Warum Fitness keine Frage des Alters ist

FRANCE-CYCLING-TRACK-WORLD-RECORD-CENTENARIAN-PORT
Foto: APA/AFP/JOEL SAGET Robert Marchand ist 105 Jahre alt.

Robert Marchand ist 105 Jahre alt – und fit wie ein Turnschuh. Die Wissenschaft ist verblüfft.

Mit seinen 105 Jahren ist Robert Marchand fitter als so mancher 50-Jähriger. Der Franzose hat erst vor wenigen Wochen einen Weltrekord in seiner Altersklasse aufgestellt. In einer Stunde legte der ehemalige Feuerwehrmann im Velodrom von Saint-Quentin-En-Yvelines bei Paris 22,547 Kilometer zurück. Eine Studie, die im Dezember des vergangenen Jahres im Journal of Applied Physiology veröffentlicht wurde, befasst sich mit Marchands beispielloser Fitness. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten die Wissenschaft des sportlichen Alterns neu definieren.

Marchand, der 1911 das Licht der Welt erblickte, fiel mit seiner Rekordradfahrt Anfang Jänner erstmals einer breiten Masse auf. Dabei war es nicht das erste Mal, dass der der 1,50 Meter groß gewachsene Mann sich selbst auf derart ungewöhnliche Art und Weise forderte. Vor drei Jahren hatte Marchand am selben Ort schon einmal einen von ihm selbst gehaltenen Weltrekord gebrochen, als er mit 102 Jahren in einer Stunde knapp 27 Kilometer mit dem Rennrad zurücklegte.

Robert Marchand, das Phänomen

FRANCE-CYCLING-TRACK-WORLD-RECORD-CENTENARIAN-PORT Foto: APA/AFP/JOEL SAGET In der Vorbereitung zu genau diesem Rekordversuch wurde eine französische Wissenschafterin auf Marchand aufmerksam. Veronique Billat, Professorin an der Universität Évry-Val d’Essonne, studiert zusammen mit ihren Kollegen den menschlichen Körper im Hinblick auf optimierte Bewegung und arbeitet dabei mit zahllosen Berufssportlern zusammen.

Billats Interesse wurde vor allem durch Marchands Trainingsplan geweckt. Für die Forscherin stellte sich die Frage, ob man die Fitness eines Hundertjährigen durch eine entsprechende Adaption des Trainings weiter verbessern, die Ausdauer steigern und die Performance erhöhen könnte.

In der Fachwelt herrscht Einigkeit darüber, dass die körperliche Fitness nach dem 50. Lebensjahr nicht mehr deutlich gesteigert werden kann. Billat konnte in ihren Forschungen mit Senioren jedoch nachweisen, dass intensives Training sehr wohl eine Veränderung bewirken kann. An einem Menschen, der über hundert Jahre alt ist, hatte sie ihre Methoden bisher jedoch nicht testen können.

Billat bat Marchand, der erst in der Pension damit begonnen hatte, sich mehrmals wöchentlich aufs Rad zu schwingen, in ihr Labor zu kommen. Dort wurden zahlreiche Tests an dem knapp 53 Kilogramm schweren Mann durchgeführt. Das Ergebnis war unauffällig und verblüffend zugleich: Marchand war überdurchschnittlich gesund für sein Alter, Medikamente benötigte er trotz seines hohen Lebensalters keine.

Folglich stellte Billat ein neues Trainingsprogramm für den fitten Pensionisten zusammen. 80 Prozent seines Trainings waren daraufhin auf eine mittelmäßige Intensität ausgerichtet, 20 Prozent waren strapaziös. Die Trainingseinheiten dauerten im Schnitt eine Stunde. Zwei Jahre lang folge Marchand den detailreichen Anweisungen der Forscherin, dann versuchte er erneut, sich selbst zu überbieten.

Bevor er 2014 im Velodrom von Saint-Quentin-En-Yvelines bei Paris auf das Rad stieg, führte Billat nochmals umfangreiche Messungen durch, seine körperliche Fitness und Performance hatte sich um ganze 13 Prozent gesteigert. Das Ergebnis schlug sich 2012 auch in seinem Rekordversuch nieder.

Fitness - keine Frage des Alters

FRANCE-CYCLING-TRACK-WORLD-RECORD-CENTENARIAN-PORT Foto: APA/AFP/JOEL SAGET Wie Billet in dem kürzlich erschienenen Forschungsbericht schildert, würden die Erkenntnisse eindeutig belegen, dass die Leistungsfähigkeit eines Menschen in jedem Lebensabschnitt verbessert werden kann. Sie räumt ein, dass Marchand in genetischer Hinsicht einzigartig sei und nicht jeder Mensch derartige Grundvoraussetzungen habe. Auch der Lebensstil könnte bei Marchand den Unterschied machen. Billat zufolge sei er "optimistisch und sozial" und habe viele Freunde. Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass ein aktives Sozialleben mit einem langen Leben in Verbindung steht.

Billets Ehrgeiz ist unterdessen ungebrochen. Anfang Jänner stellte er zwar wieder einen Rekord in seiner Altersklasse auf, war jedoch etwas langsamer als 2012 unterwegs. "Ich habe die Zeitanzeige für die letzten zehn Minuten nicht gesehen, sonst wäre ich noch besser gewesen", sagte der Ausnahme-Sportler nach der Rennfahrt etwas enttäuscht vor Journalisten.

Ein weiterer Versuch, vielleicht schon im kommenden Jahr, ist daher nicht ausgeschlossen.

(kurier / pama) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?