James Heckman, Wirtschafts Nobelpreisträger 2000

© gilbert novy

Interview
10/16/2013

Nobelpreisträger: "Investieren wir früher in die Kinder"

US-Nobelpreisträger James Heckman fordert ein Umdenken der Bildungspolitik

von Hermann Sileitsch-Parzer

Gebt den Kindern eine faire Chance“: Mit diesem Appell in Buchform sorgte der US-Ökonom James Heckman, 2000 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet, für Furore. Aus Langzeitstudien liest er ab, dass Geld, das schon im Vorschulalter in die Förderung benachteiligter Kinder gesteckt wird, besser investiert ist als im Schulalter.

KURIER: Gemessen an den Ausgaben erzielt Österreichs Bildungssystem recht bescheidene Ergebnisse. Was wäre Ihr Rat?

James Heckman: Österreich schneidet noch vergleichsweise gut ab. Die Ungleichheit der Gesellschaft ist relativ gering, weil über Steuern eine massive Umverteilung stattfindet. Und das Einkommen der Eltern bestimmt die Aufstiegschancen der Kinder in Österreich weniger als in den USA, Großbritannien oder China. Effizienter einsetzen lässt sich das Geld aber in jedem Bildungssystem.

Je früher Kinder gefördert werden, umso besser: Gilt das überall auf der Welt?

Absolut, das ist ausreichend belegt. Je früher wir eingreifen, desto besser: Kleine Kinder sind noch formbar, sie sind wie eine leere Tafel. Gene spielen zwar eine Rolle, dass Erfahrungen ein sehr machtvolles Mittel sind, ist aber im politischen Denken noch nicht angekommen. Dazu kommt auch, dass viele Menschen ihre Kinder in jungen Jahren ungern in fremde Hände geben.

Sollten denn alle Kinder staatlich gefördert werden?

Kinder aus bevorzugten Familien werden ohnehin durch eine reichhaltige Umgebung gefördert. Die Probleme liegen doch eher bei den benachteiligten Familien – mit benachteiligt meine ich den Grad und die Qualität der Zuwendung. Darauf kommt es nämlich an, nicht auf das Einkommen oder den Bildungsstand der Eltern.

„Liebe und Zuwendung sind der Rohstoff, an dem es mangelt – nicht Geld“, schreiben Sie. Kann der Staat das ersetzen?Ja, weil es um Hinwendung und Interaktion mit dem Kind geht. Das kann man natürlich bieten. Lernen heißt Risiko eingehen – man erprobt Sachen, die man nicht kennt. Das können Kinder nur, wenn sie Bestätigung erhalten und von einer gesicherten Ausgangsbasis ihrem Forscherdrang nachgehen. Wird ein Kind dadurch eingeschüchtert, lernt es weniger.

Kindern, die früh gefördert werden, geht es noch als Erwachsenen mit 40 Jahren viel besser, ergeben Ihre Studien: Sie sind gesünder, seltener drogenabhängig, verdienen mehr Geld, brauchen weniger Sozialhilfe. Sogar die Kriminalitätsrate ist halb so hoch wie in Vergleichsgruppen. Das klingt unglaublich.

Ist es aber nicht. Wir brauchen ein breiteres Verständnis der menschlichen Fähigkeiten. Um gute Noten zu haben oder auf der Universität erfolgreich zu sein, reicht es nicht aus, wenn man nur intelligent ist. Dazu braucht es Ausdauer, Disziplin, Pünktlichkeit, ein ganzes Bündel an nicht-kognitiven, sozialen Fähigkeiten.

Sollten Frauen zu Hause bei ihren Kindern bleiben? Sollten Kinder möglichst früh in staatliche Obsorge kommen? Solche Bildungsfragen werden gerne ideologisch gekapert.

