Die Geburtsstätte brasilianischer Helden

Brasilien war und ist die Heimat des Straßenfußballs. Doch der beliebte Zeitvertreib auf Schotter und Asphalt droht auszusterben. Die meisten Geschichten großer brasilianischer Spieler lesen sich ähnlich – und begannen fast alle auf der Straße. Egal, ob einst Garrincha, der große Pelé, später Zico, Jorginho, Romario, Ronaldo oder jetzt Neymar – sie lernten Fußballspielen nicht erst in einem Klub, sondern die Basis der Karriere wurde auf einem harten Betonplatz im Hinterhof, einem staubigen Schotterboden um die Ecke oder sogar am Strand gelegt.

Auch bei mir war das nicht anders. Mit meinen beiden Brüdern habe ich als Kind in jeder freien Minute gespielt, wo immer es gerade ging: Auf der Straße vor unserem Häuschen am Rande von Mogi das Cruzes, auf einem holprigen Acker in der Nähe, dem kleinen Hartplatz in unserer Siedlung.

Alte Bälle

Und selbst das Wohnzimmer funktionierten wir – sehr zum Leidwesen unserer Mutter – manchmal zu einem kleinen Fußballfeld um.
Die wenigen Möbelstücke, die wir hatten, wurden verrückt, um ein paar Quadratmeter Platz zu schaffen für unsere liebste Beschäftigung. Wenn wir, was öfters vorkam, keinen Ball hatten, stopften wir einfach ein paar Lumpen oder Kleidungsstücke in einen Socken. Dieses Stoffknäuel jagten wir dann durch die Gegend – und lange Zeit sogar meistens barfuß. Denn ich war schon fast zehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal in den Besitz richtiger Fußballschuhe kam.
Damals war wahrscheinlich nirgendwo in Brasilien ein verlassener Fußballplatz zu finden, und je ärmer die Gegend war, desto mehr Ecken gab es, in denen Kinder kickten. Deshalb war ich erstaunt, als ich vor 15 Jahren nach Deutschland kam und keine Kinder auf der Straße spielten.

Erst recht wunderte ich mich, als ich in meiner neuen Umgebung ein paar gepflegte Rasenplätze entdeckte, auf denen aber nur mal abends oder am Wochenende Betrieb herrschte. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass so etwas einmal in Brasilien passieren könnte. Aber tatsächlich verschwinden immer mehr von diesen kleinen Fußballplätzen in den Städten und mit ihnen die jungen Fußballspieler von der Straße.  

Neue Ablenkungen

Zum einen hat das mit zunehmendem Verkehr und der immer dichteren Bebauung zu tun. Es ist den Eltern schlichtweg zu gefährlich geworden. Zum anderen ist die Ablenkung für die Kinder heutzutage viel größer als früher. Selbst für die, die aus sozial schwächeren Familien kommen, ist Fußball
 – anders als für mich damals – längst nicht mehr der einzige Zeitvertreib. Die haben zwar wenig Geld, um sich modernes elektronisches Spielzeug zu kaufen, aber vielleicht gibt es einen Freund, der einen Computer, eine PlayStation oder eine andere Spielkonsole hat. Brasilien ist noch immer die Heimat des Straßenfußballs. Aber man muss aufpassen, dass das auch so bleibt und er nicht langsam ausstirbt, so wie in den meisten europäischen Ländern.  

Zur Person: Cacau kam als Claudemir Jerônimo Barreto 1981 zur Welt und wuchs in Mogi das Cruzes im brasilianischen Bundesstaat São Paulo auf. 1999 kam er nach Deutschland.  Er stürmte 23-mal für das deutsche Nationalteam und zuletzt beim VfB Stuttgart.

(Kurier) Erstellt am
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