Die letzten Zeitzeugen

Die letzten Zeitzeugen
Überlebende berichten von ihren Erlebnissen während des Krieges.

Kaum Essen im Haus, eine lange Schlange bei der Lebensmittelausspeisung und ein Vater, der selten daheim war.

Der KURIER sprach mit Überlebenden des Ersten Weltkriegs über ihre Erinnerungen. Die meisten waren zu Kriegsbeginn kaum ein Jahr alt, doch einige Details haben sich eingebrannt.

Die letzten Zeitzeugen

Auch die Kinder wurden in die Kriegsmaschinerie eingebunden. Mädchen strickten Strümpfe, Schneehauben oder Pulswärmer für die Frontsoldaten.

Für die Burschen gab es im Turnunterricht Schießübungen. In der Freizeit wurde Weltkriegsquartett oder „Der schwarze Peter von Serbien“ gespielt. Und sogar Postkarten wurden für Propaganda-Zwecke genützt (siehe Bild oben; aus: Im Epizentrum des Zusammenbruchs. Hrg. v. Alfred Pfoser, Andres Weigl; Metroverlag).

Morgen: Das Scheitern der Moderne – warum die kreative und intellektuelle Elite die Zerstörung für einen Befreiungsschlag hielt.

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Margarethe Maier ist eine der meistbesuchten Bewohnerinnen im Pflegeheim in der Pramergasse (9. Bezirk). Und das, obwohl die fast 100-Jährige keine eigenen Kinder hat. „Sie hat sich immer sehr stark in ihrer Pfarre in Altlerchenfeld engagiert“, erzählt ihr Neffe. Die ist nur ein paar Gehminuten von Maiers ehemaligen Volksschule entfernt. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte die 1914-Geborene jedoch nicht in Wien sondern bei einer Pflegefamilie in Bad-Großpertholz (NÖ). Der Vater war im Krieg, die Mutter musste arbeiten. Die Zeit im Waldviertel hat der gelernten Schneiderin eigentlich gut gefallen. „Die Magdhuberin war sehr gut zu mir“, erinnert sie sich. „Ich habe niemals wieder so gute Mohnnudeln gegessen – überall sonst fehlt der Schuss.“ Ihre Eltern hat sie während der Zeit kaum gesehen. Doch einmal kam ihr Vater sie besuchen. Sie gingen spazieren, er rutschte im Bach aus und war ganz nass. „Mein Vater war aber nie streng, eher die Mama. Und er hat immer Virginia geraucht.“

Leopoldine Hötzl, geboren am 27. Oktober 1908 in Wien, erlebt keine einfache Kindheit. Sie musste rasch lernen selbstständig zu sein. Den Wohnungsschlüssel bekam sie um den Hals gehängt, die Mutter musste zur Arbeit.

Das junge Mädchen ist eine aufmerksame Beobachterin, manches bleibt unvergessen, hat sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. „Ich sah, wie Kaiser Franz Joseph mit der Kutsche von Hietzing nach Schönbrunn fuhr. Die Leute haben ihm zugewunken. Dass war was“, sagt die rüstige Pensionistin lächelnd.

Die heute 105-Jährige erlebt zwei Kriege. Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbricht, wird die Schulklasse umgesiedelt. Das eigentliche Gebäude in Wien wird als Kaserne genutzt. „Mein Vater musste an die Front, es war eine schwere Zeit für uns, voller Ungewissheit.“

Das Leben der jungen Frau ist vor allem durch Arbeit bestimmt. Sie werkt in einer Knopffabrik, später als Dienstmädchen für Ärzte in St. Pölten. „Manchmal hab ich dem Primar das Auto vorgefahren, vorher habe ich es aber noch ankurbeln müssen.“

Der runde Couchtisch ist voller Fotografien und Erinnerungen. Etwas wehmütig betrachtet Hannes Schiel von seinem Biedermeierstuhl aus die Bilder. „Vom Krieg bekam ich nur mit, dass es nichts zu essen gab“, erzählt der ehemalige Burgschauspieler. Im Parterre des Wohnhauses fand sich Schiel mit Mutter und seiner älteren Schwester Margarethe – „Ihr habe ich auch meinen Namen zu verdanken. Wegen Hänsel und Gretel“ – zur Essensausspeisung ein. Meistens gab es Einbrenn oder Bohnensuppe. „Und einmal ist in meiner Suppe etwas Braunes mit Haaren drauf geschwommen. Es sah aus wie ein totes Tier“, erinnert sich Schiel mit Schaudern. „Aber es war eine Schweinsschwarte.“

Dann erinnert sich Schiel noch an einen großen Mann mit langem Bart, grauer Pelzmütze, schäbigem Uniformmantel und einem Spagat, der als Gürtel diente. Ängstlich hat sich Schiel unterm Sofa verkrochen. Seine Mutter ging zu Schiel und erklärte ihm, dass das sein Vater sei, der aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte.

Als der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist, war die heute 99-jährige Hilda Breitmeyer gerade einmal drei Monate alt. Mit ihrer Familie lebte sie damals in Wien. Ihr Vater musste als Soldat in den Krieg einrücken, die Mutter ging arbeiten. Um Breitmeyer hat sich vor allem die Großmutter gekümmert. Das Fortwähren des Krieges konnte sie als kleines Kind nur schwer erfassen. „Ich hab’ nicht allzu viel mitbekommen“, sagt die 99-Jährige. Trotzdem kann sie sich an Details erinnern. Mit ihrer Großmutter musste sie sich stundenlang um Lebensmittel anstellen. „Unendlich lange sind wir da um ein Viertel Kilo Brot angestanden. Und oft hat es sein können, dass man trotzdem keines mehr bekommen hat“, sagt sie. „Lebensmittelmarken hat es ja im Ersten Weltkrieg noch nicht gegeben. Das war erst im Zweiten Weltkrieg der Fall“, erzählt Breitmeyer. Die Familie habe aber immer geschaut, dass es dem Mädchen gut geht. Der Vater ist später aus dem Krieg heimgekehrt.

Im Jahr 1938 hat Hilda Breitmeyer schließlich geheiratet. Ihre beiden Kinder sind während des Zweiten Weltkrieges auf die Welt gekommen. „Dieser Krieg hat mir dann alles abverlangt.“

„Ich weiß noch, dass ich als Kleinkind immer Hunger hatte“, erinnert sich Otto Holbig aus Sollenau, NÖ, an den Ersten Weltkrieg. Am 1. August 1914 geboren, war schon sein Start ins Leben hart. Die Mutter wurde nach der Entbindung krank, durfte ihr Baby nicht stillen. Holbig wurde von seiner Oma aufgezogen. „Sie musste stundenlang um Milch anstehen.“

Als drittes von vier Kindern wuchs er in Wien heran. „Meine Mutter, Anna, war Weißnäherin, mein Vater, Hans, Musiklehrer“ erzählt Holbig. Da sein Papa schwer Lungenkrank war, galt er als untauglich. Sein Opa war für die Front zu alt. So blieb der Familie das Schicksal vieler anderer, die ihre Lieben auf dem Schlachtfeld verloren haben, erspart. Dennoch waren es harte Zeiten. „Mein Vater verdiente nichts, denn einen Musiklehrer konnte sich während des Krieges niemand leisten.“

War er glücklich? „Wenn ich von jemandem ein Butterbrot bekommen habe, schon“, lacht der Senior, der 58 Jahre lang verheiratet war. Leider starb seine Ehefrau Susanna vor Kurzem.

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