Thema 05.12.2011

Opernserie (8): Glanzlichter und Impulse

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Opernchef Claus Helmut Drese und Musikdirektor Claudio Abbado setzten auf ein kluges Programm statt auf billigen Erfolg. Von Hans Landesmann.

Die "Ära Drese" an der Wiener Staatsoper begann für mich bei einem Spaziergang mit Claudio Abbado durch die Wiener Innenstadt. Er erzählte mir von seinen Problemen an der Mailänder Scala, wie sehr er die italienischen Verhältnisse satt habe und dass er eigentlich weggehen wolle. Als er das sagte, sind wir gerade an der Staatsoper entlanggegangen, und ich erklärte spontan: "Hier gehörst du her! Die Wiener Oper würde dich sehr brauchen." Er meinte: "Ja, ja, das wäre schon schön. Aber ich will Lorin nicht in den Rücken fallen."
Darauf habe ich ihm erklärt, dass er das keineswegs müsste, denn Lorin Maazels Position sei ohnehin schon sehr wackelig, und er würde von sich aus vermutlich gar nicht verlängern wollen.

Mittagessen

Als wir uns trennten, vereinbarten wir ein Mittagessen in den nächsten Tagen. Abbado hatte in Wien ja schon sehr erfolgreich Konzerte und an der Staatsoper einen enthusiastisch aufgenommenen "Simon Boccanegra", inszeniert von Giorgio Strehler, dirigiert, und war hier ein bejubelter Künstler. Also führte ich meine Spontanidee weiter, ging zu Robert Jungbluth, dem damals sehr mächtigen Generalsekretär der Bundestheater, und sagte ihm: "Du, da gäbe es eine Möglichkeit mit Abbado. Ich weiß, welche Probleme du momentan hast, das wäre doch eine Idee." Er meinte, das käme überhaupt nicht infrage: "Der ist doch in Mailand und weiß Gott noch wo, das interessiert ihn sicher nicht. Und halt dich da überhaupt heraus." Trotzdem hab ich ihm erzählt, dass ich Abbado demnächst zum Mittagessen treffe. "Komm halt zufällig vorbei."
Gesagt, getan. Jungbluth kam gegen Ende unseres Essens ins Restaurant, setzte sich zu uns, und ich habe mich bald entschuldigt und bin gegangen. Dann habe ich lange nichts mehr gehört.
Die Erzählungen widersprechen einander, wie die Kür von Claus Helmut Drese und Claudio Abbado schließlich tatsächlich stattgefunden hat. Eine Version spricht von einem der berühmten Alleingänge des damaligen Unterrichtsministers Helmut Zilk, der sich, wie Drese selbst berichtete, bei einer Tagung in Luzern auf ihn gestürzt hat, die andere, dass Drese für Zilk überhaupt erst über das "Zauberwort Abbado einfädelbar" war.
Tatsache ist, dass die beiden in der Folge künstlerisch sehr gut zusammenarbeiteten. Drese war ein guter, dramaturgisch denkender Operndirektor, Abbado fühlte sich vordringlich für das Musikalische verantwortlich und hat sicherlich das Programm und die Besetzungen wesentlich geprägt. "Ein kluges, progressives Programm ist ihm immer wichtiger als billiger Erfolg mit dem allzu Bekannten", sagte Drese über seinen Musikdirektor.
Tatsache ist allerdings auch, dass Drese, obwohl ein Vollprofi, Intellektueller und integerer Mann, nicht als geliebter Direktor antrat. Allgemein hatte man in Wien erwartet, dass der Publikumsliebling Eberhard Wächter vom Sängerstar der Bühne in die Direktionsloge wechseln würde, und daran wurde hinter den Kulissen und vor allem von der Wiener Presse eifrig weitergearbeitet.

Intrigenstadel

Drese hatte nicht die Kraft und das Geschick, den "Intrigenstadel" einzureißen. Er konnte ihn - mit Wien viel zu wenig vertraut - auch in seinen abenteuerlichen Strukturen vermutlich nicht durchschauen. Immerhin zog er ihn aber nach Ende seiner Direktion mit seinem Buch "Im Palast der Gefühle", in dem er in Form von Tagebuchnotizen nicht nur künstlerische Bilanz zog, sondern auch schonungslos aus seiner Sicht die verschiedenen Vorgänge vor und hinter den Kulissen kommentierte, zumindest kurzfristig in die Skandalzone: "Erfahrungen und Enthüllungen eines Wiener Operndirektors", die für nicht wenige blamabel waren. Mit vielen unangenehmen Wahrheiten.