Das ist eine wichtige und heikle Anmerkung. Die Mutter hat zweifellos eine wichtige Rolle. Wenn sie nicht da ist, kann das dem Kind schaden. Aber: Wir wissen aus Studien, dass besser gebildete Frauen zwar länger arbeiten, aber trotzdem mehr Zeit mit dem Kind verbringen, um zu spielen, es zu ermutigen, zu unterstützen: Das ist das Entscheidende. Familiäre Trends kann man nicht aufhalten. Somit ist die Frage: Gibt es einen Ersatz für ein „normales Familienleben“? Ja, den gibt es. In welche Familie ein Kind geboren wird, muss nicht sein ganzes Schicksal bestimmen.

Sie erwähnen eine jährliche Rendite von 6 bis 10 Prozent, die Investitionen in die frühkindliche Förderung abwerfen. Wie kann man das berechnen?

Die Kinder, die in den Studien der 1960er im Vorschulalter gefördert wurden, werden jetzt 50 Jahre alt. Wir können vergleichen, was aus ihnen geworden ist. Sie verdienen mehr, sind gesünder, brauchen weniger Unterstützung – deshalb der genannte Ertrag. Der US-Aktienmarkt hat zwischen 1945 und 2008 übrigens im Durchschnitt knapp 7 Prozent geworfen.

Also sollen wir benachteiligte Kinder fördern, statt Aktien und Anleihen zu kaufen?

(Lacht) Ein einzelner Investor dürfte Probleme haben, seinen Profit einzufordern – die Sklaverei ist abgeschafft. Aber ernsthaft: Die Gesellschaft kann das Leben dieser Kinder verändern.

Warum passiert das nicht ?

Weil Regierungen meist erst Geld ausgeben, wenn Probleme auftreten. Vorsorge spielt selten eine Rolle. Die Kriminalitätsrate steigt? Wir brauchen mehr Polizisten. Gesundheitsprobleme? Mehr Doktoren. Die Gesellschaft versteht es noch nicht, die menschlichen Fähigkeiten in ihrer Gesamtheit zu erfassen.

Ein ganz anderes Thema: Werden die USA pleitegehen?

Nein, nicht wirklich. Es gibt schon erste Bewegung. Und: Die Steuereinnahmen der USA sind mehr als ausreichend, um Schulden und Zinsen zu zahlen. Die Zahlungsunfähigkeit ist ein rhetorisches Droh-Szenario; ich glaube, niemand will wirklich eine Pleite riskieren. Das würde die Kreditwürdigkeit beschädigen, die Zinsen auf Dauer hochtreiben, Investitionen einbrechen lassen. Die Frage ist, wo die Regierung das Budget zusammenstreicht. Sie müsste ganze Programme einstellen, das würde wie ein Mega-Rasenmäher wirken.

Somit kein Grund für Sorge?

Doch, was mich beunruhigt ist, wie instabil das politische System in den USA ist. Wir haben nach George W. Bush wieder einen schwachen Präsidenten. Anders als Clinton ist Barack Obama nicht in der Lage, Verhandlungen zu erzwingen.Ich mag Obama durchaus, aber er ist keine Führungsfigur.

Ist die radikale Tea-Party der Republikaner gar nicht schuld?

Das schaukelt sich hoch. Wer im Moment ein Moderater ist, erhält schlechte Presse und wenig Unterstützung. Das sind keine guten Aussichten für die langfristigen Herausforderungen der USA.

Zur Person: Der Nobelpreis-Träger James J. Heckman

Er wurde 1944 in Chicago geboren, wo er seit 1973 an der Universität lehrt. Im Jahr 2000 erhielt er mit Daniel McFadden den Nobelpreis für „Theorien und Methoden zur Analyse selektiver Stichproben“. Für viel Aufmerk- samkeit sorgte seine Arbeit über die Wirkung von Sozialpro- grammen – etwa den Einfluss der Vorschule auf den späteren Lebensweg. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Nach Wien geholt wurde er vom Nobelpreisträger-Seminar, das seit 2007 in Kooperation mit der Wirtschaftsuniversität, der Universität und der Stadt Wien veranstaltet wird.

Bilder: Nobelpreisträger für Wirtschaft der vergangenen Jahre

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