Vom glücklichen Gipfelsieg in den Tod

Expedition Nanga Parbat, 11. Bericht: Expeditionsleiter Göschl spricht über Kölblingers Unfall. Auch eine Koreanerin verunglückte tödlich.

Ein 17-köpfiges Team wagte ab dem 11. Juni den Aufstieg auf den Nanga Parbat. KURIER.at hat die Gruppe bei ihrer Expedition redaktionell begleitet.

"Wolfgang muss bereits am Freitag um ca. 18.30 Uhr verstorben sein", spricht erstmals Gerfried Göschl die traurige Gewissheit über Wolfgang Kölblingers Schicksal aus. Göschl, der als Expeditionsleiter fungierte, befindet sich noch im Basislager (4250 Meter) am Nanga Parbat, konnte sich aus computertechnischen Gründen nicht eher melden.

Nun versucht er, den Unfallhergang zu beschreiben. "Wolfgang startete seinen Gipfelversuch am Nanga Parbat gemeinsam mit einigen Gruppenmitgliedern und drei weiteren Expeditionsgruppen am 10.07.2009 um ca. 3:30 Uhr vom Lager 4 (7100 Meter)."
Durch verschiedene Aufstiegsgeschwindigkeiten zog sich das Feld schließlich sehr weit auseinander.

"Fühlte sich sicher"

Göschl: "Aus Angst vor Erfrierungen gingen Georg Wenzl und Kilian Volken nicht sehr weit. Hans Wenzl erreichte als einer der ersten um 13:45 den Gipfel. Weitere Bergsteiger folgten. Das Wetter war zwar klar, aber sehr windig."
Wenzl und weitere Expeditionsteilnehmer, die teilweise den Aufstieg aus Zeitgründen abgebrochen hatten, trafen am Rückweg auf den 55-jährigen Kölblinger, der sich im Aufstieg hinter einer siebenköpfigen koreanischen Gruppe befand und rieten ihm, aus Zeitgründen abzusteigen.
"Wolfgang ließ sich aufgrund seiner sehr großen Erfahrung nicht davon abbringen und stieg weiter auf. Er sagte, dass er sich in der Nähe der Koreaner sicher fühle", so Göschl.
Fast stündlich meldete sich Kölblinger dann über Funk im Basislager und klärte über die Situation auf.

Göschl: "Nach 17 Uhr meldete er sich nicht mehr, für uns war ein Ausfall der Batterien wegen der großen Kälte der mögliche Grund. Laut Aussagen der Koreaner erreichte er um 18:10 den Gipfel. Sie beschrieben, dass sich Wolfgang in einem sehr guten und glücklichen Zustand befand."

3000 Meter hohe Eiswand

Über Funk vom Basislager wurden die restlichen Expeditionsteilnehmer, die sich inzwischen im Lager 4 befanden, über eine kritische Situation in der Gruppe der Koreaner, die mit Kölblinger den Gipfel erreichte, aufgeklärt.
"Für uns war nun klar, dass wir auch um Wolfgang bangen mussten. Wir organisierten eine Rettungsaktion und drei pakistanische Bergführer starteten um 21 Uhr mit Notfallmedikamenten, künstlichem Sauerstoff, warmen Getränken und Nahrungsmitteln in Richtung Gipfel. Einige unserer Gruppe breiteten sich noch voller Hoffnung auf einen Aufstieg vor", erinnert sich Göschl und ergänzt: "Sehr bald sahen wir einige Lichter im Abstieg. Um ca. 5 Uhr traf ich auf 7300 Meter auf die absteigende Gruppe, zu meiner großen Überraschung war Wolfgang nicht dabei. Erst ab diesem Zeitpunkt war für mich die Situation akut."

Gemeinsam mit seinem Partner Louis Rousseau versuchte Göschl schnell aufzusteigen. Um 11:30 fanden Göschl und Rousseau Kölblingers Rucksack mit Skistöcken und Eispickel auf 8064 Meter.
Göschl: "Direkt unter dem Rucksack begann eine typische, unkontrollierte Absturzspur im Firn. In Falllinie fanden wir seine Haube auf 8016 Meter. Nach unserer Einschätzung versuchte Wolfgang sich an der Fundstelle des Rucksackes nach seiner Gipfelbesteigung anzukleiden. Durch Müdigkeit, Exposition und starkem Sturm dürfte er aus dem Gleichgewicht geraten sein. An der Stelle des Absturzes fällt die Eiswand 3000 Meter ab. Der Körper von Wolfgang bleibt wegen der Größe der Wand wohl unauffindbar."

Weiteres Todesopfer am Nanga Parbat

Wie inzwischen bekannt wurde, handelt es sich bei der einen Tag nach Kölblinger verunglückten koreanischen Alpinistin am Nanga Parbat um Go Mi Sun (andere Schreibweise Ko Mi-young).
Die "Korea Times" berichtete unter Berufung auf die südkoreanische Botschaft in Pakistan auf ihrer Homepage vom Tod der 41-Jährigen. Ihr Leiche sei zwar gefunden, aber noch nicht geborgen worden, hieß es. Go Mi Sun galt neben der oberösterreichischen Alpinistin Gerlinde Kaltenbrunner als eine der fünf heißesten Kandidatinnen für die Erst-Besteigung aller 14 höchsten Achttausender durch eine Frau.

Go Mi Sun ist laut "Korea Times" am Samstag gegen 22.30 Uhr (Ortszeit) beim Abstieg nach dem gelungenen Gipfelsturm in eine Schlucht des 8126 Meter hohen Nanga Parbat gestürzt. Die verunglückte Koreanerin wurde nach knapp fünf Stunden am Sonntag gegen 3.10 (Ortszeit) von einem Helikopter entdeckt, zunächst war ihr Gesundheitszustand unklar. Die südkoreanische Botschaft in Pakistan berief sich Stunden später auf Bergkameraden von Go Mi Sun und bestätigte gegenüber Medien den Tod der 41-Jährigen. Ihre Leiche soll demnach am Montag geborgen werden.

Vor einem Jahr Lawine überlebt

Laut dem Alpinismus-Portal "k2climb.net" sind die genauen Hintergründe des Unfalls auf einer Höhe von rund 6200 Meter noch unklar, Go Mi Sun sei laut anderen Bergsteigern mit Hilfe von Sauerstoff gut und sicher geklettert. Neben dem Nanga Parbat hätten der Koreanerin laut "k2climb.net" noch der Gasherbrum I und II für den Weltrekord gefehlt. Im August 2008 hatte die 41-Jährige eine Katastrophe am K2 überlebt, bei der elf Bergsteiger durch Eislawinen ums Leben kamen.

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(KURIER.at / big) Erstellt am
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