Thema
05.12.2011

"Haben Alpingeschichte geschrieben"

Nanga Parbat- und K2-Expeditionsleiter Gerfried Göschl im Interview über die neue Route auf den Nanga Parbat, Egoismus und Trauerarbeit.

Nach Gerlinde Kaltenbrunner ist er der erfolgreichste österreichische Bergsteiger: Gerfried Göschl. Seit dem 11. Juni war er als Expeditionsleiter auf den 8000er-Bergen Nanga Parbat und anschließend auf dem K2 unterwegs. KURIER.at hat die Gruppe während der ganzen Zeit redaktionell begleitet (siehe Link). Nun ist Göschl wieder zurückgekehrt und spricht über die tragischen Momente während der Expedition, aber auch über das "Höchste, was ein Bergsteiger erreichen kann": Eine neue Route auf einen Achttausender.

KURIER.at: Herr Göschl, Sie waren jetzt seit Anfang Juni unterwegs, in einer völlig anderen Welt. Haben Sie sich zu Hause in Österreich schon wieder eingewöhnt?

Gerfried Göschl: Natürlich dauert es ein paar Tage, bis man sich wieder in die Normalität des Lebens einordnen kann. Jede Rückkehr ist auch wieder ein Neubeginn, ein Neustart in vielen Dingen, und das genieße ich.

Was haben Sie nach Ihrer Rückkehr als Erstes gemacht?
Meine Tochter Hannah - sie wird Mitte September drei Jahre alt - hat sich irrsinnig gefreut, als ich endlich wieder Zuhause angekommen bin. Stundenlang hat sie mir gezeigt, was sie alles in den zwei Monaten meiner Abwesenheit gelernt hat. Es ist genial, welche Entwicklungsschritte Kinder in diesem Alter in nur kurzer Zeit machen. Sie hat zum Beispiel inzwischen gelernt, Rad zu fahren. Da bin ich natürlich mächtig stolz.

Wie groß war die Enttäuschung, als Sie kurz vor dem Gipfel des K2, auf 8300 Metern, aufgeben mussten?
Wir hatten ein wirklich tolles Erlebnis am K2. Wir, Louis Rousseau, Sepp Bachmair und ich, und auch alle anderen haben so gut zusammen gearbeitet, alles ist so glatt gegangen, dass wir uns fast zu sicher waren, den Gipfel zu erreichen.
Die Natur gibt uns aber Grenzen vor, die wir akzeptieren müssen. Es gibt am K2 in manchen Jahren Schneeverhältnisse, die wegen der großen Lawinengefahr und der Tiefe des Schnees keine Besteigung zulassen. Leider sind wir genau an diesen Verhältnissen gescheitert. Ich bin da Realist und dankbar für das Erlebnis. Wir werden wiederkommen!

Sie haben sich bereits dazu geäußert, vielleicht noch einmal ein kurzes Statement zu den Vorwürfen, das österreichische Team sei Schuld am Tod der Koreanerin am Nanga Parbat.
Diese Geschichte hat uns zusätzlich sehr getroffen, da wir durch den Tod unseres Freundes Wolfgang (Anm: Wolfgang Kölblinger) bereits unter Schock standen. Noch dazu kam die Anschuldigung, die völlig an den Haaren herbeigezogen ist, von einer Person, die gar nicht beim Unfall dabei war. Mit der Expeditionsgruppe von Frau Go hatten wir ein freundschaftliches Verhältnis, sie haben meine Gruppe nie mit dem Unfall von Frau Go in Verbindung gebracht.


Wie verkraften Sie den Tod Ihres Freundes Wolfgang Kölblinger? Wie schwer war es, danach weiterzumachen? Und dann noch den K2 zu versuchen?

