Style
12.02.2017

Wie Dior vor 70 Jahren die Mode revolutionierte

© Bild: Instagram/bellahadid

Vor sieben Jahrzehnten präsentierte Christian Dior seine erste Kollektion – und wurde mit seinem "New Look" zum Wegbereiter der französischen Haute Couture.

Ausgerechnet einer Hellseherin ist es zu verdanken, dass Christian Dior am 12. Februar 1947 den Mut fand, seine erste Haute-Couture-Kollektion der Öffentlichkeit zu präsentieren – und damit den Beginn einer neuen Ära einzuläuten.

Diese begegnete dem 14-jährigen Dior im Jahr 1919 auf einem Jahrmarkt und gab ihm nach einem Blick in seine Hände eine Weissagung auf den Weg, an die er sich viele Jahre später erinnern sollte: "Sie werden ohne Geld sein, aber Frauen bringen Ihnen Glück, und durch sie werden Sie Erfolg haben, auch finanziellen Erfolg, um dann genötigt zu sein, zahlreiche Schiffsreisen zu machen", sagte die Wahrsagerin. Was seine Eltern und er zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Der Blick in die Zukunft sollte sich später als überraschend präzise herausstellen.

Haus der Träume

26 Jahre vergingen und Christian Dior war mittlerweile als Zeichner beim Couturier Lucien Lelong angestellt. Ambitionen in Richtung Selbstständigkeit hatte der schüchterne Angestellte keine – bis er einen Investor traf, der von der spontanen Idee eines kleinen und exklusiven "Hauses seiner Träume" begeistert war. Er beschloss, dem damals 41-Jährigen die finanziellen Mittel für die Gründung eines eigenen Modehauses zur Verfügung zu stellen.

1946 zog der noch unbekannte Schneider mit seinem Team aus Näherinnen und Mannequins in drei Ateliers in der heute berühmten Nummer 30 der Pariser Avenue Montaigne ein – und begann die Arbeit an seiner Debüt-Kollektion.

Adieu Boxerschultern

Diese sollte sich von der zurückhaltenden Mode der vergangenen Jahre grundlegend unterscheiden. "Wir hatten eine Zeit des Krieges, der Uniformen, der dienstverpflichteten Frauen mit breiten Boxerschultern hinter uns", schrieb Dior später in seiner Autobiografie Dior und ich. Er hingegen zeichnete schlanke Taillen und "wie Blumenkelche sich ausbreitende weite Röcke". Die Kleider sollten die Rundungen des weiblichen Körpers betonen, indem sowohl der Umfang der Hüften als auch die Brust hervorgehoben wurde. Eine Herausforderung stellten die großen Mengen an Stoff dar, die benötigt wurden, um den Modellen Halt zu geben. Taft und trockene Wollen waren durch fließende Stoffe verdrängt worden – und in der Nachkriegszeit schwer zu bekommen.

Die erste Kollektion namens Ligne Corolle (französisch "Blütenkelchlinie") schlug ein wie eine Bombe. Die von der damaligen Harper’s Bazaar-Chefredakteurin Carmel Snow als "New Look" bezeichneten Kreationen verkauften sich so gut, dass die Mitarbeiter kaum mit der Arbeit hinterherkamen. Nicht nur die Franzosen rissen sich um die Entwürfe, sondern auch Amerikaner, Engländer und Italiener.

00/00/1947. Paris. This model is presenting the BAR lady's suit by Christian Dior which was a great success of the New-Look.En 1…

Besonders beliebt: Das "Bar"-Kostüm, welches aus einer körperbetonten cremefarbenen Jacke und einem schwarzen Plisseerock bestand. "Man wollte endlich wieder in Materialien schwelgen", sagt Modehistorikerin Anna Maria Bönsch im Gespräch mit dem KURIER. "Christian Dior hat die Zeichen der Zeit erkannt."

Der selbstkritische Couturier arbeitete in den darauffolgenden Jahren unermüdlich, um den weltweiten Erfolg seiner ersten Kollektion fortzuführen. 1957, gerade als er sich für einige Tage in Italien erholen wollte, erlitt er im Alter von 52 Jahren einen tödlichen Herzinfarkt.

Die Idee lebt weiter

Trotz seines plötzlichen Ablebens steht das Modehaus bis heute für zeitlose Eleganz – und das äußerst erfolgreich. Viele Designer traten seitdem in Diors große Fußstapfen, darunter Yves Saint Laurent, John Galliano und zuletzt Raf Simons. Nun steht mit der Italienerin Maria Grazia Chiuri erstmals eine Frau an der Spitze des französischen Unternehmens. Sie führt seit 2016 das Erbe des Gründers fort – ohne dabei die Wurzeln des Haute-Couture-Hauses zu vergessen.

Die Italienerin hat sich den geliebten Silhouetten des verstorbenen Schneiders neu angenommen und einen Hauch Leichtigkeit hinzugefügt. Im Interview mit der britischen Vogue sagte Chiuri über die Zukunft der Marke: "Weiblichkeit ist nicht etwas, das in den Fünfzigern abgeschlossen wurde". Christian Dior hätte ihr sicher zugestimmt.

Das Parfum, das den neuen Look begleitete

Seinen Kundinnen noch nie dagewesene Schnitte zu präsentieren, war Christian Dior nicht genug. Gleichzeitig mit seinem New Look brachte der Visionär 1947 auch sein erstes Parfum auf den Markt.

Sein ältester Freund Serge Heftler-Louiche schlug ihm noch vor Eröffnung des Hauses vor, die Gesellschaft "Parfum Christian Dior" ins Leben zu rufen. Eine Szene im Atelier des Modemachers inspirierte diesen zum Namen seines heute weltberühmten Dufts. Dior arbeitetete gerade mit seiner Muse Mitzah Bricard an neuen Outfits, als seine jüngere Schwester Catherine den Salon betrat. "Da ist ja Miss Dior", rief die Beraterin – und der Name seines ersten Couture-Parfums war gefunden.

Blumig statt schwer

Mit der Wahl der Inhaltsstoffe tanzte der Franzose, wie auch mit seiner Mode, bewusst aus der Reihe. Einen Duft wie die Liebe sollten die Parfumeure Paul Vacher und Jean Charles für ihn kreieren. Zu einer Zeit, als pudrige und schwere Düfte populär waren, entwickelten diese ein Chypre-Parfum, welches mit seiner Kombination aus Bergamotte und floralen Noten bei den Damen sofort für Aufmerksamkeit sorgte. Genau wie der New Look, den es begleitete, löste es eine Revolution aus.

Bis heute werden die Mairosen und der Jasmin, die für die Herstellung des ersten Dior-Parfums und dessen Nachfolger benötigt werden, in Grasse angebaut. Christian Dior hätte der einzigartige Garten bestimmt gefallen. Schließlich wusste der Blumenliebhaber bereits 1947: "Das Parfum ist die unverzichtbare Ergänzung einer weiblichen Erscheinung. Es ist der Finishing Touch eines Kleids."