Die Bilder der Fotoserie "One Third" regen zum Nachdenken an.

© Klaus Pichler

Schimmelnde Lebensmittel als Zeichen der Übersättigung
07/21/2016

Schimmelnde Lebensmittel als Zeichen der Übersättigung

Der österreichische Künstler Klaus Pichler will mit einer plakativ-provokanten Fotoserie aufrütteln.

von Marlene Patsalidis

Ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel landet im Müll. Das geht aus einer Studie der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) aus dem Jahr 2011 hervor. Das entspricht in Industrieländern einer jährlichen Abfallmenge von 115 Kilogramm Lebensmittel - pro Kopf. In Entwicklungsländern sind es bis zu elf Kilogramm. Während die Lebensmittelvergeudung in wirtschaftlich schlechter gestellten Regionen meist mit Defiziten beim Transport in Zusammenhang steht, ist es in Europa und Nordamerika der Konsument, der für die Verschwendung verantwortlich ist.

Diese Entwicklung zieht auch eine immense Umweltproblematik mit sich. Denn laut den Erhebungen der UN werden rund 28 Prozent des weltweit zur Verfügung stehenden Ackerlandes dazu genutzt, um Nahrung zu kultivieren, die nie gegessen wird. Gekoppelt an diese Überproduktion ist laut UN auch ein jährlicher Wasserverbrauch von 250 Kubikkilometern und Treibhausgase, die der Wirkung von 3,3 Milliarden Tonnen Kohlendioxid entsprechen.

Ein Drittel - One Third

Im Kontext dieser Entwicklungen hat Klaus Pichler das Fotoprojekt "One Third" ins Leben gerufen, das den globalen Nahrungsmittelverlust auf plakative Art und Weise thematisiert. Herzstück seiner Fotoreihe sind Aufnahmen verrotteter Lebensmittel, die das Ausmaß der großflächigen Verschwendung in reduzierter Form aufzeigen.

An die Seite der düsteren, abstrakten Stillleben stellt Pichler nüchterne Informationen zum fotografierten Produkt. Angaben zum Herkunftsland des Nahrungsmittels, der Produktionsweise, dem Wasserverbrauch und ökologischen Fußabdruck betten die individuelle Optik der Bilder in einen größeren Kontext ein.

Im Interview mit dem KURIER spricht Pichler über die Hintergründe seines Projekts, die Ästhetik seiner Bilder und seine ganz persönlichen Ansätze zur Vermeidung von Essenabfällen.

KURIER: Wie lange beschäftigen Sie sich bereits mit dem Thema der weltweiten Lebensmittelverschwendung bzw. den immensen Lebensmittelabfällen, die weltweit produziert und nicht konsumiert werden?

Klaus Pichler: Das Thema interessiert mich seit dem Jahr 2011, als ich in einem Zeitungsartikel über eine UN-Studie zum Thema Nahrungsmittelverschwendung las und angesichts der Dimensionen schockiert war. Die Studie kam zu dem Schluss, dass ein Drittel der Nahrungsmittel weltweit weggeworfen werden.

Was war für Sie der Anstoß, ein künstlerisches Statement dazu abzugeben?

Als ich die UN- Studie las, habe ich beschlossen, dass ich dazu eine künstlerische Arbeit machen möchte - das war eine sehr spontane Entscheidung, die durch den Eindruck der Dimensionen von globaler Nahrungsmittelverschwendung ausgelöst wurde. Ich habe dann genauer zu recherchieren begonnen und mich ins Thema vertieft, um das Projekt, das ich später 'One Third' genannt habe, möglichst fundiert erarbeiten zu können.

Ihre Bilder lösen auf den ersten Blick beim Betrachter durchaus Unbehagen aus. Was hat Sie dazu inspiriert, das Thema Verschwendung derart plakativ und provokant darzustellen?

Meine Intention war, mir die Ästhetik der Werbefotografie für mein Anliegen "auszuborgen" - die Bilder der verrottenden Lebensmittel sollten möglichst edel, schön und perfekt inszeniert sein, um quasi von hinten herum zum Nachdenken anzuregen - sobald man den ersten Eindruck, den die Bilder hinterlassen, verarbeitet hat, fragt man sich unweigerlich, was genau man da gerade betrachtet und beginnt nachzudenken.

Welche Botschaft sollen die Bilder verrotteter Lebensmittel transportieren beziehungsweise welche emotionale Komponente wollen Sie im Betrachter ansprechen?

Es ist meine Intention, dass sich die BetrachterInnen gewissermaßen 'erwischt' fühlen - Nahrungsmittelverschwendung betrifft die meisten von uns und man kann im Gegenzug dazu auch mit wenig Aufwand beginnen, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen und im Kleinen etwas dagegen zu tun, indem man etwa sein Einkaufsverhalten oder seine Ernährungsqualitäten ändert.

Der Begriff Zero Waste ist als Aspekt eines nachhaltigen, bewussten Lebensstils zum echten Schlagwort geworden. Was bedeutet "Zero Waste" für Sie?

"Zero Waste" ist hoffentlich keine Zeiterscheinung, sondern ein Lebensstil mit Zukunft. Es erfordert zwar eine gewisse Einarbeitungszeit, um herauszufinden, was einen bewussten Lebensstil auszeichnet, was gut ist, was gut gemeint ist und was weniger gut ist. Nach einer ersten Phase wird man aber merken, wie selbstverständlich es geworden ist, mit einem gewissen Bewusstsein für die Umwelt und die Ressourcen (und letztlich auch für Menschenrechte und faire Arbeitsbedingungen) durch das Leben zu gehen. Eine andere Sache ist, dass "Zero Waste" oft damit assoziiert wird, dass es eher Leute mit höherem Einkommen betrifft, weil 'man es sich leisten können muss, bewusst zu leben'. Das stimmt aber absolut nicht und man kann auch mit wenig Geld sehr bewusst leben und den Nahrungsmitteln jene Wertschätzung entgegenbringen, die sie verdienen.

Wie integrieren Sie diesen Ansatz in Ihr Privatleben - soll heißen: Wie vermeiden Sie selbst überschüssige Essensabfälle?

Ich lebe in einem Singlehaushalt und kaufe deshalb fast nur Sachen ein, bei denen ich mir sicher bin, dass ich sie auch wegbringe oder ich sie einlagern kann. Idealerweise verkoche ich größere Mengen und lagere oder friere Teile davon ein.

Stichwort Globalisierung. Was kann der Einzelne Ihrer Meinung nach tun, um nicht Teil des Kreislaufs von Überproduktion und Verschwendung zu werden?

Generell finde ich Globalisierung keine schlechte Sache - die Frage ist nur, wie sie angelegt ist, also ob es gelingt, die derzeitige neokolonialistische Wirtschaftsweise mit ihrem globalen Nord-Süd-Gefälle einmal in eine global fair verteilte Wirtschaft umzubauen. Man kann dafür im Kleinen recht viel tun, zum Beispiel Initiativen unterstützen, die sich dieses Problems annehmen. Bewusstsein schaffen, recherchieren, beim Einkaufen und Konsumieren das Gehirn einschalten. Außerdem: hinterfragen, recyceln, reparieren, flicken, stopfen, nähen, nachfärben, einkochen, lokal kaufen, auf Nachhaltigkeit achten, saisonal einkaufen und kochen, auf biologisch produzierte Nahrungsmittel umsteigen etc. Es gibt etliche sehr gute Fachbücher dazu und im digitalen Zeitalter ist es leichter als jemals zuvor, sich Wissen dazu anzueignen und sich online mit anderen Menschen darüber auszutauschen.

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