Ich hab schon mehrere große Expeditionen zu Achttausendern organisiert und geleitet, immer sind alle unbeschadet nach Hause gekommen. Wolfgang zu verlieren war vor allem menschlich ein schwerer Schlag für mich. Er war nicht nur ein persönlicher Freund von mir sondern auch von meinem Bruder, meinem Vater und meiner Familie.
Wolfgang war ein starker und erfahrener Höhenbergsteiger, er hatte eine sehr offene Art mit Menschen umzugehen, war sehr beliebt. Dies war bereits unsere dritte große gemeinsame Bergfahrt. Es war schrecklich, die Botschaft und Details über seinen Tod an seine Frau zu übermitteln. Die Telefongespräche mit ihr haben mir aber sehr geholfen, sie ist eine außergewöhnlich starke und sehr gläubige Frau.
Für mich war wichtig, falls ich den K2 versuchen sollte, dass meine Frau und Luisi Kölblinger damit einverstanden sind. Ihr negatives Urteil hätte ich zu hundert Prozent angenommen, nicht aber jenes von anderen, nicht betroffenen Menschen. Beide sind hinter mir gestanden und haben grünes Licht für den K2 gegeben. So wollte ich zuerst zum K2 anreisen, um selbst wieder in Einklang mit mir selbst zu kommen, wieder mittig zu werden. Erst dort im Basislager habe ich mich mit meinen Freunden zu einem Aufstieg entschieden. Wir haben wirklich alles gegeben, in unseren Gedanken war aber Wolfgang immer bei uns.

Ist diese extreme Art des Bergsteigens, wenn man Familie hat, nicht egoistisch? Die Daheimgebliebenen machen sich schließlich Sorgen ...
Meine Frau Heike hat mittlerweile schon eine gewisse Routine mit meinem "Hobby". Aber nichts ist selbstverständlich, ich muss und will meine Leistungen in der Familie bringen, bevor ich wieder aufbreche. Wichtig ist, dass man ehrlich miteinander umgeht und beiderseits bereit ist, Kompromisse einzugehen. Ich trainiere bis auf ganz wenige Ausnahmen nur in meiner direkten Umgebung im Ennstal. Zwischen meinen Expeditionen habe ich keine Möglichkeiten, um etwa Zeit mit Reisen in die Westalpen zu vergeuden. Ich habe noch nie einen Viertausender bestiegen.
Während einer Expedition stehe ich über Satellitentelefon im ständigen Kontakt mit meiner Frau und meiner Tochter. Sorgen kann man mit guter Kommunikation und Vertrauen auf ein Minimum reduzieren.

Wie ist es, während solchen Exeditionen mit so vielen Menschen ständig auf engstem Raum zusammen zu sein? Gibt es da keinen Lagerkoller?
Ich umgebe mich bei meinen Expeditions-Gruppen vor allem mit Freunden und Kollegen, die schon mehrmals mit mir unterwegs waren und allesamt sehr erfolgreiche Bergsteiger sind. Mit solchen Profis und Routiniers unterwegs zu sein ist für mich eine persönliche Bereicherung und ich genieße die Zeit und Unterhaltungen mit ihnen. Wichtig ist, dass es auch andere Themen als das Bergsteigen in unserem Leben gibt.

Was macht man etwa, wenn man tagelang im Zelt auf besseres Wetter warten muss?
Mir macht das nicht wirklich was aus, ich nutze diese Zeit zur Regeneration, zum Lesen, zum Essen, zur Konversation mit Freunden und Teilnehmern anderer Expeditionen. Schlechtes Wetter gehört einfach zum Expeditionsalltag. It's your holidays, you must like it!

Abgesehen von den tragischen Erlebnissen, was war Ihr schönster Moment während der Expedition?
Wenn ich hier über tolle Erlebnisse berichte dann möchte ich kurzfristig den tragischen Tod von Wolfgang ausklammern. Für uns ist es immer noch sehr schwer beides nebeneinander stehen zu lassen bzw. zu trennen.
Vom bergsteigerischen her haben wir Übermenschliches geleistet. Neun Teilnehmer haben den Gipfel des technisch sehr schweren Nanga Parbat erreicht. Mein alpines Traumprojekt "Königsweg -neue Route" konnten wir zu fünft umsetzen, noch dazu in der bergsteigerischen Königsdiziplin - im Alpinstil. Das heißt keine Fixseile, keine vorbereiteten Lager, kein künstlicher Sauerstoff und keine Fremdhilfe durch Träger. Wir haben einfach die Rucksäcke im Basislager gepackt, sind aufgebrochen und bis zum Gipfel durchmarschiert. Wir sind vier Tage am Grat geklettert, jeder Schritt war absolutes Neuland.

