Weihnachten ist nicht mehr nur ein Familienfest.

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Trend "Friendsmas"
11/30/2016

Weihnachten: Mit der Familie feiern ist out

Weihnachten ist nicht mehr das, was es einmal war. Heutzutage feiern vor allem junge Menschen lieber mit Freunden als mit der Familie.

von Marlene Patsalidis

Ein üppig geschmückter Weihnachtsbaum, brennende Kerzen, dampfende Köstlichkeiten - und die ganze Familie an einem Tisch: So stellt man sich Weihnachten hierzulande vor. Doch nicht jeder geht mit dieser klassischen Vorstellung konform. Elke zum Beispiel. Die gebürtige Oberösterreicherin feiert Heiligabend heuer bereits zum zweiten Mal nicht mit Mama, Papa und Bruder Markus. Stattdessen verbringt die 28-Jährige den 24. Dezember mit ihrem Lebensgefährten in Stuttgart, wo dieser lebt und arbeitet. Die beiden führen eine Wochenendbeziehung, von Montag bis Freitag arbeitet die studierte Germanistin in einem Züricher Verlag. Da ihr Alltag ohnehin nicht gerade stressfrei ist, wünscht sich Elke zu Weihnachten vor allem eins: zur Ruhe zu kommen. "Mein Freund und ich haben früher versucht, am Heiligen Abend sowohl seine als auch meine Familie zu besuchen, und haben dabei viel zu viel Zeit im Auto verbracht. Weil Weihnachten doch aber ein ruhiges Fest sein soll, haben wir beschlossen, den 24. nun zu zweit zu verbringen."

Familienwahn zu Weihnachten? Nein, danke.

Heiligabend im Kreis der Großfamilie zu verbringen ist also offenbar out. Vor allem die jüngere Generation trifft sich zu oder zumindest vor Weihnachten viel lieber mit Freunden oder gestaltet das Weihnachtsfest nur mit dem Partner. Das obligatorische Treffen mit entfremdeten Onkeln, Tanten und Großcousins ist vielen zu mühsam geworden. Schließlich geht es zu Weihnachten ja um Besinnlichkeit – und nicht um gezwungenes Beisammensein.

Was wie eine Trotzreaktion familienüberdrüssiger und religionsverweigernder Twens wirkt, hat mittlerweile sogar einen Namen und damit die Berechtigung als "Trend" bezeichnet zu werden. Unter "Friendsmas" subsummiert man die Tendenz junger Menschen sich dem Familienbund zu Weihnachten zu entziehen und das Fest der Liebe stattdessen mit Freunden zu feiern.

Nina verzichtet in diesem Jahr zu Weihnachten komplett auf ihre Familie. Die 23-Jährige absolviert derzeit ein Praktikum im argentinischen Buenos Aires. Fürs Weihnachtsfest mit ihren Verwandten extra in den Flieger zu steigen, kommt für sie nicht in Frage. "Weihnachten werde ich mit meiner besten Freundin in einem Nationalpark in Ecuador verbringen, also komplett abgeschottet von allem", erzählt die gebürtige Wienerin, die ohnehin noch nie ein großer Fan des Weihnachtstrubels war. "Weihnachten ist mir generell nicht wichtig. Deshalb kann ich mich auch mit den dazugehörigen Feierlichkeiten nicht anfreunden." Sie brauche keinen Adventkranz, keinen Weihnachtsbaum und keine Geschenke, von gestellten Familienfotos an Heiligabend ganz zu schweigen.

Weihnachten, wie ich will

Weihnachtszeit ist nicht mehr nur Familienzeit. Das belegen auch aktuelle Studien. Eine Befragung des Lautsprecherherstellers Sonos unter 8.000 Personen aus acht verschiedenen Ländern ergab, dass sich 51 Prozent mehr auf die Weihnachtsfeier mit ihren Freunden, als auf das Fest mit der Familie freuen. Für gewöhnlich finden diese Feiern in den ersten beiden Dezemberwochen statt. Eine US-Umfrage der Modemarke Jack Willis in den USA ergab, dass 56 Prozent der Mittzwanziger bereits "Friendsmas" gefeiert haben. Dabei wird – ganz klassisch – ein Festessen aufgetischt, es werden Cocktails gereicht und Geschenke ausgetauscht. 64 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass für sie der Freundeskreis einer zweiten Familie gleich komme und ein gemeinsames Weihnachtsfest daher nahe liege.

