Wellness
06.02.2018

Gewalt bei der Geburt: Zwischen Wunder und Wunde

Die Bandbreite von Grenzüberschreitungen bei der Geburt ist groß. © Bild: Getty Images/Vetta/gaiamoments/Istockphoto

Etwa jede dritte Frau erlebt Gewalt während der Geburt. Warum Grenzüberschreitungen im Kreißsaal ein Tabu sind.

"Drei Minuten nach der Geburt meines Babys begann die Ärztin händisch meine Plazenta zu entfernen, ohne Schmerzmittel. Ich bat sie, aufzuhören, doch sie hielten mich fest, als ich vor Schmerz hysterisch schrie." Es sind Erinnerungen wie diese, die Josée Lee mit der Geburt ihrer Tochter verbindet. Auf dem Blog Birth Stories, der Frauen mit gewaltvollen Geburtserfahrungen eine Plattform bietet, schildert die US-Amerikanerin die verstörenden Szenen, die sich während ihrer Entbindung abspielten. Mit ihrem Trauma ist sie nicht allein.

Gewalt in der Geburtshilfe betrifft weltweit unzählige Frauen und ist dennoch gesellschaftlich tabuisiert. Offizielle Statistiken, wie viele Gebärende betroffen sind, gibt es nicht. Die mit der UNO vernetzte Organisation Human Rights in Childbirth schätzt, dass etwa 40 bis 50 Prozent der Frauen bei der Geburt physische oder psychische Gewalt erleben. Ersteres beschreibt zum Beispiel schmerzhafte Eingriffe, wie Dammschnitte oder Kaiserschnitte ohne medizinischen Grund. Auch ein sogenannter "Husband Stitch", bei dem die Naht des Dammschnitts bewusst und ohne Einverständnis enger gesetzt wird, ist entwürdigend. Ziel der Prozedur ist die Verengung der Scheide für mehr sexuelle Befriedigung beim Mann. Mit gravierenden Folgen für das Sexualleben der Frau, die oft jahrelang unter Schmerzen beim Geschlechtsverkehr leidet (mehr dazu hier).

Bildnummer: 646071924 Mother holding her newborn baby child after labor in a hospital. Black and white photo. Parent and infant… © Bild: Getty Images/iStockphoto/NataliaDeriabina/iStockphoto

Seelische Gewalt erfahren Gebärende in Form von Erniedrigung, Demütigung, Angstmache und Entmündigung, weiß Sylvia S. Sedlak, Obfrau derGeburtsallianz Österreich: "Viele Frauen berichten von Missbrauchserfahrungen und vergewaltigungsähnlichen Erlebnissen. Sie fühlen sich dabei ausgeliefert und fremdbestimmt." Verantwortlich dafür sei das zwischenmenschliche Geflecht zwischen Arzt, Hebamme, Pflegepersonal und Mutter, das nicht selten von Machtspielen geprägt ist. "Beachtet man die Grundbedürfnisse einer Gebärenden, kann alles ohne Komplikationen ablaufen. Beim Großteil der Geburten ist das nicht der Fall."

Ärzte als "Täter"

Seit 2014 sind Missbrauchserfahrungen bei der Geburt auch Schwerpunktthema der Weltgesundheitsorganisation ( WHO). Diese fordert die Wertschätzung Gebärender "als wesentliche Komponente der Versorgung". Kritisch sieht die WHO den Personalmangel an Spitälern. Dieser führe dazu, dass Ärzte und Hebammen überfordert sind und keine Zeit haben, sich auf Patientinnen einzulassen. Deshalb wird eine Eins-zu-eins-Betreuung bei Entbindungen gefordert.

Warum über Gewalt in der Geburtshilfe nach wie vor Stillschweigen herrscht, erklärt sich laut Sedlak in erster Linie durch den Status der "Täter". "Der Arzt als Autoritätsperson wird angezweifelt und das ist ein Tabu per se." Es sei nicht leicht, sich als Mutter gegen eine männlich dominierte Ärzteschaft, aber auch Hebammen, zu wenden. Im Umfeld wird selten über das Erlebte gesprochen, "und wenn, kann es passieren, dass man nicht ernstgenommen wird, sogar von der eigenen Mutter". Mütter seien zudem nach der Geburt oft in Lebenssituationen, in denen sie nicht vor Gericht ziehen wollen. Nicht zuletzt wird oft auch aus Scham geschwiegen – oder, weil der vermeintliche Trost, den die Geburt des Babys spendet, so groß ist.

Petra Kohlberger, Vorsitzende der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, sieht in Österreich keinen Handlungsbedarf: "Das ist kein Thema. Oft ist es eher so, dass Patientinnen in der Ausnahmesituation der Geburt unabsichtlich Gewalt am Personal ausüben, beispielsweise durch ungewollte Fußtritte." Letztendlich gehe es bei Geburten immer um "die Gesundheit von Mutter und Kind". Damm- oder Kaiserschnitte würden außerdem nur durchgeführt, wenn sie notwendig sind. "Eine niedrige Dammschnittrate gilt heute als Qualitätskriterium für Spitäler."

