Dieses Piercing soll für Kopfschmerzlinderung sorgen.

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Migräne-Piercing als Risiko-Therapie?
09/21/2016

Migräne-Piercing als Risiko-Therapie?

Kopfschmerz-Geplagten wird mit Piercings Hoffnung auf eine neue Behandlungsmöglichkeit gemacht. Experten warnen vor den Folgen.

von Marlene Patsalidis

In den sozialen Medien häufen sich seit einigen Monaten Positivberichte über das sogenannte Daith Piercing. Dabei handelt es sich um ein Piercing, das an einem Akupressurpunkt durch den Ohrknorpel gestochen wird. Die Akupunktur durch den Fachmann gilt als wirksames Mittel zur Linderung von Migräne. Selbstständige Akupressur am Handgelenk hilft möglicherweise gegen migränebedingte Übelkeit. Das Daith Piercing wirft jedoch Fragen auf.

#DaithPiercing

Auf Social Media erklären Migräne-Betroffene unter dem Hashtag #DaithPiercing, dass sie dank dem Piercing komplett schmerzfrei seien. Andere erzählen von einer deutlichen Schmerzlinderung. Auch bei Clusterkopfschmerzen werden Behandlungserfolge berichtet. Der Tenor ist demnach durchwegs positiv.

So schreibt Twitter-Userin Lauren McCafferty beispielsweise, dass das Piercing "das Beste sei, was sie jemals gemacht" habe. Andere berichten von wochenlangen Phasen ohne Kopfschmerz trotz zahlloser Auslösereize.

Auch von weniger Migräneanfällen beziehungsweise einer Änderung der Symptomatik ist in vielen Postings die Rede.

Wissenschaftliche Belege fehlen

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) warnt unterdessen, dass derartige Piercings "nicht zur Therapie der Migräne geeignet" seien. Das Verfahren beruhe auf keiner nachvollziehbaren pathophysiologischen Grundlage. Bisher seien keine Studien in einer Studiendatenbank registriert oder zu diesem Thema publiziert worden. "Es gibt bislang keinen wissenschaftlichen Beleg für die Empfehlung, Ohrpiercings als neues Therapieverfahren einzusetzen."

Die Warnung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft hält auch Univ.-Prof. Dr. Christian Wöber, Leiter der Kopfschmerzambulanz am AKH Wien, für absolut berechtigt. "Der Versuch, Migräne oder Clusterkopfschmerz durch ein Piercing im Bereich des Ohrknorpels zu behandeln, ist nicht nur nutzlos, sondern birgt Gefahren bis hin zu einer Entzündung mit Verformung der Ohrmuschel", so der Neurologe. Für die angebliche Wirksamkeit gebe es keinerlei wissenschaftlichen Beleg. Wöber zufolge beruhen die Berichte über Erfolge auf dem Placebo-Effekt, der bei invasiven Maßnahmen, also Maßnahmen, bei denen die Haut durchstochen wird, höher ist als beispielsweise bei der Einnahme von Tabletten.

Die DMKG betont zudem, dass Piercings oft mit gesundheitlichen Risiken einhergehen. "Insbesondere im Bereich des Ohrknorpels ist das Risiko einer verzögerten Wundheilung oder einer nachfolgenden Infektion im Vergleich zu Piercings an gut durchblutetem Gewebe deutlich höher."

Migräne & Clusterkopfschmerz: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Migräne und Clusterkopfschmerz sind chronisch wiederkehrende Erkrankungen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Die Behandlung erfordert Wöber zufolge immer ein individuelles Konzept. "Treten wenige Attacken auf, ist oft die Einnahme eines rasch und verlässlich wirkenden, gut verträglichen Medikaments ausreichend. Beim Clusterkopfschmerz kann auch die Verwendung von Sauerstoff helfen", so Wöber. Treten Attacken hingegen häufig auf, ist ein umfassendes Behandlungskonzept erforderlich, das bei Clusterkopfschmerz, neben der Vermeidung von Alkohol und eventuell anderer Auslöser, überwiegend täglich einzunehmende vorbeugende Medikamente umfasst.

Bei Migräne steht ganz grundsätzlich ein breites Spektrum an Maßnahmen zur Verfügung, die auf die Erfordernisse der Betroffenen abgestimmt sein müssen. Die Empfehlungen reichen vom Erkennen möglicher Auslöser über Anpassung des Lebensstils (ausreichende Flüssigkeitszufuhr, regelmäßige Mahlzeiten, genug Schlaf, Ausdauersport), Akupunktur und Entspannungstechniken, bestimmte Nahrungsergänzungsmittel (hochdosiertes Vitamin B2, Coenzym Q10) und pflanzliche Arzneimittel (Mutterkraut) bis hin zu Medikamenten im engeren Sinn. "Jedenfalls ist immer dann, wenn Migräne zu einer Einschränkung im Alltag führt, ärztliche Hilfe dringend angeraten."

Migräne in Österreich

In Österreich leiden 10,2 Prozent der Bevölkerung, also etwa 800.000 Menschen, an Migräne. Dabei sind Frauen (je nach Alter 11–25 Prozent) deutlich häufiger betroffen als Männer (je nach Alter 4–8 Prozent). Der Altersgipfel liegt bei beiden Geschlechtern zwischen 25 und 55 Jahren. Bis zur Pubertät sind Knaben und Mädchen ungefähr gleich häufig betroffen, erst mit der Pubertät überwiegt bei der Migräne das weibliche Geschlecht. Migräne ist neben dem anfallsartigen Kopfschmerz, der häufig pulsierenden Charakter aufweist und meist halbseitig begrenzt ist, zusätzlich durch Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Geräusch- oder Geruchsempfindlichkeit charakterisiert. Bei 10–30 Prozent der Patienten geht dem Migräneanfall eine Aura voraus. Auren äußern sich als Wahrnehmungsstörungen wie beispielsweise Gesichtsfeldausfälle oder seltener als vorübergehende Gefühls- und Sprachstörungen.

Clusterkopfschmerz

Clusterkopfschmerz ist eine sehr seltene Erkrankung mit streng einseitigen, extrem heftigen Schmerzattacken, die nicht länger als drei Stunden anhalten, über einige Wochen hinweg täglich auftreten und von monate- oder sogar jahrelanger völliger Schmerzfreiheit gefolgt sind.

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