Das Geschäft mit der Besinnlichkeit

Ganz ausgedient scheint das weihnachtliche Familienfest dennoch nicht zu haben. Konzerne wie Edeka machen mit geschickt vermarkteten Weihnachtswerbungen die Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit gewissermaßen zu Geld. Auch aus vielen anderen Werbungen kennt man kuschelige, auf Hochglanz polierte Bilder, die Lust auf Friede, Freude und Familie machen.

Dass die Familie gerade für die jüngeren Generationen wieder wichtiger denn je ist, bestätigt auch Trendforscher Christian Schuldt. Allerdings wird die Familie auch neu definiert und immer flexibler formbar. "Das hängt alles mit dem gesellschaftlichen Wandel zusammen, mit der Vernetzung und der Digitalisierung. Dadurch werden auch die sozialen Zusammenhänge immer flexibler", so Schuldt, der als Gesellschaftsforscher am Zukunftsinstitut tätig ist.

Die Sehnsucht nach Familie und Zusammenhalt ist gerade deshalb so groß, weil sich die Menschen im Zeitalter der fortschreitenden Ausdifferenzierung der Gesellschaft nach Konstanten sehnen. Das betrifft auch die Familie. Den fixen Familienverband gibt es unter anderem aufgrund hoher Scheidungsraten quasi nicht mehr. Das mag für viele schmerzlich sein, es eröffnet aber auch die Möglichkeit weitere Kontexte zu ziehen, die Freunde als Quasi-Familie zu sehen und so neue Gemeinschaftsformen zu genießen. Genau hier kommt auch "Friendsmas" ins Spiel.

Zusammenkommen ist angesagt

Der Achtsamkeit als Gegentrend zur Digitalisierung kommt in diesem Kontext auch wesentliche Bedeutung zu. "Wir versuchen uns auf das analoge Zusammensein zu besinnen. Für viele ist das, was wirklich zählt, aber im Zuge des Information Overflows im Alltag unter die Räder gerät." "Friendsmas" ist Schuldt zufolge ein Beispiel dafür, dass man sich bewusst Zeit für seine Lieben nimmt und Ereignisse kreiert, die Intimität und Geborgenheit bringen – oft fernab von religiösen Motiven. Das kann auch Elke bestätigen: "Seit ich im Ausland lebe, ist es mir wichtig, zu Weihnachten herunterzukommen und Zeit mit meinem Freund zu verbringen. Die klassischen Weihnachtsabläufe haben auch ihr Schönes, aber es wird mir immer wichtiger, Weihnachten so zu verbringen, wie ich es will, um nach den Feiertagen nicht gestresst und erledigt, sondern erholt und bereichert zu sein."

Auch mit dem derzeit viel zitierten dänischen Hygge-Trend lässt sich die neue Form des weihnachtlichen Zelebrierens nach den individuellen Vorstellungen erklären. Bei Hygge geht es um Cocooning, also den Rückzug ins Private, im großen Stil. Die Hochsaison der Hygge ist Weihnachten. Die dänischen Winter sind bekanntermaßen lang und dunkel, und die Dänen wehren sich mit Wohlfühlatmosphäre, Herzlichkeit, Ruhe und Gemütlichkeit bei Kerzenschein.

Brauchen wir Familienfeste wie Weihnachten also noch? Ja, sagt der Trendexperte. "Feste wie Weihnachten, wo man traditionell zusammenkommt, sind etwas, worauf man sich in unserer schnelllebigen Welt noch verlassen kann. Wie ein Fels in der Brandung."

Auch für Elke geht es ganz ohne Familie an den Feiertagen dann doch nicht. Am 25. fliegt sie in die Heimat, besucht Familie und natürlich auch Freunde. So muss sie auf nichts verzichten und feiert Weihnachten ganz nach ihren eigenen Vorstellungen. Und auch Nina kann sich dann doch noch einige positive Gedanken zu Weihnachten zusammenkratzen: "Ich und meine Familie kochen sonst am 24. Dezember immer ganz entspannt zusammen, im Pyjama und ohne Sozialdruck."

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