Bildnummer: 684562230 Cesarean Section C-Section Mother and Baby © Bild: Getty Images/iStockphoto/gdinMika/iStockphoto

Aufarbeitung

Bei Müttern führen Gewalterfahrungen laut Sedlak jedenfalls zu Traumatisierungen, beispielsweise in Form einer postpartalen Depression. Es kommt zu Identitätsproblemen als Frau und Mutter. Bindungsprobleme mit dem Kind und Konflikte in der Partnerschaft können ebenso folgen.

Auch Väter werden ohnmächtig und traumatisiert zurückgelassen: "Für Väter ist es schrecklich mitanzusehen, wenn aggressiv und geringschätzig mit der Frau umgegangen wird", weiß Sedlak. Um gewaltvolle Übergriffe zu verhindern, fordert sie medizinisches Personal zur Persönlichkeitsbildung auf: "Man muss die eigene Geschichte, tief verankerte Prägungen, Ohnmachtssituationen und Rivalitätsmuster aufarbeiten. Sonst nimmt man sie mit in den Berufsalltag und lenkt Abläufe in eine destruktive Richtung."

Werdenden Müttern rät Sedlak, sich auf die Geburt vorzubereiten und über Rechte, Wahlmöglichkeiten und Geburtspositionen zu informieren. Auch einen Fürsprecher, wie den Partner, die Mutter oder eine eigene Hebamme, sollte man zur Geburt mitnehmen. Hat man Gewalt bei der Geburt erlebt, ist die Aufarbeitung in Gruppen oder Einzeltherapie sehr wichtig – insbesondere für eine mögliche weitere Geburt.

Buchtipp: Gewalt unter der Geburt: Der alltägliche Skandal“, Christina Mundlos, Euro 16,95

Gewalt unter der Geburt, Buch von Christina Mundlos © Bild: Christina Mundlos

Es braucht mehr Achtsamkeit im Kreißsaal

Renate Mitterhuber arbeitet seit 40 Jahren als Hebamme. In Fortbildungen thematisiert sie Gewalt in der Geburtshilfe und lehrt Hebammenschülerinnen Achtsamkeit im Umgang mit werdenden Müttern.

KURIER: Was ist bei der Ausbildung von Hebammen wichtig?

Renate Mitterhuber: Das oberste Prinzip ist die Wertschätzung der Gebärenden und ihres Partners. Als Hebamme soll man auch die eigenen Motive überprüfen und sich Hilfe holen, wenn man das Gefühl hat, unachtsam zu sein. Hebammen müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein, weil sie in gewisser Weise Macht über die Situation haben.

Wie sollen Hebammen auftreten, um übergriffigem Verhalten vorzubeugen?

Es geht darum, der Gebärenden den best- und größtmöglichen Schutz zu bieten. Als Hebamme muss man der Frau vermitteln, dass sie Tempo und Zeitpunkt von Untersuchungen steuern und jederzeit Stopp sagen kann. Das Einverständnis der Frau einzuholen und ihre Gestaltungsmöglichkeiten zu unterstützen, damit es zu keinem Gefühl des Ausgeliefertseins kommt, ist unsere Aufgabe. Die Geburt ist ein sehr sexueller Akt. Deswegen bedarf es einer hohen Achtsamkeit. Und: Jedes Nein, egal ob verbal oder nonverbal ausgedrückt, ist zu befolgen.

Welche Rolle nehmen Hebammen im Geflecht zwischen Arzt und Patientin ein?

Die Hebamme ist einerseits Fürsprecherin der Frau, anderseits muss sie aber auch mit den Ärzten zusammenarbeiten. Es hängt von der Hierarchie des Hauses ab, ob Aggression und Misstrauen im Team vorherrschen, ob es zu Machtmissbrauch kommt, oder ob es ein reflektiertes Zusammenarbeiten gibt, wo die Rollen klar verteilt sind und Vertrauen herrscht.

Welcher psychischen Gefahr sind Hebammen im Kreißsaal ausgesetzt?

Hebammen können sekundäre Traumatisierungen erleiden, vor allem, wenn sie noch in Ausbildung sind. Dann sind sie im Kreißsaal in der Hierarchie ganz unten. Kommt es zu Gewaltvorkommnissen, fühlen sie sich machtlos und unverstanden, wenn sie Ärzte und Hebammen damit konfrontieren. Man wird zur Mittäterin und das macht etwas mit dem Selbstwert und der Psyche.

Was wünschen Sie sich für den Diskurs über Gewalt in der Geburtshilfe?

Dass alle Frauen die Möglichkeit haben, dem medizinischen Team nach der Geburt Feedback zu geben. Oft beginnt das Problem nämlich bei der Tatsache, dass problematische Vorkommnisse im Team gar nicht sichtbar sind. Feedback wirkt am besten und führt dazu, dass man – egal ob Hebamme oder Arzt – achtsamer wird im Tun.