Weihnachten
24.12.2017

"Fürchtet euch nicht": Die unsichtbaren Boten der Weihnacht

Christentum, Judentum, Islam, sogar zahlreiche esoterische Strömungen, glauben an die Existenz von Engeln. Zu Weihnachten kommt den himmlischen Boten aber eine besondere Bedeutung zu. Theologin Marianne Schlosser erklärt, was hinter dem Phänomen steckt.

Es ist kalt und dunkel. Mitten auf einem Feld sitzen Hirten und bewachen ihre Herde. Doch dann wird es trotz der nächtlichen Stunde plötzlich strahlend hell, „ein großes himmlisches Heer“ erscheint und verkündet den verdutzten Männern die Geburt Jesu Christi. So erzählt es zumindest das Lukasevangelium. Und man stelle sich einmal die Geschichte der Weihnacht ohne diesen spektakulären Auftritt der Engel vor.

Aber nicht nur die katholische Kirche glaubt an die Existenz von Engelsfiguren. Rund um die Welt findet sich die Vorstellung von überirdischen Boten in verschiedenen Kulturkreisen, Religionen und Völkergruppen. Warum das so ist, welche Zuständigkeitsverteilung es unter den Engeln gibt, und warum sie gerade zu Weihnachten eine so wichtige Rolle spielen, erklärt die Theologin und Professorin für Spiritualität an der Universität Wien, Marianne Schlosser.

Welche Rolle spielen Engel in der Erzählung von Weihnachten?

Schon in der Vorgeschichte haben Engel eine besondere Aufgabe: Der Engel Gabriel verkündigt Maria, sie sei erwählt, die Mutter des Erlösers zu werden. Derselbe Engel kündigt dem Zacharias die Geburt eines Sohnes an, Johannes des Täufers. Ein Engel erscheint Josef, dem Verlobten Marias, im Traum und sagt ihm, dass das Kind in ihrem Leib nicht von einem irdischen Vater gezeugt, sondern durch Heiligen Geist gebildet ist. Engel verkünden den Hirten auf dem Feld, sie sollten nach Bethlehem gehen, dort würden sie ein neugeborenes Kind finden, das der Retter Israels sei, und mehr noch: allen Menschen guten Willens den Frieden Gottes erwirke.

Als die Engel auftauchen, sagen sie zu den erschrockenen Hirten „Fürchtet euch nicht“. Gelten Engel als furchteinflößende Gestalten?

Gegen jede Verharmlosung oder Verniedlichung dieser unsichtbaren Wesen muss man daran erinnern, dass die Menschen, denen sie sich zeigten, oft von Furcht ergriffen wurden. „Furcht“ ist aber nicht immer das gleiche wie Angst vor etwas Schädlichem. Hier haben wir es mit dem Erschrecken vor dem Heiligen zu tun. Der Engel ist anders als wir und man hat keine Macht über ihn. Die Aufforderung „Fürchte dich nicht“ soll den Menschen Vertrauen einflößen, der Botschaft zu glauben, die dann folgt. Manche Mystiker haben die Eigenart dieses Erschreckens vor dem Heiligen beschrieben: Es ist begleitet von abgrundtiefem Staunen und von Sehnsucht.

Gibt es auch in Judentum und Islam Engelsfiguren?

Im Judentum gab es verschiedene Strömungen, in denen die Engel eine bedeutende Rolle für die Frömmigkeit spielten. Es gab aber auch eine Richtung (die Sadduzäer), welche die Vorstellung von Engeln ablehnte. Im Islam gehört der Glaube an Engel zu den Hauptinhalten des Bekenntnisses: Sie sind Diener Gottes, überbringen Offenbarungen, schützen die Gläubigen, haben eine Aufgabe beim End-Gericht.

Welche Rolle spielen sie im Christentum?

Katholische und orthodoxe Christen verehren die Gottesmutter Mutter Maria als Königin der Engel. „Himmel und Erde“, Engel und Menschen sollen und können eine Gemeinschaft der Liebe bilden, wie es im Weihnachtsevangelium angekündigt wird.

Wie stellt sich die katholische Kirche Engel vor? Sind sie Menschen, Geister, oder eine Sonderform?

Engel gehören zur unsichtbaren Welt. Sie sind keine „Zwischenwesen“, die selbständig agieren, sondern alle ihre Macht ist von Gott abhängig. Sie werden gesandt, um den Menschen beizustehen, eine Botschaft oder eine Warnung zu überbringen. Aber darüber hinaus gehören sie zum „Himmel“. Sie sind dem Menschen ähnlich, weil sie Vernunft und freien Willen haben, aber sie haben keinen Körper. Wenn sie sich zeigen, nehmen sie eine sichtbare Gestalt an – denn die angesprochenen Menschen sollen die Botschaft ja auch hören können. Da wir am besten Wesen verstehen können, die uns ähnlich sind, haben die Engel oft Menschengestalt – aber nicht immer: Der Prophet Jesaja erblickte Wesen mit sechs Flügeln, die Gottes Heiligkeit ausriefen; der Prophet Ezechiel sah Wesen, die feurigen Rädern glichen und doch Gesichter hatten. Auch der Stern der drei Weisen aus dem Orient, der sich so gar nicht wie ein gewöhnlicher Stern bewegte, gilt schon in der frühen Kirche als Engel, der die Gestalt eines Sternes annahm – die angemessene Gestalt, um eben Sterndeuter führen zu können.

Sind Engel einem Geschlecht zuordenbar?

Sie haben an sich kein Geschlecht. In der bildenden Kunst wird der Engel öfter als Mann dargestellt, um die Kraft und Machtfülle auszudrücken. Die Darstellung von Engeln als junge Frau oder Mädchen bringt die große Reinheit und Demut der Engel zum Ausdruck.

Gibt es unter den biblischen Engeln eine Art „Zuständigkeitsverteilung“?

In der Bibel werden nur ganz wenige Namen von Engeln genannt: Gabriel, Raphael, Michael. Diese Namen sagen etwas aus über die besonderen Aufgaben, mit denen sie betraut werden. Gabriel hatte mehrfach wichtige Botschaften zu überbringen. Aber die Bibel spricht von einer unermesslich großen Zahl von Engeln: „Tausend mal tausend, zehntausend mal zehntausend, die Gott dienen“. In der Vielzahl und der Unterschiedlichkeit, die mit den Bezeichnungen „Seraphim“, „Kerubim“, „Mächte“ u.ä. angedeutet werden, spiegelt sich die Fülle und der Reichtum Gottes, der sie erschaffen hat.