlich wohl ein Wink des Schicksals, dass ich dann Ende Oktober den Newsletter von Hot Yoga Vienna nicht – wie bisher üblich – sofort in den Papierkorb beförderte, sondern mich das Schlagwort "Challenge“ weiterlesen ließ. 20 Klassen in 30 Tagen. „Am Ende fühlst du dich wie ein Yoga Rockstar. If it doesn’t challenge you, it doesn’t change you!“, stand da. Hm, ja, nein, vielleicht? Lange habe ich nicht überlegt: JA! Zeit, endlich an meinen Defiziten mittels Frontalangriff zu arbeiten: Fünf Mal die Woche praktizieren, damit am Ende der Funke überspringt. Wie beim Laufen: Je öfter, umso besser geht es und irgendwann möchte man es nicht mehr missen. So meine Theorie. In der Praxis sah das natürlich ein bisschen anders aus.

Vor gut vier Wochen startete ich die „härteste Challenge meines Läuferlebens“. Und nun, 30 Tage später habe ich es tatsächlich geschafft: 1320 Minuten voller Blut, Schweiß und Tränen. Ok, ganz so schlimm war es dann doch nicht. Blut ist keines geflossen, höchstens bei gefühlten 22.000 herabschauenden Hunden in den Kopf. Und es gab auch weder Tränen des Schmerzes, noch des Glücks. Dafür floss der Schweiß in Strömen. Mindestens drei Liter waren es jede Stunde. Zumindest kam es mir so vor, denn die anfänglichen Tropfen wurden bereits nach wenigen Minuten zu kleinen Rinnsalen, die sich ihre Wege langsam aber sicher in Richtung Matte suchten. „Wovon ich rede, wenn ich vom Hot Yoga rede“, würde Haruki Murakamis dazu sagen.

Und was hat sich nun tatsächlich in diesen 22 Klassen in 30 Tagen verändert? Ich ging mit der Einstellung rein, irgendetwas muss sich ja tun. Zumindest eine Miniveränderung muss es geben. Geht gar nicht anders. Die erste Woche war wirklich mehr Qual als sonst etwas. Es war wie ein Intervalltraining. Irgendwie hatte ich eh Lust drauf, andererseits dachte ich während den 60 Minuten gefühlte 100 Mal „Wann heißt es endlich Savasana?!“. Auch die Privatstunde mit Studiobesitzerin Raphaela Pruckner änderte daran wenig, denn eine Stunde eine One-Woman-Show zu haben, bringt die Defizite noch mehr ans Licht.

Schlussendlich war ich aber nach der Stunde unglaublich glücklich es durchgezogen zu haben und wieder einen Punkt auf der Challenge-Tafel im Studio kleben zu dürfen. Ich freute mich jedes Mal wie ein kleines Kind, das ein Zuckerl bekommt. Genauso wie ein durchgeschwitztes Shirt, blieben die Endorphine am Ende nie aus.

Tempoverschärfung

Während ich bis zur Hälfte fast immer nur in eine Anfängerstunde ging, verordnete ich mir ab der zehnten Klasse sozusagen eine Tempoverschärfung. Ab sofort gab es mehr Variation in den Klassen und damit auch mehr Akrobatik. Ich hatte alle Hände und Füße damit zu tun, den Anleitungen zu folgen. Doch die Abwechslung brachte - ich kann es immer noch nicht glauben - Spaß. Und in Minischritten bemerkte ich: Da tut sich was!

Etwas, das mir bereits nach der Hälfte der Challenge aufgefallen und fürs Laufen nicht so unwesentlich ist: Ich kann heute auf meinen Fersen sitzen, ohne dass ich das Gefühl habe, die Muskelfasern meiner Oberschenkelvorderseite würden jeden Moment reißen. Das war am Anfang wirklich die Hölle. Jedes Mal, wenn ich nun in diese Position komme, kann ich es selbst nicht glauben: Es spannt nicht mehr. Verbesserungen merke ich jetzt am Ende der Challenge auch bei einigen anderen Positionen: Beim liegenden Bogen kann ich mich besser aufspannen, die Triangle Pose geht auch ganz gut und das Verknoten bei der Eagle Pose – dem Adler – wurde zu einer meiner Lieblingspositionen.