Wie lange haben Sie dieses Vorhaben geplant?

Ich habe diese Route und ein einhergehendes Filmprojekt eineinhalb Jahre geplant und dann gemeinsam mit meinen Freunden bzw. langjährigen Bergpartnern, dem Steirer Günther Unterberger, dem Burgenländer Hans Goger, dem Salzburger Sepp Bachmair und dem Kanadier Louis Rousseau knallhart durchgeführt. Eine neue Route auf einen Achttausender ist das Höchste, was ein Bergsteiger erreichen kann, quasi das alpine Walhall. Wir haben Alpingeschichte geschrieben.
Am K2 haben wir wegen der Vorfälle auf mein zweites Projekt, auch eine neue Route, verzichtet. Dennoch haben wir diesen Berg in ganz leichtem Stil zweimal versucht und hätten ihn bei besteigbaren Verhältnissen geschafft. Wir haben keinen Grund, die Köpfe hängen zu lassen. Wir wissen, dass wir die bergsteigerischen, konditionellen und mentalen Fähigkeiten haben um irgendwann in Zukunft wirklich auf dem Gipfel dieses Bergs zu stehen.

Noch einmal zu Ihrer Routen-Erstbesteigung am Nanga Parbat. Wie heißt diese nun? Göschl-Route? Wie wird ein neuer Name offiziell?
In Bergsteigerkreisen ist es üblich, dass die Erstbesteiger die Route benennen. Ihnen steht es auch frei, markante Punkte bzw. markante Routenabschnitte einen Namen zu geben. Mir - bzw. uns - war es wichtig, dass jeder der Erstbesteiger und in Gedenken auch unser Freund Wolfgang Kölblinger auf dieser Route verewigt wird. In dieser Hinsicht haben wir uns schnell geeinigt. Üblich ist, dass die Route nach dem Leiter bzw. Ideengeber benannt wird, wenn er bei der Besteigung dabei ist. So könnte sie jetzt als Göschl-Route bezeichnet werden, das stimmt. Ich habe mich aber mit meinen Freunden abgestimmt, wir haben uns für den internationalen Namen "Austrio-Canadian North-West Buttress on Nanga Parbat" entschieden.
Die Route wird in diversen wichtigen Bergsteigermedien veröffentlicht und bekommt so ihre internationale Anerkennung. Wichtig ist, dass man gut beschreibt, mit Bildern belegt und vor allem aufrichtig berichtet.

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Mit sechs bestiegenen Achttausender bin ich nach Gerlinde Kaltenbrunner der erfolgreichste österreichische Bergsteiger.
Mit meinen Freunden Günther Unterberger und Louis Rousseau habe ich aber nach unserer Neuroute Lunte gerochen. Wir möchten nicht wie so viele andere die Achttausender über "Normalrouten" abhaken, sondern wir möchten uns auf ausgesuchte Projekte, Neurouten auf Achttausender, konzentrieren. In den vergangenen zwei Jahren haben wir u.a. zweimal den K2 versucht und Pakistan bereist. Wir brauchen jetzt eine K2-Pause, neue Herausforderungen, ein anderes Land. Ich hoffe wir können Sponsoren für unsere Sache begeistern, denn schon einige Jahre gehe ich mit einem Projekt in Nepal - einer neuen Route auf den fünfthöchsten Berg der Erde, dem Makalu (8485 Meter), schwanger. Sobald es mein Arbeitgeber erlaubt, ich bin im bürgerlichen Leben Lehrer, werde ich wieder aufbrechen. Wenn wir diese Sache schaffen, kehren wir zum K2 zurück, dann aber über meine bereits durchgeplante Idee. Dies wäre unser Jackpot: K2 über eine neue Route, und natürlich im Alpinstil!
Auch an meinem Filmprojekt Nanga Parbat wird eifrig gearbeitet, am 1. Oktober findet in meiner Heimatstadt Liezen in der Steiermark die Premiere statt. Dieser Film wird bei verschiedenen Bergfilmfestivals im In- und Ausland gezeigt werden.