Weihnachten 24.12.2011

Vinzi-Pfarrer: Armendienst ist Gottesdienst

Der Grazer Pfarrer Wolfgang Pucher ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Der KURIER begleitete ihn zu Weihnachten.

Da Vata is do.“ Kumpelhaft wird Pfarrer Wolfgang Pucher im Vinzidorf Graz begrüßt. 38 ehemals obdachlose Männer haben in Containern ihr Daheim und feiern mit ihrem Gönner Weihnachten. „Singen tu ma auch“, bekundet Gregor, der 16 Jahre lang in einer Telefonzelle übernachtet hat. „Stille Nacht ist das einzige Lied, das sie kennen“, berichtet Seelsorger Pucher. „Da fließen auch Tränen. Erinnerungen an eine verlorene Welt, an familiäre Geborgenheit drücken am Heiligen Abend schon sehr.“ Der Alkohol verstärke die Gefühle noch. „Aber Trinkverbot gibt’s im Vinzidorf keines.“

Sechs Quadratmeter groß sind die Wohnkojen. „Hier hab’ ich alles. Ich krieg’ mein Essen. Wenn ich krank bin, schaut jemand auf mich. Wenn mir langweilig ist, hab’ ich andere Bewohner, mit denen ich mich unterhalten kann“, schildert Franz. „So viel Einfachheit und Bescheidenheit ist fast nicht auszuhalten“, zeigt der Pfarrer Emotion.

 

Heiliger Stress

Widerstand: Gegen das Bettelverbot setzte sich Pucher auf die Straße
© Bild: APA/MARKUS LEODOLTER

Feiern mit den Armen. Bis 22 Uhr zur Christmette in der gesteckt vollen Vinzenzkirche ist Pucher in Bewegung, ehe er um Mitternacht zur Ruhe kommt. Sein Lebenswerk – 30 Vinziprojekte – hält den 72-Jährigen so auf Trab, dass er kaum in sich gehen kann. Mit Weihnachten in seiner kargen Kindheit in der Südoststeiermark verbindet er, „dass die Mutter nur am Heiligen Abend im Schlafzimmer eingeheizt hat, wo es sonst immer eiskalt war“.

Sein schönstes Erlebnis als Geistlicher hatte er, als er einen Schützling am 24. Dezember für drei Stunden aus dem Polizeiarrest zur Feier holen durfte. „Zu Weihnachten sind selbst Polizeijuristen ansprechbar und gerührt.“ Diffuse Zukunftsängste wegen der Euro-Krise ortet der Pfarrer auch bei seinem Kirchenvolk. Der Weihnachtskaufrausch könne da nicht darüber hinwegtäuschen. „Viele spüren einen Titanic-Effekt. Der Eisberg hat schon gekracht, aber das Schiff schwimmt noch immer.“ Zornig wird der sozialkritische Katholik über ichbezogenes Denken und Handeln – und fordert global mehr Solidarität für Schlechtverdiener und Menschen am Rand der Gesellschaft ein. „Umverteilung ist ein großes Wort.“

 

Silvesterraketen

„Dass zu Silvester wieder rund zehn Millionen Euro in die Luft geschossen werden, ist unerträglich. Gleichzeitig wird geklagt, dass es einem nicht mehr so gut geht und man bei Spenden eben knausriger werden muss.“

Vor zwei Jahren war Pucher dem Tod geweiht, lag nach einer schweren Lungeninfektion im Koma. „Sterben ist nicht schön“, blickt er in dieses Dunkel zurück, das ihm drückend wie ein böser Traum vorkam. Seither sollte der Pfarrer leisertreten, doch er hat nicht einmal einen Kaplan an seiner Seite. „Ich beziehe meine Kraft wie ein Sportler aus der Bewegung.“ Und aus seiner Beziehung zu Gott. „Ich wünsche mir, dass ich gelassener werde, dass mich nicht jede berechtigte Empörung gleich so aus dem Häusl bringt. Ich wünsche mir mehr Fähigkeit, Dinge in die Hände Gottes zu legen.“

Diese Gedanken verhuschen, sobald es etwa ums Bettelverbot geht. Da setzt sich Pucher provokant auf die Straße, lässt sich von der FPÖ anzeigen und von der Polizei abstrafen. Seine Roma im ostslowakischen Dorf Hostice sind ihm wichtig. Politiker hätten vor der Novelle des Landessicherheitsgesetzes großmundig finanzielle Hilfe versprochen, „Doch nichts ist geflossen, rein gar nichts.“ Welche Wünsche hat Pfarrer Wolfgang Pucher für 2012? „Dass der Verfassungsgerichtshof das Bettelverbot in Salzburg und Graz aufhebt und dass in Österreich kein Mensch mehr obdachlos sein muss.“

Das Lebenswerk des Grazer Pfarrers

Der Startschuss für den Dienst an Armen fiel 1991 in Graz. Der Vinzibus versorgt seither täglich Obdachlose und Notstandshilfebezieher mit Essen und Getränken. Pfarrer Wolfgang Pucher war ob der ungeahnten Hilfsbereitschaft von Nahversorgern, Bäckern und Supermarktfilialen Feuer und Flamme. Es folgte Projekt Nummer zwei: das Vinzidorf in Graz. Die Wohnversorgung von einheimischen Obdachlosen und Alkoholikern brachte sogar ein TV-Team aus London in die Landeshauptstadt.

Seither ist das Engagement der Vinzenzgemeinschaft – nach dem Wirken des Heiligen Vinzenz von Paul ins Leben gerufen – auf bundesweit 30 Projekte angewachsen. Von Wien bis Vorarlberg. Die Angebotspalette erstreckt sich vom Unterschlupf für in- und ausländische Obdachlose, Roma, Alkohol- und Drogenkranke, psychisch kranke und geschlagene Frauen bis zu einer Jobbörse für Roma in Pfarren. Vinzi-Sozialmärkte helfen, die finanzielle Not zu lindern. Im slowakischen Hostice läuft das Projekt Vinzipasta: Die Nudelproduktion sichert Roma-Frauen die Existenz.

Eine Lücke in der Sozialgesetzgebung macht Pucher rasend. „EU-Bürger sind nirgends anspruchsberechtigt. Das sind armselige Menschen aus Rumänien oder Bulgarien, die mitten unter uns leben, in Toiletten und Abbruchhäusern schlafen. Vor allem in Wien ist das noch krass.“

( Kurier ) Erstellt am 24.12.2011