Doch auch wenn es bereits Verbesserungen gibt, 22 Klassen in 30 Tagen machen aus einem Lego-Typen halt auch kein Plastilin-Manderl. Es gibt noch viel zu tun. Vor allem mit dem Krieger stehe ich nach wie vor auf Kriegsfuß. Tiefer, Oberschenkel parallel zum Boden, Knie nicht nach innen knicken lassen, Arme gestreckt auf einer Höhe. Die Position möglichst genau auszuführen, fordert mich jedes Mal aufs Neue. Kommt dann noch ein Dreh in High Lunge dazu, heißt es volle Konzentration, um nicht umzufallen.

Alles in allem sind Positionen, die eine gewissen Dehnfähigkeit der Beinmuskulatur verlangen, nach wie vor meine Challenge. Gar nicht gehen z.B. Standing Head to Knee Pose, Standing Separate Leg Stretching Pose oder im Sitzen Head to Knee with Stretching Pose. „Stirn zum Knie“, heißt dabei die Aufforderung bei jeder dieser Positionen, der ich mit gestreckten Beinen nie und nimmer nachkommen kann. Für mich derzeit ungefähr so wie „Laufe einen Kilometer in 4:00“ – unmöglich!

Und dann gibt es noch etwas ganz Wesentliches, das ich bereits am 4. Tag meiner Challenge bemerkt habe: Während ich beim Laufen definitiv Earlybird und damit Lerche bin, ist’s beim Yoga genau umgekehrt. Eine Hot Yoga Stunde um sieben Uhr Früh oder zehn Uhr am Vormittag ist nicht dasselbe wie um 18 Uhr am Abend. Laufen aktiviert mich, danach bin ich putzmunter und voller Energie. Nach einer Stunde Yoga bin ich eher streichweich. Die wohlige Wärme entspannt und Krieger und Co machen angenehm müde. Couching ist da die bessere Alternative als ein anstehender, langer Arbeitstag.

Is it Love?

"Mir geht heute das Yoga richtig ab", sagte ich am Tag nach bestandener Challenge zu meinem Freund. "Es ist so angenehm am Abend. Draußen ist es kalt und finster, drinnen so schön warm, dazu angenehmes Licht und Musik. Das entspannt total." „Das gibt‘s ja nicht. Jetzt hat’s dich erwischt“, meinte er und schaute mich ungläubig an.

Hm, hat es mich erwischt? Es war zwar nicht Liebe auf den ersten Yoga-Block, aber nach intensiverem Kennenlernen kann ich sagen: Ja, ich glaube es hat mich erwischt, der Funke ist wie erhofft übergesprungen. Damit dieser auch zum lodernden Feuer wird, habe ich es getan: Ich habe mir eine Jahreskarte gekauft. Denn ich will auf jeden Fall dranbleiben. Weil es mir guttut, mich runterholt, mich entspannt. Neben der Beweglichkeit die zweite Sache, an der ich arbeiten will. Als dem Duracell-Hasen die Batterien rausnehmen, habe ich es schon einmal beschrieben. Nicht immer auf Hochtouren laufen, einmal zwei Gänge runterschalten. Körper und Geist eine Auszeit gönnen.

Es war ein intensiver Monat, den ich sicher nicht vergessen werde. Die härteste Challenge meines Läuferlebens. Sie hat sich gelohnt. Offiziell ist sie vorbei. Es gibt keine Punkte mehr auf der Tafel im Studio und auch kein Goodiebag am Ende. Dafür gibt’s mit jeder Stunde weiterhin Endorphine im Gehirn und einen Pluspunkt in Sachen Beweglichkeit. Vielleicht bringe ich dann ja in einem Jahr mit gestreckten Beinen die Stirn zu Knie. Bis dahin halte ich den Funken am Glühen und bringe damit vielleicht ein Feuer zum Lodern. „Ich bin durch das Laufen zum Yoga gekommen“, hat mir Hot Yoga Lehrerin Billy ganz am Anfang erzählt. „Jetzt mache ich nur noch Yoga.“ Gut, soweit wird es bei mir nicht kommen, aber ich bleibe dran. Mit Sicherheit!

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