Höhepunkte

Claudio Abbado: Er war Dreses Generalmusikdirektor und setzte in Wien auch Maßstäbe mit der Gründung des Festivals "Wien modern". Claus Helmut Drese (rechts): Er wurde in Aachen geboren, war Chef am Opernhaus Zürich und ab 1986 an der Wiener Staatsope
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Mir sind allerdings aus dieser umstrittenen Zeit vor allem viele Glanzlichter noch unauslöschbar in Erinnerung: Zunächst mit Abbado als Dirigenten der unerwartete Riesenerfolg von Bergs "Wozzeck" mit Franz Grundheber und Hildegard Behrens, Rossinis spektakuläre, mit Vorausskandalen belastete "Viaggio a Reims", die mit einem Publikumstriumph endete, dann Schuberts "Fierrabras" in der klugen und faszinierenden Inszenierung von Ruth Berghaus mit dem phänomenalen Arnold Schönberg-Chor, der dabei seine musikalische wie auch erstmals seine schauspielerische Meisterschaft bewies. Eine Festwochen-Koproduktion im Theater an der Wien, die in die Staatsoper übernommen wurde, und eine Wiederentdeckung, die später in Zürich in einer ganz andere Wege gehenden Inszenierung Claus Guths eine weitere Bestätigung fand.
Abbado dirigierte als Musikdirektor 15 Neuinszenierungen in mehr als 170 Vorstellungen, unter denen mir Mussorgkis "Chowantschina" und "Boris Godunow", Debussys "Pelléas et Mélisande" und Strauss' "Elektra" musikalisch wie szenisch einen besonderen Eindruck gemacht haben.

Neuland

Zum Ereignis wurde auch der verschiedene interessante Interpretationen umfassende Zyklus mit acht Mozart-Opern, unter anderen dirigiert von Harnoncourt, Cambreling und Abbado. Eine neue Welt eröffnete mir musikalisch wie auch szenisch Bernd Alois Zimmermanns Meisterwerk "Die Soldaten", dirigiert von Bernhard Kontarsky, inszeniert von Harry Kupfer.
Drese bezeichnete diese unter besonderen Schwierigkeiten entstandene Aufführung als den Höhepunkt seiner Direktionszeit. Ein berührender Akt, altes Unrecht gutzumachen, gelang ihm überdies mit Franz Schrekers "Der ferne Klang", eine Reise zwischen Traum und Wirklichkeit, inszeniert von Jürgen Flimm, dirigiert von Gerd Albrecht.
Um sich einen seiner Lieblingswünsche zu erfüllen, hatte Drese einen harten Kampf zu bestehen: Er träumte von einem Studiotheater, das ihm die Möglichkeit zur Aufführung zeitgenössischer Opern, zu "mehr Experiment, mehr Jugendarbeit", zur Verjüngung der Staatsoper bietet. Plötzlich ergab sich im Künstlerhaustheater eine Chance. Das für ein Avantgardetheater perfekt eingerichtete Haus konnte von der Staatsoper gemietet werden. Mit Udo Zimmermanns "Weißer Rose" und Wolfgang Rihms "Jakob Lenz" gelang ihm eine ebenso qualitätsvolle wie emotionsgeladene Verwirklichung dieser Träume, die dann noch mit Beat Furrers "Die Blinden" im Odeon, wo das Studiotheater im Rahmen von " Wien Modern" einen wunderbaren Unterschlupf erhielt, zur gefeierten Wirklichkeit wurden.

Verdienste

Mit dieser Produktion wurde übrigens auch eine Verbindung zu Abbados Wirken in Wien außerhalb der Oper hergestellt. Denn er hat in seiner Zeit als Musikdirektor das gesamte musikalische Leben der Stadt wesentlich beeinflusst und insbesondere für die Neue Musik und für die Jugend viel geleistet. So gründete er damals sowohl das Festival "Wien Modern", das bis heute alljährlich bedeutende Werke des 20. und 21. Jahrhunderts dem Wiener Publikum vorstellt, als auch das Gustav Mahler Jugendorchester, das zur Zeit des Eisernen Vorhangs Musiker aus Ungarn, der CSSR und Jugoslawien mit österreichischen Musikern für jährlich zwei Probephasen und Konzerttourneen vereinte.
Es war eine für Wien musikalisch neue Impulse gebende, bereichernde Zeit. Für Abbado eine Quelle der Inspiration, für Drese "Höhepunkt, Lebensfest".

Ende der Serie

Zum Autor: Hans Landesmann

Claudio Abbado: Er war Dreses Generalmusikdirektor und setzte in Wien auch Maßstäbe mit der Gründung des Festivals "Wien modern". Claus Helmut Drese (rechts): Er wurde in Aachen geboren, war Chef am Opernhaus Zürich und ab 1986 an der Wiener Staatsope
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Hans Landesmann leitete das Wiener Konzerthaus und den Konzertbereich der Salzburger Festspiele. Mit Abbado gründete er das Mahler-Jugendorchester.

Erstellt am 05.12.2011